|
Zappanale 20
|
Immer wieder und noch einmal
Mit der Zappanale ist es wie mit Designerlampen. Verrückt, dass jemand die Idee hatte und sie - erfolgreich - durchsetzte. Jetzt gab es sie schon zum zwanzigsten Male, die Zappanale. Und sie war, wie jedes Jahr, besser als ihr nostalgisch geliebter Vorgänger. Da ist Numero 20 nicht anders als ihre grandiosen Vorgänger. Keine lernte aus und immer gab es etwas Neues. Gleich eine Kuriosität zum Anfang: zur 20. sollte Terry Bozzio kommen, was im Vorfeld durchaus zu beherzten Auseinandersetzungen und gegenteiligen Meinungen führte, war der brave Schlagzeuger doch enorm teuer. Soviel Geld mehr sollte die Karte kosten! Über die "normale" Preiserhöhung aus wirtschaftlichen Gründen hinaus. Schwindelerregende Summen flogen im Festivalhaushalt hin und her, die Crew holte alles aus ihrem Denkarium heraus, bis Chef Spanien meinte: alle zahlen wegen Mr. Trommelwirbel einen Extrapreis, den sie wiederbekommen können, wenn sie ihn nicht sehen wollen. Einfach vor seinem Concerto zum Ticketbüro wandeln, das Nichtinteresse kundtun und Geld zurück erhalten. War so!
Noch 'ne Kuriosität? Discus aus Jakarta, Indonesien, waren für 2003 (2004?) angekündigt. Visa, Flugtickets, Organisation, etc. - sie konnten nicht kommen. Niemand war trauriger als die Band selbst. Und die, die wussten, was sie verpassten. Ein Jahr später die zweite Ankündigung. Die gleichen Schwierigkeiten, das gleiche Fazit. Die Jahre folgten, Discus probierten alles. Und schließlich glaubte keiner mehr daran. Die Band wurde nicht mehr angekündigt, keiner dachte mehr daran, Discus von der anderen Seite der Welt auf dem Festival ihr Konzert geben zu lassen. Doch dann, kurz vor der 20., nicht offiziell ins Line-Up gewählt, wozu eine geheimnisumwitterte Gruppe sich im finsteren November zusammensetzt, waren sie wieder angekündigt und auf ihrer Facebook-Seite glühten die Bits und Bytes. Tja, und dann waren sie tatsächlich da. Standen auf der Bühne, mit einem weltbekannten Gamelan-Perkussionisten und einer in Indonesien äußerst erfolgreichen und bekannten Jazzsängerin im Line-Up und donnerten ihr exotisches Konzert mit Wucht ins staunende Auditorium. Ihr ureigener Mix aus ethnischer Folklore, Gamelan, Zwölftonmusik, Jazz und Progressive Rock mit Metalanklängen ist erheblich komplex, hatte leider die falsche Urzeit, um 13 Uhr mittags spielten sie. Weckten und begeisterten das vor der Bühne anwachsende Publikum mit enormer Energie. Dabei waren sie jetlagged, seit 36 Stunden unterwegs, und kaum hatten sie ihre Show gegeben, wurden sie auch schon wieder abgeholt, nach Belgien, wo sie in der indonesischen Botschaft (!) ein weiteres Konzert gaben. Verrückt, für eine einstündige Show um die Welt zu reisen und nix von der Festivalatmosphäre schnuppern zu können.
Auf dem Festivalgelände liefen Rockstars junger und alter Garde umher: Kawabata Makoto (Acid Mothers Temple), Mani Neumeier (Guru Guru), David Allen (Gong), Steve Hillage (Steve Hillage Band, Gong), Morgan Ågren (Mats/Morgan), Denny Walley, Ike Willis, Don Preston, Roy Estrada und natürlich Napoleon Murphy Brock. Wer Lust hatte, konnte sich mit allerhand Musikgrößen fotografieren lassen oder Schwätzchen halten.
