Stork "Stork" (03.06.2011)
Spring "Slides" (17.05.2011)
The White Nothing "About Time" (06.06.2011)
Delirium "Green Side Up" (18.05.2011)
(ILK Music)

ILK Music ist ein Independent Jazz Label aus Kopenhagen - und mehr als das: Raum für Feedback, innovativer Spielort, musikalische Familie, die Ergüsse ihrer Mitglieder veröffentlicht, nachdem die Musiker sich dort kennen gelernt und ihre Idee von Sound hier entwickelt haben. Das Label präsentiert seine Produktionen sehr ansprechend, nicht stets mit umfangreichen Informationen - dazu ist die Webseite da (siehe unten). Der Klang der Produktionen ist hervorragend, selbst die großen Ensembles haben einen klaren, druckvollen, energisch-lebhaften Klang, indem kein Klirren oder Kratzen zu hören ist. Die Studio-Basis muss nicht nur räumlich groß, sondern auch technisch sehr gut ausgestattet sein. Hier sind Leute am Werk, die lieben, was sie tun und selbstbewusst nach außen tragen, dass Jazz und Kopenhagen eine Einheit sind und Musiker viele Jahre lang oder ganz frisch und jung zu kreativen Ansätzen finden, die es wert und notwendig sind, veröffentlicht und dem großen Publikum draußen angeboten zu werden.

Stork ist das Simon Toldam Orkester. Das Cover ist öde, der musikalische Inhalt enorm virtuos. Die 6-köpfige Band (as, bc, pos, tr, dr, b, p) spielt modernen Free Jazz, weit entfernt von den Vorbildern aus den Sechzigern, die wilde Kreischorgien intonierten, näher an den schwarzen Vorbildern, die Free Jazz entwickelten - und doch ganz europäisch, konzertant und Band-betont. Die Arrangements ihrer freien Kompositionen sind lebhaft und zerstreuen sich in improvisativen Flügen, und doch bleiben die Instrumente nah, liegt das harmonisch-disharmonische Ineinander straff aufgebaut eng beieinander. Simon Toldam, 1979 geboren, hat die Stücke geschrieben. Bereits mit 4 dänischen Musikpreisen ausgezeichnet, hat er mit Han Bennink gespielt und in zahllosen Projekten, mit namhaften Musikern, ebenso seine Mitstreiter. Die Auflistung der Projekte wäre weitaus zu lang. Ein Jeder weiß sein Instrument wohl zu spielen, beweist fabelhaften handwerklichen Ansatz und improvisatives Gespür. Wie "Plumr" kocht, auf kleiner Flamme, immer kurz vor dem Explodieren, nahtlos verzurrt, herrlich witzig und rhythmisch akzentuiert, ein wenig Willem Breuker im Blut, viel Nonsens und Klamauk, beweist neben aller Ernsthaftigkeit und "schwierigen" Komposition, dass die Band Spielfreude hat und durchaus Humor auszudrücken weiß. Die Band lehnt sich nirgends an, an keinem Stil, keinem Vorbild, und entwickelt ihre Ideen eigenständig, bewusst auf Jazz- und Free Jazz-Tradition setzend, mit, wie es im Blatt zur CD heißt, anarchischem Respekt. Die komplexe Harmonik bewegt sich partiell nah an Neuer Musik, wie das manchmal im modernen Jazz ist, der nicht Swing-betont groovt, sondern frei und - gerade in Europa - konzertant und komponiert aus der Basis ins Freie sich entwickelt und dabei erst seine eigene Kraft entwickelt.

Das Quartett Spring legt mit "Slides" sein zweites Album auf. Anders Banke (as, bc), Torben Snekkestad (ts, ss, Violimba), Jonas Westergaard (db) und Peter Bruun (dr, perc) haben in diversen Ensembles und Bandprojekten Handwerk geübt, präsentieren in 5 Tracks und 44 Minuten ausgiebige abstrakte Improvisationen, die in der Rhythmusbasis Modern Jazz sind, darüber hinaus im Melodischen esoterisch-sphärische Harmonien spinnen. Langgezogene Töne beider Bläser reiben sich in reizenden Disharmonien aneinander, umspielen sich, entwerfen eine harmonische Struktur, die ungewöhnlich ist und skurril anmutet. Opener "NeoN" ist so ein Stück. "Slides TwoSpots" im Anschluss eröffnet druckvoll, knackig, virtuos, ganz Modern Jazz. In der Viertelstunde zerlegt das Quartett nach Improvisationslust das lebhafte Thema, nachdem es über etliche Minuten hochtourig und äußerst intensiv geführt wurde. Die Melodiker erweisen sich als begnadet, das Stück treibt Tränen in die Augen, so enorm stark, präzise und differenziert treiben sie die Note voran. Bis es umkippt und - mit nicht weniger treibender Energie - untertourig vor sich hin dämmert, um nach dem leisen Anklang erneut laut aufzufahren. Ganz anders das zweite Hauptthema der CD. "3 zenbuddhistiske melodier" muss über 16 Minuten lang sein, um seine verwehten Strukturen zu erfüllen und die Stille der Komposition auszutragen. Natürlich nicht ohne klare Ansagen in der Entwicklung und forciertes Aufbauen des freien melodischen Spiels. Die beiden kurzen Stücke am Ausgang sind einfacher erfahrbar indes nicht. Ihre elegischen Harmonien fließen versponnen dahin, als übe die Band, die damit verblüfft, dass sie ganz genau weiß, die verspielten Motive überraschungsreich und engagiert zum Thema zu machen.

