Ghédalia Tazartès "Jeanne" (Vand'Oeuvre 0732, 2007)

Dieser 1947 in Paris geborene Einzigartige verdankt seinen Kultruf nur einer Handvoll von Veröffentlichungen - Diasporas (Cobalt, 1979, réédité avec Tazartès, Alga Marghen, 2004), Une éclipse totale de soleil (Celluloïd, 1982, réédition augmentée, Alga Marghen, 1996), Tazartès transports (autoproduction, 1984, réédition augmentée, Alga Marghen, 1997), Tazartès (AYAA, 1987), Check Point Charlie (AYAA, 1990, réédition augmentée, Gazul, 2006), Voyage à l'ombre (Demosaurus, 1997). Aber wer diesem Troubadour der universalen Diaspora und seinem Akkordeon zu Füßen gesessen ist und seinen surrealen Nomadengesängen lauschte damals auf dem Mimi Festival in St. Rémy bei Sonnenuntergang, in der von Kräuterdüften der Provence und sexbesessenen Grillen geschwängerten Abendluft, während der Geist von Van Gogh vom Hospital St. Paul hinüber zu den römischen Ruinen streunte, der weiß, dass wahrer Kult wenigstens einmal mitten durchs Herz gegangen sein muss. "Jeanne" ist nur ein Kleinod von 30 Minuten, die Musik für ein Theaterstück nach dem Roman Jeanne la Pudeur von Nicolas Genka, das die Compagnie Pardès Rimonim 2006 aufführte. Aber wenn Tazartès Zeilen von Genka in seiner unnachahmlichen Manier intoniert, singen wäre dafür viel zu wenig gesagt, dann stellt sich unwillkürlich das Tazartès-Feeling ein, ein Schauer, ausgelöst von einem Timbre, das wie aus uralter Zeit und wie von weither klingt, mystisch, mythisch fast. Urtümliche Weltmusik ist das, aber völlig eigen gemischt aus rauen Streicherklängen, repetitiven Minimalmotiven, seltsamer Keyboardharmonik in Moll und ziemlicher Schräglage. Klassisch wenn man so will, Kammermusik, wie man sie sich als Soundtrack von Michael Nyman vorstellen könnte, der eine Stimmung von Wehmut unterstreicht. Tazarès Form von Proto-Freakfolk, er taufte es Mitte der 70er ‚Impromuz', erhält einen wesentlichen Teil seiner Bizarrerie durch einen Zug ins Urbane, speziell durch seine Adaption von Musique concrète in der Freundschaft mit Michel Chion. Wobei das zittrige, pathetische arabisch-jüdische Ziegenhirtentimbre die Verbindung zu einem Zustand oder einer Bewusstheit von Fremde herstellt, einen Kontakt zum Jude-, Frau-, Tier- und Quasimodo-Pol. Zu ‚Les femelles' blubbert nur eine Tuba. Dann klackert ein Schlagzeug zu den dunkel webenden Streichern und Tazartès stimmt einen Chazzán-Blues an, während im Hintergrund Fußballfans vorbei ziehen. ‚TA' rockt einigermaßen autistisch gegen die Wand und da singsangt er dazu nur ein entsprechend debiles "tatatatita". ‚Mother' ist dann purer Freakrock, der auf der Zeile "I want to fuck your Mother tonight" herum kaut und mehrstimmig "MammeMama" stammelt, bis Tazartès mit ‚Lamento/Jeanne' noch einmal einen archaischen und herzzerrissenen Klagegesang anstimmt und ein Rezitativ, als ob der Geist von Artaud in ihn gefahren wäre. Umgekehrt ist sein Geist längst übergesprungen auf DDAA und STPOs Pascal Godjikian. Aber hier hört man das Original in seiner irritierenden, fast erschreckenden, ergreifenden Einzigartigkeit.

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