Unterbiberger Hofmusik "MaDE in GermaN.Y." (Himpsl Records 2009)

Wie fange ich an!?! Blasmusik auf ragazzi, wo sonst nur progressiven Klängen und der Avantgarde gefrönt wird? Ganz einfach: Das Ensemble Unterbiberger Hofmusik ist ungemein mutig und fortschrittlich, wie es die geliebte komplexe, wilde Rockmusik nicht mehr sein könnte. Auf ihrem Gebiet. Das Publikum der progressiven Rockmusik braucht keine solche Grenzen überschreitende Auslebung seiner Musik mehr, das ist vor 40 Jahren längst geschehen. Um nicht missverstanden zu werden, ich will Blasmusik nicht verteufeln, mich darüber nicht lustig machen oder böse Ironie betreiben. Ich meine es ernst.
Heute sind die Generationenfronten verschoben, entschärft, entsorgt, umgeschichtet und längst im Umgang miteinander geübt. Lange Haare? Nichts Besonderes! Rock, Jazz, Blasmusik - alles geht. Die Auseinandersetzungen nach dem zweiten Weltkrieg sind ausgelebt, heute sind Eltern keine Nazis mehr und eher Freaks als ihre Kinder, was Festivals wie die Zappanale beweisen, wo mehr weißhaariges Männervolk Zöpfe trägt als der erschütterte und verunsicherte, wohl situiert behütete Nachwuchs.
Was die Unterbiberger Hofmusik macht, klingt wie die Rehabilitation eines ganzes Musikstiles - der deutschen Volksmusik, die durch schreckliche Schlagerisierung und schwer konservative Auslebung immer mehr im eigenen Saft schmort, sich gegen Einflüsse von außen vermauert, abschottet, so zumindest dachte ich. Doch es gibt die Unterbiberger Hofmusik, und die sind gewiss nicht allein mit ihrem Anliegen, bayrische Blasmusik nicht nur am Leben zu erhalten, sondern zu erneuern, neue Lieder im alten Stil zu schreiben, Jazz und andere virtuose Musik darin zuzulassen, Neues einzubringen, was aus aller Welt auch in bayrische Abgeschiedenheit schwappt, (wie vielleicht an abgelegene vorpommersche Boddenküsten mit altersschwachen, windschiefen Fachwerkscheunen).
Die Lieder sind bayrische Blasmusik, und bleiben das auch in ihrer Verbindung mit Weltmusik und Jazz, mit lebhaften, ausgeflippten Trompetensoli, rasanten Unisonoläufen und einer Melodik, die in der konservativen Auslegung der bajuwarischen Blasmusik so nicht möglich ist.
Hin und wieder ist das, was die Band so frisch und lebhaft spielt, eher mit Blood, Sweat & Tears zu vergleichen, oder mit wildem Balkanblues, als mit der Kapelle aus dem nächsten bayrischen Dorf, und doch wollen die Musiker gewiss keinen Krieg mit ihrem Heimatland vom Zaun brechen, sondern die historisch gewachsene Heimatmusik, die zuletzt seit langem längst auf schwer konservativ abonniert war, für weltoffene Musikbegeisterte, heimliche Neugierige, die es kaum wagen, zuzugeben, diese Musik zu lieben, um nicht falsch wahrgenommen zu werden, und den aus allen Richtungen gefährdeten Nachwuchs zu öffnen. Damit wagen sie einen großen Schritt in die Zukunft einer gern als ewig gestrig gehassten, ja veralberten und als dumm dargestellten Musik und machen aus belächelter, als Spießerklang abgetaner Blasmusik erhabene, virtuose und durchaus witzige Weltmusik, die ihre Heimat nicht verleugnet, sondern im Gegenteil die Kunst ihrer eigenen Musikkultur aus der erstarrten, immergleichen Hülle und somit der Gefahr des künstlerischen Verkommens nimmt und sie lebhaft für alle Welt, eben auch Jazzfans und Musikbegeisterte jenseits bayrischer Auen und ihres Musikverständnisses erneuert.
Nichts klingt fad oder altbacken, die enorme Virtuosität des Ensembles Irene Himpsl (acc), Franz Josef Himpsl (tr), Xaver Himpsl (tr), Ludwig Himpsl (hrn), Matthias Schriefl (tr), Jan Ashby (trb, perc), Lucas Ashby (pandeiro), Kathrin Pechlof (hrp), Herbert Hornig (tb), Konrad Sepp (tb) und Martina Holler (hrp), seine offenbar weit gefächerte Interessenlage und die Einbeziehung verschiedener Gastsolisten an Oud, Trompeten, Posaunen und Bugle macht die Songs zu einem frischen, fröhlichen Erlebnis. Unglaublich, was hier passiert. Schon der Einstieg des ersten Stückes, die Jazzharmonien und dazu der lautmalerische Gesang, machen die Neugierde groß. Trompetensoli mit unglaublicher Virtuosität und enormer Spielfreude, aufgeregter Geschwindigkeit und jazztrunken freier Melodik tanzen über der historisch gewachsenen Basis der Ensemblebegleitung. Nichts ist althergebracht, mottenstaubig, leblos. Der historisch gewachsene Stamm dieser Musik ist fest gefügt und hat Leben in sich, das keine Ängste kennt und mit uriger Freude am Spiel ist. Ich kann's gewiss nicht beschreiben, was die Musik in sich ist. Nur, dass sie, einen Rocksüchtigen wie mich, ganz und gar begeistert und mir etwas aufmacht, was in meinen Kindertagen einst an meine Ohren kam, und dann 40 Jahre nicht wieder.

unterbiberger.de
VM



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