Die Atmosphäre des feinen Festivals ist friedlich und entspannt, Altrocker mit weißen Loden und Jungvolk mit Neugierde in den Augen hängen gemeinsam ab oder treiben ihre bierseligen Späßchen, diskutieren über allgemeine und spezielle Zappaismen, teilen ihr Wissen, ihre Erfahrungen, und holen zu Meinungen aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Gong spielten Sonnabendnachts. Ein langes Konzert, Phase Endsechziger, Frühsiebziger. Zum Heulen schön! Vermutlich nicht Gong allein, sondern das gesamte delikate Line-Up und der nostalgische Ruf der 20 holten so viele Freaks und Fans zum Festival, dass der lange Zeltplatz fast bis zum weiten Ende voll war.
Schon am Dienstag waren die ersten zarten Sprossen des Festivals aufgegangen, in Hamburg. Sheik Yerbouti gaben mit Napoleon Murphy Brock ein akustisches Set in der St. Katharinen Kirche, am Mittwoch gab es die Streetparty in Bad Doberan City mit Konzerten, Vorträgen und Filmen, Fritz Rau war wieder da, sowie Filmemacher Rudi Dolezal.
Das diesjährige Festival wurde Jimmy Carl Black gewidmet, dem im vergangenen Jahr verstorbenen "indian of the group", samt Schweigeminute vor der Bühne, wo gab es so was schon mal!
Acid Mothertemple Guru Guru Gong gaben ihr extraordinäres Freakset am Freitag. Psychedelic Rock der völlig ausgeflippten Art. Mani Neumeier, David Aellen und Kawabata Makoto dehnten das Musikuniversum in ungeahnte Lässigkeit aus, die Leut' waren glücklich und nirgendwo mehr zuhause als hier auf dem sonnigen, warmen, leicht luftigen, windangesäten Festivalgelände. Lustig immer wieder die Diskussionen nach den einzelnen Gigs. Lazuli waren den Einen zu lasch (Laschuli…), We Insist! überraschten mit so neuen Rockideen, dass selbst alte Hasen und Kenner Neuglückerfahrungen erleben durften. Und ein junges Lockenkücken meinte, sie seien ihm zu metallisch (Laschi…).
Das Jazzrock Projekt Zappanalehagen mahavishnusierte das Publikum erneut auf die feine, erlesene Jazzrockweise, später war die g/dr-Zwillingscrew stets für todernsten Schwatz und einige Biere gut zu erreichen.
Wer wollte, konnte sich auf dem neuen Gelände - das bauchige alte wurde gegen ein schlauchiges dünnes daneben ausgetauscht, so dass jedermann sich gemütlich auf den steinlosen Rasen werfen konnte und genießen, soweit das Ohr reichte - vielseitig ernähren, gesund durchkneten lassen oder in der Hängematte abhängen, bis der nächste dran war, lustige und nüchterne Getränke über die lüsterne Zunge träufeln lassen, Klamotten, Schmuck und Täschchen hier, Platten, CDs und DVDs dort erwerben, nebst weit reichendem Wissen um Progressive Rock, Jazz und Avantgarde ('Tschuldigung, Gerd, ich vergaß die Moneten…) und vielerlei mehr. Gaukler, Urmenschen und Mittelaltler (heißen die so?) flanierten um Rocker, Punks, Gothics und stilfrei aussehende Normalmitmenschen, die kleine Bühne, fast hätte ich es vergessen, rockte und rollte witzig, schräg, avantgardistisch, blöd, hart und herzlich die Leute voll, wenn oben umgebaut wurde, bei Charly gab es Koenjihyakkei DVD-technisch fünfmal hintereinander pausenlos auf die Ohren und er lachte noch dabei. Unkaputtbar, der Artrock-Organisator!
Die Hippiefestival-Crew war mit CDs und guter Laune angerückt. Nur eins war Scheiße: nebenan wurden die Böhsen Onkelz verkauft. Das ist zumindest unsensibel, wenn nicht tumb!
Im Arf Shop verkaufte Knetmasseur Bruce Bickford Figuren aus Knetmasse, seine Knetlandschaften sind in Zappa-Videos grandiosen Brüchen und Entwicklungen unterworfen, wer weiß das nicht.
