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WUMPSCUT "Cannibal Anthem" (Betonkopf Media / Soulfood) VÖ: 07.04.2006
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"Cannibal Anthem weist den Weg in die Zukunft des Szeneelectros - und lässt Plagiatoren, Epigonen und Unkenrufer ausblutend links und rechts der Strecke liegen." Sehr groß ist der Strauß der Vorschusslorbeeren, die da im Waschzettel zur neuesten Wumpscut-Platte verteilt werden.
Das Einmann-Projekt von Rudy Ratzinger trug entscheidend zum Entstehen des so genannten Endzeit-Electro-Stils bei. Seit 1991 frickelt der Landshuter, der nach wie vor das Licht der Öffentlichkeit scheut und sämtliche Interviews ausschließlich per E-Mail gibt, an seiner Auffassung von dunkler elektronischer Musik. Und hat dabei Großes zu Tage gefördert. Die bisherigen 14 offiziellen Veröffentlichungen strotzen nur so vor Szenehits. Soylent Green, Ich will dich oder auch War sorgen nach wie vor für dichtes Gedränge auf den Tanzflächen der einschlägigen Clubs.
Nun also Album Nummer 15. Wiederum mit einigen potentiellen Clubhits, keine Frage. Die Liebe und Jesus Antichristus sind zwei der Kandidaten. Was ist darüber hinaus erwähnenswert? Deutsch ist inzwischen zur fast ausschließlichen Wumpscut-Sprache geworden. Allein Cannibal Anthem ist eine Referenz an die lingualen Experimente der letzten Scheibe. Das freut sicher alle, die mit Fremdsprachen wenig am Hut haben, aber dennoch gern mal mit einem Wumpscut-Zitat im Szenefreundeskreis glänzen möchten. Thematisch drehen sich viele "Tonwerke" (O-Ton CD-Booklet) auf Cannibal Anthem um verschiedene Facetten des Phänomens Liebe. Allerdings eher um die unerfüllten, mit Leiden und dunklen Abgründen verbundenen Varianten. Wer mit Wumpscut ein wenig vertraut ist, dem wird die eine oder andere Geschichte durchaus bekannt vorkommen. Der Titeltrack, Jetzt und Recht vor Gnade halten schließlich, was der Albumtitel verspricht: Es wird explizit kannibalisch. Anders als bei dem kürzlich wegen einer gerichtlichen Verfügung gescheiterten Kinofilm springt Rudy R. dabei jedoch nicht auf den kannibalischen Trendzug auf. In seinen Stücken war das Thema schon immer präsent, so dass sich Recht vor Gnade, das sehr wahrscheinlich auf den Kannibalenmord von Rothenburg anspielt, schlüssig in das Gesamtwerk einfügt.
Musikalisch passiert auf Cannibal Anthem nichts spektakulär Neues. Die Ansätze der letzten Scheibe, nicht mehr ganz so harsch und industriell daherzukommen, werden im Grunde fortgeführt, hier und da aber auch durch Anklänge an die heftigere Vergangenheit gebrochen. Durch den Vocoder jagt Rudy seine Stimme nach wie vor gern, und auch pointierte Samples und Frauenstimmen holt er immer noch mit Begeisterung aus seinem Electrobaukasten hervor. Wobei die weiblichen Vocals bei Pass auf und Hunger nicht unbedingt hohen gesanglichen Ansprüchen genügen und zudem dermaßen zuckersüß klingen, dass sie auch gut auf ein Pop-/Schlager-Album passen würden. Sei's drum. Am Ende bleibt Wumpscut sich selbst und seinen Fans treu. Man muss ja nicht gleich immer die Zukunft des Szeneelectros neu definieren.
wumpscut.com
Stefan
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