WAVE GOTIK TREFFEN 2003

vom 6. bis 9. Juni in Leipzig

Eine Stadt in Schwarz

Das 12. Wave Gotik Treffen ist Geschichte. Fast 20000 Schwarzgewandete haben Leipzig vom 6. bis 9. Juni erneut zu dem Mekka der Gothicszene gemacht. Musik, Mittelaltermarkt, Lesungen und vieles mehr gehörten zu dem qualitativ und quantitativ hochwertigen Treffen-Programm.
Ragazzi war vor Ort und ist eingetaucht in vier Tage voller Schwarz. Dass wir hier nur einige ausgewählte Impressionen bieten können, ist bei ca. 150 Bands und 20 Veranstaltungsorten quer durch die Stadt ein sicher nachvollziehbarer Umstand.

Der 1. Tag (Freitag, 6.6.)

Bereits bei der nachmittäglichen Ankunft in Leipzig wird klar, welche Farbe das Stadtbild für die kommenden vier Tage dominieren wird. Für die Leipziger nichts Neues, schließlich findet das größte Szenetreffen der Welt bereits zum zwölften Mal statt. Allenfalls Touristen wundern sich über die Gruftis. Eine Dame um die sechzig: "Warum tragen die alle schwarz? Gibt es einen Trauerfall?"
Die Frage nach der Unterkunft war für mich schnell geklärt. Nicht in Pension oder Hotel, sondern auf der Isomatte im Zelt wird das müde Haupt gebettet, denn nur so würde man diese spezielle Atmosphäre spüren können, die das WGT zu einem echten Familientreffen machen soll. Also ging es mit der Straßenbahn (vollgestopft bis unter das Dach mit schwarzen Gestalten) Richtung Zeltplatz, den man nur mit dem Treffen-Bändchen betreten darf. Das bedeutet Anstehen, denn ich bin nicht der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt ankommt. Im Gegenteil: Der Freitag Nachmittag scheint Anreise-Rush-Hour zu sein. Das merke ich auch, als ich nach einem Plätzchen Ausschau halte, an dem ich mein wirklich winziges Zelt aufschlagen kann. Da es überall sehr eng ist, quetsche ich mich irgendwo dazwischen. Ist ja eh Familientreffen, da rückt man gern enger zusammen. Als ich in die AGRA-Halle komme, sind Dulce Liquido, die umgekehrte Hocico-Formation (Sänger ist Keyboarder und Keyboarder ist Sänger), bereits mächtig am Abrocken. Bei den zahlreich erschienenen Freunden des härteren Electro fließt der Schweiß in Strömen, was - neben dem Fließen diverser hochprozentiger Säfte - das gesamte Wochenende so bleiben sollte.
Anschließend begeistern einer der Stars der deutschen Gothic-Szene, Mozart, und seine Band Umbra et Imago die Fans mit ihrer Mischung aus düsterem Rock 'n' Roll und erotischen Spielereien (wie immer unterstützt von zwei leicht bekleideten Schönheiten).
Der Höhepunkt des ersten Abends - zumindest vom Namen her - heißt DAF. Die Electro-Pioniere standen seit zwanzig Jahre nicht mehr gemeinsam auf einer Bühne und so freuen sich speziell die älteren Besucher auf die Erinnerung an ihre Jugend. Abgesehen vom Soundbrei lohnt sich die lange Wartezeit (Konzert begann um 1 Uhr in der Früh). DAF geben alles, Sänger Gabi Delgado schüttet sich literweise Wasser über seinen Körper und das Publikum tanzt den "Mussolini".
Wer jetzt immer noch nicht genug hat, geht zu einer der Aftershowpartys, bei denen renommierte Szene DJs auflegen, und kann tanzen bis es wieder taghell ist. Die Musik allerdings ist nicht nach jedermanns Geschmack: fast ausschließlich Electro, bei dem man sich an Großraumdiscotheken erinnert fühlt.

Der 2. Tag (Samstag, 7.6.)