Kawabata Makoto hätte ein eigenes Zelt mit seinen Veröffentlichungen gebrauchen können, T-Shirts, CDs, DVDs und und und waren im Arf Shop zu haben, die auftretenden Bands boten nach der Show ihre Materialien feil. Nebenan gab es das Info-Zelt, in dem Informationen um die Zappanale, die Arf Society Mitgliedschaft zu haben waren, und: wer wollte, konnte superfrische DVDs von den Konzerten, die just soeben stattgefunden hatten, fürs heimische Wohnzimmer erwerben.
Vielleicht die beste Zappa-Coverband aller Zeiten, wer mag das entscheiden, sie sind halt höllegut, Sheik Yerbouti, rasierten ein ausgezeichnetes Konzert in die Ohren der Freaks. Die Paul Green School of Rock waren wieder da und sie machten Laune wie nie. Die Bengels und Maiden rocken sich die Socken heiß, vom Musiklehrer Green dirigiert, der später auf der lütten Bühne ein eigenes Freakconcerto gab, im Anschluss jagten die School of Rock Kids dicht gedrängt, dass sie kaum auf die Bühne passten, Metal, Soul, Hardcore, Funk, Hardrock in fröhlich stetem Wechsel mit Energie und Härte pausenlos in die baffe Zuhörermasse, bis der große Trommelmann auf der Hauptbühne das Abschlusskonzert gab. Terry Bozzio gab ein esoterisches Set, nicht ganz unähnlich zu Lazuli. Beschwingt epische Klänge donnerten wie ein Rausch dahin, psychedelisches mixte sich mit technischem Handwerk und wieder einmal, wie immer, gingen die Meinungen anschließend weit, weiter, am weitesten auseinander.
Damit hatte es noch nicht sein Bewenden. Die große Bühne machte die Lichter aus, aber auf der kleinen rockte es wunderbarer Weise zappaesk weiter, bis in die dunkle Nacht. So gab es dieses Mal zwar keine Abschlussshow, die allen, die es wollten, einen instrumentalen Platz auf der großen Bühne gab, aber lauten Rockkrach vom Feinsten auf der auch klangtechnisch kleinen Bühne.
Ach ja, der Sound. Direkt vor der Hauptbühne waren Show und Musiker gut zu beobachten, der Sound war jedoch 60 Meter weiter hinten tausendmal besser.
Und sicher doch, es gab Marimba!!!
Liebe Leute, Spanien, Thomas, Thomas, Jim, Sale (doch, auch!) und ihr allen nicht genannten, fleißigen, stillen und pausenlosen Arbeiter: DANKE!!!
Bis zum nächsten Mal.
Es war einmal, vor nicht all zu langer Zeit, ein Jemand. Dieser Jemand liebte Musik in allen Größenordnungen: kleine Musik, große Musik, gigantische Musik, minimale Musik,… er liebte sie und eines sollte ihr zu Eigen sein: das Verrückte.
Alle möglichen und unmöglichen Adjektive gab er seiner Musik, wie sich auch niemals die Kosenamen für die Geliebte erschöpfen, seiner Geliebten. Ganz verzückt kritzelte ich eine seiner Liebesoden mit, welche ich niemandem vorenthalten möchte, zeugt sie doch von einer Liebe, wie sie die Welt seit Romeo und Julia nicht mehr gesehen hat:
Schräg, progressiv, obskur, rumorend, pulsierend, verquer, wirbelnd, tückisch, avantgardistisch, intensivst, schreiend, gnartschig, vernichtend und zerschmetternd,…
Aber auch Umschreibungen wie "strahlend, hübsch, erhebend, verzaubernd, streichelnd" fanden ihren Weg in seine ekstatischen Liebesbekundungen. Das eine schloss das andere nicht aus, sondern vermengte sich zu der bittersüßen Lust, welche die Spielwiese der Liebe ist.
Jemand liebte also die Musik. Doch das reicht nicht. Eben so wenig, wie es einem Romeo nicht reicht, seine Julia nur von unterhalb des Balkons zu begehren. Die Liebe muss gelebt werden, die Musik muss gelebt werden, eben die Liebe zur Musik… und wo anders lässt sich dies besser tun, als auf einem Festival, wo der Bass zu deinem eigenen Herzschlag wird, die schrille Gitarre deine Härchen aufstellt und eine ekstatisch musizierende Band eine Augenweide ist.
