John Zorn Six Litanies for Heliogabalus (Tzadik, TZ 7361, 2007)

Die Six Litanies for Heliogabalus hat Zorn Varèse, Crowley und Artaud gewidmet, aus dessen Héliogabale ou L'anarchiste couronné von 1934 er den Hinweis pflückte, den berüchtigten römischen Kaiser (+ 222) nicht als madman zu betrachten, sondern als rebel. Als Marcus Aurelius Antoninus war der gerade mal 13-jährige Teenager Kaiser geworden und durch seinen Versuch, sich selbst als der androgyne Elagabal des Sonnenkultes zu vergöttlichen ein Stein des Anstoßes für alle, die Rom lieber als Phantasma aus Disziplin und ‚männlichen Tugenden' bewahren möchten. Zorn streut ihm mit seinen Six Litanies Rosenblätter wie schon Lawrence Alma-Tadema, der mit The Roses of Heliogabalus (1888) eine sadomasochistische Phantasie der Decadence ausgemalt hatte - unter Rosenblättern zu ersticken. Allerdings sind Zorns Rosen perverse Blumen, wenn nicht des Bösen, dann der Schmerzlust, gepflückt im Garten der süßen Qualen. Mit Joey Baron, Trevor Dunn, Jamie Saft, Ikue Mori und dem Komponisten selbst sind 5/8 von Electric Masada im Einsatz, werden aber von Zorn über Naked City-Terrain gepeitscht, das mit Glassplittern übersät ist. Moris Werk? Safts Beitrag sind wenig geheure, LeVey'sche Orgeldrones, ein sakral und doch schweflig angehauchtes Pathos. An Naked City gemahnt vor allem die hysterische Zickigkeit von Zorns Alto und der Yamatsuke Eye-Kecak von Mike Patton. Patton ist der Hohepriester dieses Elagabal-Kultes und die A capella-‚Litany IV' von gut 8 Minuten ein irrwitziger, ein wahrhaft gott-kaiserlicher Eintrag im Book of David Moss. Und eine Huldigung an Artaud, die ihresgleichen sucht. Ansonsten singt und schäkert auch ein 3-stimmiger Frauenchor zu Füßen des Kaisers, sonnenhaft und im grössten Kontrast zur unheiligen Helterskelter-Musik, die von Baron & Dunn'schen Metal-Dämonen durchzuckt und durchstampft wird. In einem Moment silbriges Gefunkel zum Aaah und Oooh der zarten Frauenkehlen und blitzartig im nächsten zerSCHRIIIIIIILLT das Universum unter Stromschlägen. Jede der Litanies wird von solchen Kontrasten und Schocks gespalten und ist doch untrennbar wie ein Terminator T-1000. Die groteske und in meinen Ohren doch schaurig-schöne Hochzeit von Hildegard von Bingen und Fantomas, von Rosenblüten und Vulkanschlacke, von Pathos, Bizarrerie und Gelächter sollte als einer von Zorns geglücktesten Versuchen, Gegensätze zum Tanzen zum bringen, der damnatio memoria entgehen, die ihn schon zu Lebzeiten als hemmungslosen Hochstapler und musikalischen Barbaren abschreiben möchte.

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rbd / bad alchemy



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