Ausschlafen wird für vier Tage zum Fremdwort. Im Zelt staut sich eine Saharahitze und draußen scheinen schon wieder fast alle munter zu sein. Also raus aus dem Stoffhaus und unter die Dusche. So mein Plan. Beim Anblick der Schlange (100 Meter und mehr) vor der Dusche fällt die Entscheidung für eine Open Air Wäsche am langen Waschbecken nicht schwer. Das ist bei der Hitze (und dem Preis von 1,50 EUR) sowieso angenehmer.
Als erste Location des Tages wähle ich einen der ganz wenigen Open Air-Veranstaltungsorte des Treffens, die Parkbühne. Der Nachmittag steht hier im Zeichen der rockigen Klänge. Desert & Fortune und Bloody, Dead and Sexy liefern soliden Gothic-Rock, bevor mit den Bloodflowerz ein echter Knaller auf der Bühne steht. Headbangen bis zum Abwinken ist angesagt, als die kraftvollen Songs der Gothic-Metaller ertönten. Und die attraktive, sympathische Frontfrau Kirsten geht mit gutem Beispiel voran und wirbelt wie ein Energiebündel über die Bühne.
Beim Verlassen der Parkbühne beweisen die am Eingang wartenden Massen, dass hier noch einige Highlights anstehen, u.a. der Akustik-Auftritt von Mission-Sänger Wayne Hussey und Blutengel. Doch die Parkbühne ist nicht der einzige Veranstaltungsort und so mache ich mich auf den Weg zum Haus Leipzig, wo der Tag ganz im Zeichen des Neofolk steht. Die ruhigeren, romantischen Klänge hier sind eine willkommene Abwechslung zu den rockigen Acts auf der Parkbühne. Die finnische Band Tenhi mit ihrer speziellen Mischung aus traditioneller Folklore, modernen Elementen und finnischem Gesang sorgt für ein ungewöhnliches Konzerterlebnis. Als dann die Stars des Genres, Fire + Ice, auf die Bühne kommen, ist der Saal sehr gut gefüllt. Auch wenn ihre Auftritte alles andere als actionreich sind, ist es doch ein wunderschönes, sehr emotionales Konzert, das ohne Ansagen von Mastermind Ian Read auskommt.
Eigentlich ist jetzt ein Abstecher zum Haus Auensee geplant, schließlich hatten sich dort große Electro-Acts wie Noisex und Vomito Negro angesagt. Angesichts der knappen Zeit und der relativ ungünstigen Lage des Haus Auensee entscheide ich mich kurzerhand zur Fahrt zum AGRA-Gelände, um auf keinen Fall eine der großen Bands der Szene zu verpassen: Laibach.
Vor Laibach liefern VNV Nation den ca. 6000 Zuschauern eine Show der Extraklasse. Die Band ist inzwischen eine sichere Bank und so ist die Stimmung auch grandios: Bis in die letzten Reihen wird getanzt und mitgesungen.
Gegen 1 Uhr ist es dann soweit: düstere, minimalistische Klänge sind zu hören und dann betreten Laibach die AGRA Bühne. Die Musik der 1980 gegründeten Band aus Slowenien weist Industrial- und Metal-Elemente auf und lässt sich in einen Kontext mit Rammstein (die natürlich viel später gegründet wurden) und den Einstürzenden Neubauten stellen. Die sehr tiefe, markante Stimme des charismatischen Sängers gepaart mit einer martialisch-pathetischen Gestik (zackige Bewegungen, der erhobene Arm ist häufiger in der Luft) sorgen dafür, dass Laibach bei oberflächlicher Betrachtung politisch nicht unumstritten sind. Allerdings steckt dahinter mehr als pure Provokation, nämlich ein echtes künstlerisches Konzept. Die Erwartungen an ihren Auftritt waren hoch - doch Laibach konnte sie erfüllen.

Der 3. Tag (Sonntag, 8.6.)