Und so zog das Verlangen und Begehren den Jemand ein jedes Jahr zur Zappanale, einem Festival, welches sich, wie der Jemand, der "etwas anderen Musik" verschrieben hatte und nunmehr seit 20 Jahren dieser Geliebten treu blieb, um sie kämpfte und jedwede Bedrohung bezwang.
Und so kam es, dass Jemand zur 20. Zappanale im Jahre 2000 und 9 zitternd und bebend vor vorfreudiger Erregung das wohlbekannte Areal mit geschlossenen Augen betrat. Es schlug ihm der Geruch von heißen Speisen, herbem Bier und süßlichen Räucherstäbchen entgegen. Ein vertrauter Geruch, ein Duft, auf den Jemand schon ein Jahr sehnlichst gewartet hatte. Seine Poren öffneten sich, um die ganze Atmosphäre und Spannung aufnehmen zu können, sein Bewusstsein damit zu überfluten und sich ins bunte Treiben fallen zu lassen. Die strahlende Sonne brannte auf sein Haupt und ließe Jemand keinen klaren Gedanken mehr fassen, wäre da nicht die erfrischende Briese, die all jene Düfte herangetragen hatte. Jemand inhalierte noch einmal tief die Festivalluft, bevor er nun völlig entspannt die Augen öffnete. Das Bild, was sich Jemand bot, war ihm nicht weniger vertraut als die Jahre zuvor. Nur hatte sich dieses Mal die Perspektive dadurch verschoben, dass das gesamte Festivalgelände auf der zu Bad Doberan gehörenden Pferderennbahn umplatziert wurde, deren anderer Seite. Eine Kleinigkeit, auf die Jemand sich gern einließ; umso mehr, da nun im Gegensatz zu den Vorjahren weicher Rasen dem Besucher die Füße und das Auge schmeichelte. Er ging nun genießend und genüsslich Schritt für Schritt nehmend auf die Wiese, die sich ihm zu beiden Seiten eröffnete und mit bunten Zelten und Ständen umsäumt wurde. Ebenso bunt trieben sich zwischen ihnen die Besucher umher. Sie bildeten eine dynamisch bewegte Masse aus glücklich faselnden Individuen, eine Masse, die an ihrem Volumen im Gegensatz zu den Vorjahren deutlich zugenommen hatte (mochte es an der Propaganda gelegen haben, die Gail Zappa so eifrig in der Presse gestreut hatte, jedoch andere Früchte trug, als sie wohl zu erwarten hoffte. Nun, herzlichen Dank!).
Da nun die Umgebung reichlich studiert ward und Jemands Riechorgan ihm das Vorhandensein der Grundnahrungsmittel für diese Tage bestätigt hatte, konnte er sich hingebungsvoll dem widmen, was schon angestrengt versuchte seiner Aufmerksamkeit gewahr zu werden: der Musik.
Traumtänzerisch führten Jemands Füße ihn zur Bühne, von wo jene lieblichen Klänge her erschallten… und von da an verlor Jemand jegliches und bekannte Raum- und Zeitgefühl. Er verließ die dritte Dimension und entschwebte in höhere emotionale Gefilde, die in etwa mit der 5. oder 6. Dimension zu vergleichen sind; so erklärte mir jemand nachdem die letzte erlesene Klangkonstruktion der Zappanale auf den im Dunkel liegenden Wiesen verhallt war und ihn unsere Dimension wieder einholte. Dort empfindet man Musik als etwas völlig anderes als reine Akustik, es ist ein reißender Strom aus dickflüssigem purpurnem Gas auf dem man liegend jede Melodiebewegung, einer Massage gleichkommend, am ganzen Körper spürt. Der Rhythmus wird zu pumpenden Venen und Arterien, Schallwellen durchzucken alle Synapsen, lassen sie glühen und brennen und die Harmonik perlt in eiskalten Tropfen über die fiebrig erhitze Haut.
