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THINKING PLAGUE
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The undiscovered spheres of any brain
Am 1. April 2008 wurden die Mauern des Kulturhauses Cairo mit Klängen beschallt, wie sie in Würzburg leider selten geworden sind. Immerhin lockte das Stichwort ‚Henry Cow' 50 erwartungsvolle Sternfahrer an, um einer Band aus Denver, Colorado zu lauschen, die seit Anfang der 80er vom ‚RIO'-Virus infiziert ist, einem Parasiten, der das Hirn zwingt, seine Kapazitäten zu nutzen, um sich ímmer wieder selbst zu überraschen. Daher der Name - THINKING PLAGUE. Mastermind der Band, sprich Komponist und personelle Konstante, ist der Gitarrist Mike Johnson. An seiner Seite trommelt Dave Kerman (5uus, Present), ein geistesverwandter Weggefährte seit den 90ern, Mark Harris spielt Saxophon & Querflöte (wie schon seit In This Life, 1988), Dave Willey (Hamster Theatre) Bass (er ist seit In Extremis, 1998, dabei). Neu beim einzigen D-land-Auftritt von TP waren Stevan Tickmayer (Science Group), der sich an den Keyboards abwechselt mit der zierlichen Sängerin Elaine Di Falco (bekannt mit Hughscore & Caveman Shoestore). Sie ist ein Glücksfall. Das ist schon nach den ersten Zungenschlägen zu akrobatischen Kniebrechtakten klar. Wie sie den vertrackten Kunstliedton trifft, ist bestechend und lässt mich meine Vorbehalte als Fan von Susanne Lewis (Sängerin der TP-Klassiker Moonsongs, 1986 & In This Life) vergessen. Im Programm wechseln ungewöhnliche Songs mit ebenso außerordentlichen Instrumentals. Der für den Sound zuständige Udi Koomran brachte hinterher auf den Punkt, was an TP so fasziniert - die Musik ist in einem Moment erhaben wie Grays Peak und im nächsten eine Hetzjagd durch ein Labyrinth, ständig schalten die eng verzahnten Rhythm- und Soundsections von präzisen Kunstsprüngen zu atonalen Farbenspielen. Konstant bleiben nur der Thrill und die Passion, die Springprozession der Klänge so überraschend wie zwingend zu gestalten. Ein melodiös gehauchtes Saxophonsolo und ein Cecil-Tayloreskes, cyber-Nancarrowsches Tausendfinger-Gehämmer von Tickmeyer stürzten die Raucher in Raus-Rein-Konflikte. Dazwischen und danach wieder volle Dröhnung. Mit dem einmal mehr sensationellen Kerman als Personalunion von Muppetshow und Prog-Gewitter, der mit Tambourin oder Karotten (!) ebenso einfallsreich rasselt, knurpst und pingt, wie er mit seinen hingezuckten Cymbalhieben und kontrarhythmischen Kreuz- und Querschlägen scharf und genau die Zeit zerschnetzelt. Wenn die anderen auf ihre Partituren schielen, macht er schlagend deutlich, wieviel Spaß Arbeit und Denken machen. Ein bestimmtes Denken und selbstbestimmte Arbeit. ‚Lycanthrope' ist so lyrisch wie ein guter Song nur sein kann, gefolgt von weiteren Mahlströmen, Galoppaden und rhythmischen Flipperspielen, die hinter den Reminiszensen an Art Bears oder Univers Zero auch Zappas Musica-Nova-Ambitionen anklingen lassen. Mit Do I hear engines, or are the spirits singing? Droning, our prayers rise, filling all the browning skies with His grace. Suddenly wind, hail and heat sweep me from my feet. As my body rises, I understand this is Paradise! (‚Kingdom Come') trifft Johnson, ungewollt, perfekt den Paradieswärts-Effekt seiner Musik, die er als auffallend unprätentiöser Gitarrenvirtuose mitformt, von singenden Glissandi zu abgehackten Stakkati, mit zweckdienlichen Effekten und ständigen chromatischen Tönungen. TP abenteuerlich, reflektiert, extrem oder heretisch zu nennen, wäre banal. Sie mit dem Lustzentrum zwischen den Ohren aufzusaugen, ist einfach nur selbstverständlich. Glücksgefühle wollen nicht erklärt, sondern wiederholt werden. So empfand es zumindest das Publikum an diesem Dienstagabend, der tobende Beifall und die leuchtenden Augen bezeugten es.
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