Trummerflora "Rubble 1" (Accretions Records, Circumvention Music 2004)

Trummerflora ist ein loses Kollektiv von Musikern unterschiedlichen musikalischen Interesses, das zu diversen Kollaborationen querbeet untereinander einlädt, und so zu einzigartigen und ungewöhnlichen musikalischen Ergebnissen kommt. Die stilistische Bandbreite ist überwältigend. Mehrere dieser musikalischen Experimente münden in aussagekräftigen, Maßstäbe setzenden und absolut modernen Songs. Alle Stücke dieser CD, alle CDs der Labels Accretions und Circumvention sind einzigartige künstlerische Aussagen, die es unbedingt zu testen lohnt.
13 Tracks, eingespielt in Projekten oder als solistische Arbeit, sind auf "Rubble 1", dem neuesten Streich von Accretions Records enthalten. Damon Holzborn eröffnet mit einem Phonographer-Stück. Da werden Sounds, Alltagsgeräusche und Industrieklänge zu einem Ganzen, einer umfassenden Harmonie verbunden. Perfektomat bringen Rap, Jazz und Avantgarde in einen Zusammenhang, sehr groovig diese Aufnahme, düster-kunstvolle Musik mit positivem Gesang. Mrlectronic verbinden Electronic und Phonographie zu einem minimalistisch pulsierenden Sound. Hans Fjellestad trägt wohl das abgefahrenste Stück bei. Kirchenorgel, Jazzgebläse, Perkussion und - ein Basketball spielendes Basketballteam schaffen eine Atmosphäre, die nur zwischen windiger Straße, kühlem Vorplatz und hoffnungsschwacher Kirche existieren kann, in der Wirklichkeit wohl aber nicht in diesem Arrangement, das kunstvoll ist, wie keine weitere Aufnahme der CD. Bemerkenswert und grandios!
Nathan Hubbard verführt anschließend mit einer fast tonlos stillen, klassisch-modernen Komposition. Kein Jazz, kein Lärm, kein Ausdruck von hektisch-stressiger Alltagszeit, sondern pure Lyrik. Ein ideenreicher Klang, der als Paradebeispiel für die heutige westliche Welt stehen kann: hier draußen Lärm, hier drinnen Stille. Die intime Aufnahme mit leiser, zurückhaltender Instrumentierung ist ein geheimer Rückzugspunkt, in dem alle Ruhe zu finden ist. Trotz aller Lyrik ein sehr kraftvolles Stück, das Ohren und Sinne sauber fegt. Restlight setzen dort auch an, der Stille. Übersetzen Verlorenheit und überwältigende Müdigkeit in ein jazzharmonisches Kleid und lassen Haco mit ihrer klug-nüchternen Frauenstimme dazu sprechen. Sounds, Gitarre, Samples runden die Tonalität dieser einfallsreichen Geschichte ab, seltsam über allem stehende Rhythmen brechen darüber herein, dennoch bleibt die Ruhe vollends erhalten. Dafür übersetzt das folgende, von Quibble eingespielte "Quell" Nervosität und Hektik in einen entsprechenden, parallelen Klang kraftvoller Sounds. Robert M scheint ein elektronisches Projekt zu sein, das überlappenden Tönen auf die Spur kommt und mit eigenartigen Samples computerspielartige Klänge erzeugt. Cosmologic entern die Avantjazzbühne und schmettern, irgendwo zwischen John Zorn und Fred Frith, einen heftig krachenden und fast schon freejazzigen Rockjazz. Sehr gelungenes Teil, das die Stille der vorherigen Songs aufnimmt und zum Spielball improvisativer Lust macht.
Weller/Fernandes/Scholl lyrisieren Blues. Wie die Musiklust nach dem Konzert: wunde Finger, lahme Arme, erschöpftes Hirn. Eine sehr gute Aufnahme, die dem Zusammenspiel von betrunkener Gitarre und Selbstverliebtem Saxophon einen köstlichen Ausdruck gibt. In Marcelo Radulovich's Titicaman-Projekt geht es fast schon metalmäßig zu. Ein treibender Rhythmus und verfremdet-harter Gesang teilen sich den Song mit einer frischen Break-Idee, die dem Stück die Ernsthaftigkeit runterschraubt und selbige durch leichtfüßigen Humor ersetzt. Das nahezu perfekt gelungene Stück setzt dem Zeitgeist die Krone auf und vermurkst herkömmliche Musikvorstellungen auf intelligente Weise!
Donkey radikalisieren elektronische Sounds zu einem Gewitter tonaler Energie. Da strömen, fluten und bersten (a)tonale Strukturen an irrwitzigem Lärm, der im Laufe des Tracks immer mehr an Ruhe und Struktur gewinnt, um schließlich, gänzlich still, zu versiegen. Das letzte Stück hat das Projekt Wormhole (noch so eine ganz typische Trummerflora-Geschichte: jedes Projekt bekommt einen eigenen, eigenartigen Namen, damit gibt es eine unglaubliche Fülle an seltsamen, merkwürdigen Namen - die sich niemand merken kann) eingespielt. Rhythmen und verfremdete, gedoppelte, gesampelte Stimmen verdichten die Atmosphäre des Tracks zu einem malerisch laut-leisen Klang, der ungemein beruhigt.
Und damit ist die lange Spieldauer der CD am Ende. Jedes dieser eigensinnigen und fantastischen Projekte setzt mit einfallsreichen Sounds und markanter Umsetzung von Stimmungen und Gefühlen Maßstäbe. Der Klang heutiger Zeit bekommt damit eine erschreckend treffende und ungemein aussagekräftige Entsprechung. Nicht nur Jazzpuristen oder Avantgarde-Freaks werden sich über diese Sounds erfreut verwundern, auch aufgeschlossene Techno-Jünger und Metalheads könnten sich durchaus mit dieser Musik anfreunden, wenn sie ein tiefgehendes Interesse an neuer, außergewöhnlicher Musik haben. Absolute Empfehlung!

trummerflora.com
accretions.com
circumventionmusic.com
VM



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