Doch wie sich die Musik der Bands untereinander unterscheidet, so verschieden ist auch die Auswirkung auf den sich in einer anderen Dimension befindlichen Geist, beschrieb mir Jemand. So sei Paul Greens School of Rock mit seinen jungen Musikern nicht zu vergleichen mit beispielsweise "We Instist" aus Frankreich.
Die Rockschule aus den USA begeisterte durch die unerschöpfliche Quelle aus unglaublich fähigen Instrumentalisten im Teenager Alter, quasi ein Jungbrunnen, angefüllt mit heranwachsenden Janis Joplins, Jimy Hendrix' und Miles Davies'. Sie würdigten in ihren zwei Auftritten mehrere namenhafte Bands, wie Led Zeppelin, Iron Maiden und natürlich Frank Zappa, den Urvater dieser Zusammenkunft und ließ es in den Dimensionen zu funkensprühenden Klangexplosionen kommen.
We Insist trübten das klischeehafte Denken an Quietschorgel-spielende Wackelopas unter einem sich erhaben räkelnden Eifelturm und Sheik Yerbouti aus Deutschland vermochten einen exquisiten Kuchen aus Led Zeppelin-Teig und Frank Zappa-Tortenguss in den Ofen zu schieben und heiß dampfend dem lechzenden Publikum zu servieren.
Doch der ungeschlagene Exot und absolute Gewinner in der Kategorie "weiteste Anreise mit unendlichen Strapazen" war eindeutig die aus Indonesien anreisende Band "Discus". Die als Kulturprogramm geschickte Gruppe ließ es sich nicht nehmen, mit einem ausgewachsenen Jetlag der Größenordnung "exorbitant" die Massen zu begeistern und in wallende Bewegung zu setzen. Ihre Darbietung beschränkte sich nicht nur auf den für das Ohr hörbaren Bereich, sondern erstreckte sich bis zu anmutigen Tanzkompositionen der elfenhaften Tänzerinnen.
Und scheinbar anlässlich des runden Jubiläums von 20 Jahren Bestehen der Zappanale kündigte das Programmheft drei originale Zappa-Musicians an: den allseits beliebten und jedes Jahr gesehenen Napoleon Murphy Brock, Ike Willis (der an mehr als 20 Zappa-Alben mitgewirkt haben soll) und Terry Bozzio (Zappas Schlagzeuger, welcher die "black page" bezwang).
Letzterer zauberte allen sich unter dem Publikum befindenden Rhythmustrommlern ein Strahlen und Leuchten in die Augen, als sein noch nicht einmal mehr größtes Drumset auf der Bühne von ihm verdroschen wurde. Von den glitzernden Becken reflektierte Lichtpunkte hüpften aufgeregt auf allem umher, was sich bestrahlen ließ und machten die ohnehin schon beeindruckende Darbietung im Sonnenuntergang zu einem phänomenalen Schauspiel. Terry Bozzios Ansage, er würde ein Stück "trommeln", welches von Debussy inspiriert sei, veranlasste den einen oder anderen Publikumist leicht verächtlich die Nase zu rümpfen. Erstaunt musste dieser dann jedoch feststellen, dass sich sein Kräuseln unter weit geöffneten Augen glätteten, denn wer das Stück kannte, vermochte es tatsächlich aus dem vermeintlichen Gestrüpp von Basedrum-, Snare- und Beckenklängen herauszuhören. Mit einem Schlagzeug mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten Melodien wiederzugeben ließ natürlich keine Imitation des Stückes zu, aber welcher Künstler legt schon Wert auf ein Stück eigene Arbeit, die nicht persönliches Herzblut enthält.
Zahlreiche Bands mehr erklommen die Stufen zu den Brettern, die die Welt bedeuten, und wurden mit dem Johlen und Klatschen eines begeisterten Publikums als gefeierte Sieger wieder herunter geleitet: Gong, Mats and Morgan Band, Sex Without Nails bros., … und gingen der Zeit ihre Stunden, Minuten und jegliche Sekunden verloren…
Als Jemand aus seinem trancegleichen Zustand erwachte, war ihm, als höben ihn imaginäre Heliumballons gen Himmel. Und so schwebte er, noch nicht ganz der realen Welt angehörend, zu seinem Auto, drehte den Zündschlüssel, und fuhr in einem mit Stille erfüllten Vakuum nach Hause.