Der Sonntag beginnt mit einem Abstecher in die wunderschöne Absinth-Kneipe Sixtina. Die Sixtina bietet mit ihrer einmaligen Deckenbemalung und einem romantischen Innenhof das ideale Ambiente für Lesungen und so war es nur logisch, dass sich die Literaturinteressierten hier treffen. Neben den Lesungen, bei denen düstere Themen dominieren, gibt es eine Literatur-Werkstatt, ein Fotostudio, Hofkino und kleinere Band-Auftritte.
Das Werk II widmet sich am Sonntag dem dunklen Ambiente und Industrial. Die Entdeckung für mich sind Coph Nia, die den Hörer mit ihren düster-atmosphärischen Kompositionen mitnehmen auf eine Reise in eine andere Welt. Raison d' être nennt sich das Einmann-Projekt, das anschließend spielt. Auffallend ist vor allem das extreme, tiefdunkle Brummen der Basspfeifen. Ansonsten ein eher unspektakulärer Auftritt.
Weitere interessante Bands wie Deutsch Nepal und Brighter Death Now folgten. Doch mich zieht es wieder zur AGRA Halle, wo Erblast (ein Projekt von Oswald Henke / Goethes Erben) mit ihren mal melancholischen, mal aggressiven Songs für ein abwechslungsreiches Konzert sorgen. Danach sind Diary of Dreams dran, die von der Szene geliebt werden, so dass die Halle um halb acht bereits mehr als gut gefüllt ist. Diary of Dreams präsentieren ihre Definition von melancholischem Electro-Wave. Und so mancher Zuhörer begibt sich bei der emotionalen Musik und den bewegenden Texten auf seine eigene Traumreise. Gerade bei diesem Konzert fällt der saubere Sound auf, was leider nicht immer so ist.
Schwarz ist inzwischen auch die dominierende Farbe am Leipziger Himmel. Der Gewitterguss sorgt allerdings nur für eine kurze Erfrischung, an die sich am nächsten Tag schon niemand erinnern konnte. Die Sonne hatte an Pfingsten einfach kein Mitleid mit den Schwarzkitteln.
Aus Amerika kommen Black Tape For A Blue Girl, deren sinnlich-traurige Songs zum Wetter passen und zum Entspannen einladen, so dass sich ein Großteil des Publikums erst einmal sitzend eine Verschnaufpause gönnt und dem zauberhaften Gesang lauscht.
Weitere große Namen stehen an diesem Abend auf dem Programm. Zunächst präsentieren Faith and the Muse einen musikalischen Abriss ihrer Bandgeschichte. Dann rocken die Finnen von The 69 Eyes das Haus und beweisen, dass Schwarzsein und Spaß haben durchaus zusammen gehen können. Schließlich gibt es den würdigen Tagesabschluss mit einem Mitternachtskonzert von Deine Lakaien in einer rappelvollen Halle. Das Repertoire des Ausnahme-Duos ist inzwischen schier unerschöpflich und so boten sie 90 Minuten feinste Wavemusik aus ihrer 18jährigen Karriere.

Der 4. Tag (Montag, 9.6.)

Melancholie macht sich langsam breit, als der letzte WGT Tag beginnt. Der Zeltplatz bekommt erste größere Lücken. Wer am Dienstag arbeiten muss, ist in Aufbruchsstimmung. Alle anderen genießen den Montag, beispielsweise im liebevoll gestalteten Heidnischen Dorf, das mit seiner beschaulich-schattigen Atmosphäre einen schönen Kontrast bildet zum lauten und heißen AGRA Gelände. Dort kann man sich in mittelalterliche Zeiten zurück versetzen lassen. Auf der Bühne wird aufgespielt, auf der Wiese liefern sich Ritter in voller Montur heiße Kämpfe, in und vor ihren Zelten zeigen Wikinger-Handwerker ihr Können. Und an jeder Ecke warten verlockende Köstlichkeiten wie gebackenes Gemüse, frische Waffeln und ofenfrisches Brot darauf vernascht zu werden. Das Getränk des Festivals ist - neben Bier - leckerer Met, der im Heidnischen Dorf ausgiebig fließt. Auch für den Shopping-Freund ist das WGT der schwarze Himmel auf Erden. Ob im Mittelalterdorf oder in der AGRA-Messehalle - in Leipzig findet das schwarze Herz alles, was es begehrt: Lack- und Leder-Outfits, echte" Vampirzähne und das Patchouli-Deo sind nur einige der vielen Angebote.
Das musikalische Motto des Montags in der AGRA-Halle lautet Mittelalter. Schelmish und Saltatio Mortis bringen schon am frühen Nachmittag die Fans zum ausgelassenen Tanzen. Und je später es wird, desto mehr füllt sich die Halle, schließlich stehen fast alle großen Bands des Genres auf der Bühne: Schandmaul, Tanzwut, Letzte Instanz und Subway to Sally. Ein wahres Fest für die Mittelalter-Fraktion. Als gegen 1 Uhr die letzten Töne verklingen, trifft man sich entweder zur Abschlussdisko oder lässt das WGT am Zelt bei einem Gläschen Wein ausklingen.

"Ich war schon auf so manchem WGT, aber dieses Jahr war es eines der schönsten Treffen überhaupt" sagt Mike aus Hamburg und spricht damit den meisten aus dem Herzen. Die schwarz gemischten Gäste vom Rüschenhemdträger bis zum Punk, vom Ostfriesen bis zum Amerikaner - sie alle zeigten einmal mehr, wie man friedlich ein tolles Fest feiern kann (ein Riesenlob gebührt der freundlichen und zurückhaltenden Security). Und spätestens, wenn auf einer Wiese die 46jährige Gothic-Lady und der 17jährige Neu-Grufti sitzen und sich angeregt über das letzte Konzert unterhalten, weiß man, was das WGT zu einem auf der ganzen Welt außergewöhnlichen Ereignis macht.

Stefan



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