|
Supersilent "8" (rune grammofon, VÖ: 17.09.2007)
|
Supersilent sind die Perfektionisten der bedrohlichen Stille der Musik. Krach und Lärm finden auf dem neuen, ersten Studiowerk seit fast 5 Jahren wie auf früheren Alben der Norweger wenig nur statt. Im siebten Stück kippt die Stille plötzlich um: ein verhalltes Lärmecho aus einer anderen Dimension bricht laut, überwältigend und erhaben bombastisch neun Minuten lang, mit einer lethargischen Pause kurz vor dem Schluss, in das atonale, brachiale, wie unwirklich erscheinende und ambient wirkende Musikmahlwerk ein.
Die Struktur aller acht überwiegend sehr langen Stücke ist schwer nachvollziehbar. Da donnert die tiefer gestimmte Gitarre ein dramatisches Solo, während Schlagzeug und Gong eine Orgie aus historischer Eisenbahn und Horrorfilm auf verschlepptem, stetem Rhythmus versuchen. Nach 11 Minuten ist das Motiv ausgeschlachtet, befriedet, leer. Als Hörer bleibt man wie vom Donner gerührt zurück und harrt konsterniert der Dinge, die sich anschließend tun.
Die Stücke heißen '8.1' bis '8.8', ein wirklicher persönlicher Name fehlt den Tracks. Die Musik selbst wirkt ebenso unpersönlich. Als hätte sie ihre Figur, ihren Ursprung verloren, und irre ziellos durch den Klangraum, auf der Suche nach sich selbst.
Dabei entstehen einmalige, kuriose und virtuose Klänge und Töne. Stilistisch sind Supersilent kaum festzumachen. Es gibt die Ästhetik des freien Jazz, der progressiven Rockmusik, der Schlichtheit der Folklore. Aber selbst ein denkbarer Mix daraus trifft es nicht. Es ist kein Mix, es ist viel mehr. Partiell klingen Supersilents neue Songs nach Emerson, Lake & Palmer, nach Pink Floyd, nach Miles Davis' "In A Silent Way" - Sessions, nach Elektronik - ohne Vergleiche. Aber nur im Ansatz, dann verflüchtigt sich die Nähe und schon wieder geht die Band abstrakte Wege weit abseits aller gängigen, bekannten Pfade.
Wie unwirklich dabei diese manische Stille, das irritierende Leisesein der Musik! Die Ohren suchen den Ton und bekommen wenig nur. Das schärft den Hörsinn. Aufgedrehte Boxen bringen keine Befriedigung, sodann erschrecken die stets in die Songs eingebauten normal lauten Parts, die dann wie eine dröhnende Explosion wirken und den Kopf klirren lassen. Also Vorsicht davor, dieses Album sehr laut anzuhören.
Erst der Wechsel aus leise gewollten Klängen und harschen lauten Einbrüchen erschreckt. Darin gibt es Überraschungen zuhauf. Manche Idee braucht ihre Minuten, warm zu werden. Typisch Supersilent, die selbst in Konzerten oder auf Festivals ihre Zuhörer komplett ignorieren und in ihre Stücke eintauchen, als gingen sie in ihr eigenes Gehirn. Die Außenwelt erlischt und die Töne wachsen, aus den Tönen werden Harmonien, gar Bombast, dröhnender, martialischer Bombast, dessen Selbstbewusstsein seltsam und verblüffend klingt. Manches Abenteuer, wie etwas '8.4', haucht am Ohr vorbei, wie ein mythischer, unwirklicher Traum. '8.5' danach schreit nach Lautstärke, neben der elektronischen instrumentalen, rhythmisch vertrackten Disharmonie kreischt eine verfremdete Stimme erregte, verzweifelte Wortfetzen hinaus. Das, das jagt Gänsehaut über den Rücken!
Supersilent können keine Filmmusik machen. Dazu sind ihre Songs zu voll und sperrig, zu lebendig, zu sehr Mittelpunkt. Ihre Songs sind Film. Film für die Ohren. Die intensiven emotionalen Stimmungen und die überraschenden Auflösungen ihrer Kompositionen brauchen "den ganzen Hörer". Nebenher sind diese 8 Tracks nicht zu begreifen. Vielleicht hat die Band, hat das Label die richtige Zeit für die Veröffentlichung ausgesucht. Es ist Winter, es ist kalt, nass und dunkel. Kein warmer Sonnenschein, kein Vogelgezwitscher, kein Wiesenduft lenken von der Musik ab. Die äußere Ödnis findet innere Erfrischung. Damit ist gut über den Winter zu kommen.
runegrammofon.com
VM
Zurück
|
|