Die Zappanale ist wohl nicht irgendein Festival. Mir war am Anfang nicht ganz klar, was mich in Bad Doberan an der Galopprennbahn erwarten würde, aber etwas außergewöhnlich müsste es wohl werden. Wie könnte es auch anders sein mit diesem extravaganten Namensgeber.
Und wirklich betrat ich mit dem Festivalgelände eine neue Welt. Im ersten Augenblick glaubte ich mich an einem Ort, wo alle möglichen Stile und Gedanken auf einen Punkt kondensiert sind. Zwischen mittelalterlichen Steinzeitmenschen tummelten sich Hippies, Rocker, Metaller. Und Anzugträger. Die Stimmung war ausgelassen und besonders ausgefallen, da mir andauernd Zappabärte, langhaarige Monster und vollbärtige Weihnachtsmänner tanzender Weise über den Weg liefen, so fröhlich und lustig, dass ich mich einfach anstecken lassen musste.
Dabei ist dieses Fest nicht nur für alte Leute. Hier berauschen sich die Generationen an der Musik nebeneinander. Hier reihen sich Stände mit Batiksachen und kleinen Ganescha-Figuren an Läden mit raren LPs, der Metstand an den südasiatischen Spezialitätenladen, wie in einem Markt der Kulturen. Da genießen die Gäste einen halben Meter Bratwurst und ein Bier aus diesen wundertollen Bechern. Schade war nur dieses immense Pfand für die Becher, wo sie doch ein so herrliches Stückchen aktive Erinnerung sein können. Wer hat schon einen Bierbecher mit Bart zu Hause?
Immer wieder trugen die Festivalbesucher selber zur Show bei, in dem sie brennende Stöcke tanzen ließen oder hüpfend und grunzend mit einer Holzkeule auf uns Festivalbesucher zukamen. Oder sie waren ein lebendes Werbeschild in Obelixhose.
Wie dem auch sei, das Gelände war ausgezeichnet, da alle die freie Wahl hatten, ob man die Musiker direkt vorn an der Bühne erleben wollte oder sich einfach ins weiche Gras legte und mit geschlossenen Augen der Musik lauschte. Ich hatte die Möglichkeit, die Musik mit verschiedenen Intensitäten zu erleben oder mich einfach anderweitig zu beschäftigen. Zum Beispiel beim Klettern zu schwitzen.
Die Musik selbst war einfach nur genial und das war zu merken.
Der Platz vor der Bühne war stets gefüllt und die Massen waren in der Musik verschwunden. Wahre Begeisterungsstürme konnten Gong auslösen, obwohl mir deren Musik zu sphärisch und mystisch war und die Verkleidung fast ins Lächerliche abrutschte. Wer nimmt schon ein betendes Teletubbie in silbernem Marsmenschenkostüm ernst. (Außerhalb der Bühne ist der Frontmann übrigens total nett und normal. Diese Performance liegt wohl an der psychedelischen Videoshow im Hintergrund, und seinem Selterwasser.)
Völlig begeistern konnte mich Napoleon Murphy Brock, der eine unglaubliche Bühnenpräsenz und Stimme hat. Ich hatte nun wirklich nicht viel Ahnung von Zappa und seiner Musik, aber ich glaube bei ihm habe ich die Musik verstanden. Der Typ ging einfach auf die Bühne und schon war die Hölle los. Das Entertainment war hinreißend, da er es verstand, die Freude an der Musik ans Publikum zu übertragen und trotzdem die anderen Musiker nicht in den Hintergrund zu drängen. Wenn mich das dauernde Stehen nicht irgendwann zum Sitzen auf der großen Wiese verdonnert hätte, hätte ich mir keine Sekunde der Show entgehen lassen. Da wurde auch schnell mal ein Soundcheck zum Ausbruch guter Laune, wie bei den Grandmothers, die einen A-cappella-Gesang hören ließen, der eigentlich mehr als genial war.
