Weirdo Naffn "Enno's Corner - The E.P." (Eigenproduktion 2006)

Weirdo Naffn, die Band aus Rockers End, oder wie man die Stadt gelegentlich auch nennt, Recklinghausen, stand jüngst mit Tränen in den Augenwinkeln und voll geschnaubten Taschentüchern auf der Straße, um zwei der teuren Mitglieder aus ihrer Mitte zu verabschieden. Shari und J. Letzing sind von ihnen gegangen. Nicht in die ewigen Jagdgründe, dazu können sie sich noch 64 Jahre Zeit lassen, sondern weg vom Sumpf der Band, vom Proberaumkrach und den ungeleerten Aschenbechern. Shari war zu jung für "die alten Säcke" (O-Ton Michael Krampe) und bohrt sich woanders frisch ins Leben. J. Letzing macht sich gewiss auf die Suche nach Schnappschildkröteneiern, was viel Zeit beansprucht, genau genommen.
Der verbliebene Rest der Band schart sich dichter um Michael Krampe, damit es warm bleibt. Doch vor dem Abschied der beiden Weirdo's hat sich die Gang noch einmal zusammengefunden, um die Besetzung mit einem Tonträger zu dokumentieren.
"Enno's Corner" nennt sich die EP, hat 5 Songs und, Psst, einen Hidden Track drauf, ist fast 45 Minuten lang (EP! Ha! Früher war das 'ne komplette Platte!) und klingt anders als frühere Tonträger der Band.
Der Veränderungen sind einige, zum einen macht die Band deutlich mehr Druck, hat die Arrangements auspoliert, erheblich mehr Keyboardmaterial passieren lassen (das partiell an Emerson, Lake & Palmer erinnert) und der Schlagzeuger knüppelt sich durch die Tracks, als sei er im Krieg - so gut klingt des Mannes differenziertes und gewiss muskelaufbauendes Rhythmusspiel, dass er besonders stolz auf das Silber sein kann! Aber der Reihe nach… Im eröffnenden Titeltrack soliert als Erster Keyboarder Christoph Wienkötter, das ist mal ein neues Merkmal für die Truppe - vor den Gitarristen darf der Tastenmann solieren! Chef Krampe geht mit einem ausgefeilten, ganz leckeren Solo darauf ein. Der Song an sich hat die gewisse Rauheit, die Weirdo Naffn so eigen ist. Das bleibt auf der ganzen CD auch so. Das langsame und schön komponierte "Vakyaôl" im Anschluss präsentiert die kratzig-rauchige Stimme Michael Krampes sehr ansprechend, sein durch allerlei Fußpedale gejagtes Solo macht aus dem balladesken Stück ein kleines Schmuckstück. Die Arrangements sind liedhaft, das ändert sich im dritten Track. "Song For Klongg" flutet mit einem Keyboardsolo auf virtuos-nervösem Rhythmusteppich und bleibt die 4 Minuten über des Keyboarders schräge Instrumentalbasis. Solcher Art hatte die Band bisher nicht drauf, überhaupt hat Herr Wienkötter am Tastenequipment deutlich mehr künstlerische Freiheit, als zuvor.
Das fabelhafteste Stück der CD folgt gleich im Anschluss. "Going To India" hat ein sehr anmutiges Motiv, unter Popproduzenten würde die Komposition glatt zur (glatt polierten und ätzenden) Pophymne werden. Der verschleppte Rhythmus und die rotzig-rauen Gitarrenwände mit psychedelischem Flunkern und Glitzern (Shari spielt Sitar!) sind vom Feinsten. Solo 1: Michael Krampe, Solo 2: Shari auf der Sitar. Der Klang ist verhalten und dunkel, die Stimmung des Tracks hat etwas Entrücktes trotz aller Forschheit.
"Cosmic Voyager" als letzter "offizieller" Track ist satte 16 Minuten lang. Die große Portion Krautrock auf symphonischer Basis lässt sich Zeit, gibt den Gitarristen Raum und schwebt episch einher. Michael Krampe übt sich im langen Solieren, während Aussteiger Jörg Letzing nur ein kurzes Solo zelebriert, das jedoch geschichtsträchtig.
Da hilft nur eins: Das Teil will angehört werden!
Nach 32 Sekunden Atempause schütteln Weirdo Naffn noch "St. Seltsam" aus dem Ärmel, ja, erstaunlich, was man da alles hören kann. Das freut nicht nur Gitarrenmaniacs und Pedalnarren (die am Boden vor dem Gitarristen, nicht die am Fahrrad!), sondern auch den gemeinen Zappafritzen; Keyboardnarren hingegen dürften Angst um das wacklige, soundmäßig witzige Solo haben. Noch was?
Ach ja, die E.P. ist als Appetizer gedacht. Für das für demnächst angekündigte Doppelalbum mit Andreas Rausch Cover. Da kann man nur sagen: dauert das noch lange?

weirdonaffn.de
VM



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