Wardruna "Gap Var Ginnunga" (Indie Recordings/Soulfood, VÖ: 16.01.2009)

Einar Kvitrafn Selvik (u.a. Ex-Gorgoroth) hat dieses Projekt lange mit sich herum getragen. Bereits 2002 wollte er abseits seiner üblichen Metal-Pfade Musik komponieren und einspielen, die sich sehr weit von Metal abhebt, instrumental und stilistisch etwas völlig anderes ist.
"Gap Var Ginnunga" wurde mit historischen norwegischen Instrumenten eingespielt, lehnt sich an historisches Liedgut an und entwirft aus urheidnischen und quasi mönchischen Gesangsstrukturen eine ambiente, düstere Soundlandschaft.
Klagelieder wie aus Pestzeiten, mythische Hexengesänge, Mittelalter-Folklore - untermalt von elektronisch dunklen Sounds, Pauken, Hardanger Fiddle, Mundorgel, Goat Hörnern, Lur und Tagelharfe wälzen sich düster und genüsslich schwer dahin.
Die ambienten Klänge sind sehr einladend, haben Soundtrack-Charakter, können als Ambient Brutal bezeichnet werden, so verheißungsvoll ist die düstere, Geheimnisumwobene, böse Atmosphäre. Episch drängen die Songs voran. Schwere, simple Rhythmen untermauern langsam den dröhnenden Dauerton, der unter den Stimmen und Harmonien liegt. So könnte es klingen, wenn ein Wikinger-Schiff aus einer Nebelwand tritt. Der Mann an der Pauke hat den Ruderern den Rhythmus vorgegeben und die Erwartung einer Seeschlacht trägt diese aggressive Stille in sich.
Langsam monotones Trommeln über ungewissen Harmonien ist einlullend wie Hypnose und ausgleichend wie ein Saunagang. Samples, die diese Klänge noch düsterer und bedrohlicher machen, jagen einen wohligen Schauer über den Rücken. Diese Songs wollen laut gehört werden!
Es ist Flucht und Lust zugleich, sich in den Wohlklang der Songs zu stürzen. Flucht, weil die Inspiration für die Musik - Angst, Unglaube, Mystik, Naturreligion - längst vergangen und verarbeitet ist. Lust, weil diese pseudoreligiösen, dunklen Songs Anmut und Schönheit haben, ihr Ursprung aber nicht einlädt.
Wardruna steht für die norwegische Geschichte, für Traditionen, alte Denkweisen, Instrumente und Techniken. Die Musik kreist thematisch um Runen - ist eine neue Sicht auf alte Wurzeln in kulturellem, musikalischen und kultischen Kontext mit schamanischen Gesängen.
Immer wenn mir das Gefühl sagt, dass auf die Dauer der CD die Größe des Eindrucks, die Düsternis an Bedrohlichkeit verliert, weil relativ wenig in der Musik passiert, wechselt das Thema. Doch die epische Düsternis bringt schnelle Gewöhnung mit sich, der Zauber verliert an Magie, wenn der gute Eindruck auch nicht einbricht.
Silence is the new loud. Als wäre Black Metal umgekippt, hätte sich überschlagen und in ein ambientes Gegenteil verwandelt, in gleichem Geiste, gleicher Dunkelheit und Schwere, so musizieren Wardruna. "Gap Var Ginnunga" ist der erste Teil einer Trilogie, deren Entstehung weit vorgedacht ist.
Vor Weihnachten wäre der bessere Erscheinungstermin gewesen, die dunkel-kalte Atmosphäre passt perfekt in die letzte Zeit des alten Jahres.

wardruna.com
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VM



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