Gefallen hat mir auch die Bandbreite der Musik. Zum einen Lazuli, die eine angenehme Mischung aus metallischem Gitarrensound, exotischen Instrumenten und dieser glockenklaren und unvermutet hohen Stimme des Sängers boten (sie waren echt sympathisch und freundlich, obwohl ihr Aussehen einen dazu veranlasste, einen großen Bogen um sie herum zu machen) oder die schon fast bluesige Musik von Mats and Morgan feat. Denny Walley, die aber durch den kontinuierlichen Einsatz eines Bottlenecks etwas einseitig wurde und bestimmt nicht dem entsprach, was die Musiker drauf haben.
Besonders exotisch waren Discus aus Jakarta, die als Kulturbotschafter Indonesiens endlich wieder in Deutschland waren. Eigentlich kannte ich sie vorher nicht, aber ich hatte soviel gehört, dass ich das Gefühl hatte, sie schon dreitausendachthundertsiebenundsechzig Mal gesehen zu haben. Trotz des gerade erst angebrochenen Nachmittags versammelten sich also sehr viele, um diesen besonderen Auftritt genießen zu können. Die orientalischen Einflüsse im Gesang und der Performance (angelegt an indische Tänze) wurden gemischt mit einheimischen Instrumenten und dynamischer Gitarre. Leider war der Gitarrist nicht der beste Sänger und sein Mund brachte immer wieder einfach nur undurchdringliches Geschrei heraus. Wie bei anderen Bands auch war der Sound direkt vor der Bühne sehr schwierig, um nicht zu sagen katastrophal, sodass ich mir bald andere Gefilde suchen musste, um überhaupt den Gesang der liebreizenden Damen und den Klang des traditionellen Vibraphons hören zu können.
Eine richtige Gänsehaut bekam ich dann bei einer Sängerin von Paul Green School of Rock, die mit ihrer Rockröhre die Massen kräftig einheizte. So ein kurzes Mädchen und eine Stimme, die Janis Konkurrenz macht. Echt Wahnsinn.
Sowieso beeindruckten mich diese jungen Musiker durch ihren Drive, ihre Ausstrahlung und einfach durch ihr technisches Können. Allerdings wurde der zweite Auftritt am Anfang von Paul Green selber gestört, der sich zu sehr in den Vordergrund spielte und unvorstellbar schrammige und chaotische Soli von sich gab, die einfach nur Klangbrei waren und wohl an experimentelle Musik erinnern sollten. Es war nicht herauszufinden.
Etwas skeptisch war ich bei der Aussicht auf ein anderthalbstündiges Schlagzeugsolo, doch Terry Bozzio legte unglaubliche Sensibilität und Virtuosität an den Tag, dass meine Zweifel ob befürchteter Langenweile restlos beseitigt wurden. Schon allein der Anblick des Schlagzeuges war unbeschreiblich, Bozzio verlieh den Trommeln Melodie und Klang, die weit über das übliche "Bumm-Bumm" hinausgingen.
Leider hatten wohl einige Festivalbesucher sich etwas Protzigeres und Dynamischeres vorgestellt und verließen den Auftritt vorschnell (und das bei den zwanzig Euro extra für Bozzio. Ist wohl Schicksal). Wahrscheinlich müsste ein Soloprojekt Bozzios eher in einem Konzertsaal als auf einem Rock'n'Roll-Festival wie diesem stattfinden.
Am Beeindruckendsten war die Präsenz der Musiker im Gelände. Die, die mich gerade noch von der Bühne aus mit Wonne erfüllt hatten, standen im nächsten Augenblick neben mir. Einfach so. Keine Arroganz oder Ignoranz. Wenn ich sie ansprach, freuten sie sich zumeist und das eine oder andere Autogramm oder Foto war dann zu haben.
Ja, die Zappanale war etwas Außergewöhnliches und verrückt, aber ich liebe es und werde wiederkommen und wieder und wieder und w….
Aber morgen höre ich erst einmal nur Beethoven:)
|
|
oberster Text: VM
zweiter Text: ALAM
dritter Text: Osti (Mathias Oster, 17 Jahre, seine erste Zappanale, sein erstes Rockfestival überhaupt)
|
Zurück
|
|