The White Nothing ist die 9-köpfige Band des Komponisten Anders Filipsen. Sind andere Veröffentlichungen auf ILK schon besonders avantgardistisch geprägt, wie es die Szene ist, die hinter dem Label steht, die es präsentiert, so ist The White Nothing doch etwas Besonderes in diesem Konzept. In 11 Stücken, die zwischen einer und über 9 Minuten lang sind, geht die Jazzband in die Neue Musik. Vor allem die ganz kurzen Stücke, vom Piano betont, das der Chef des Ensembles spielt, sind kaum Jazz, kaum Erik Satie, aber haben so eine Position im Jazz wie dieser mit "Gnossienne" und "Gymnopédie" in der Klassik. Melodisch und stilistisch gibt es indes keine Parallelen zwischen Satie und Filipsen. "About Time" ist ein leises Werk. "Patiently, Patiently" fließt über 9 Minuten lang nur im Off vorbei, gehaucht, kaum "echt" gespielt, da entwickelt sich für den Bass und die Saxophonisten eine Ahnung von Melodiespiel, das aber kaum konkrete Struktur annimmt, eher wie verwehte Ligeti-Kompositionen verstreicht. "For Horns" ist dann ein Jazz-Stück. Handwerklich klassisch gespielt, so scheint es, als übten Orchestermusiker Jazzdisharmonien im Anzug. Die Rhythmusabteilung kommt kaum dazu, sich ins Spiel zu bringen, spielt nicht konkret, sondern zerfahren, die Becken streichelnd, die Felle bepustend, die Schlagzeugstöcker über den Metallrahmen ziehend, während der Bassist mit Geigenbogen über die Saiten fährt. Erst "Delirium", zu Beginn ganz Neue Musik, stolpert dann in wild-atonalen Avantgarde-Jazz, ultrakomplex, in sich vertieft, kratzig und melodisch frei, berstend fast. Und "Dark Star" im Anschluss übt sich minimalistisch forsch wie kein Motiv zuvor. Da musste die vulkanische Energie des vorherigen Stückes sortiert und gebügelt werden. Schönes Teil! Ganz besonders: "Nancar". Der klassisch moderne Pianist beginnt äußerst virtuos das Stück, bis zum frischen Ende, an dem die "echte" Jazzband einsteigt. Zuletzt "Little Boy" macht die Struktur des Albums deutlich. Am Anfang startet das Ensemble aus der Stille, zart und lyrisch, mit verhangenen Motiven, doch im Laufe des Albums, und erst ab der Hälfte, spielt die Band ihre melodischen, konkreten Stücke. In "Little Boy" gar gibt es Gesang und der harmonische Aufbau des Bläserarrangements auf der Basis dieses extravaganten und eigenwilligen Rhythmus erinnert an die Jazzseite der Belgier X-Legged Sally.

Fast eine Stunde lang ist die Musik auf "Green Side Up" des Projektes Delirium. Mikko Innanen (saxes), Kasper Tranberg (Kornett), Jonas Westergaard (b) und Stefan Pasborg (dr, perc) beweisen Sinn für Melancholie und Humor. Ganz europäischer Jazz, der ins Improvisative unterwegs ist, sind in den 10 Stücken unglaublich schöne Harmonien zu hören, die einmal sehr schräg und eigenwillig sind, dann im Bandinterplay erstaunlich lieblich und schöngeistig. Die Einspielung klingt locker, die Jungs sind gut eingespielt, ein Jeder beherrscht seinen Part im Schlaf. Die komponierten Basen haben Frische, sind straff und verblüffend eingängig, daraus geht es allerdings ordentlich wild ins Freie. Nie besonders laut oder dramatisch legen Delirium Wert auf Bandinterplay und Solo-Improvisation. Die leichthändige Spielweise hört sich "gut" an, geht flüssig ins Ohr und unterhält gut, die Soloparts sind modern und abgefahren, aber doch von gewisser Tradition. Saxophonist Mikko Innanen hat den großen Saxophonisten gut zugehört, vor allem ihren Live-Alben. Die Rhythmuscrew arbeitet sich ebenfalls ins melodisch Freie vor, beweist Spiellust und -verstand, und kann, dann ganz Basis, enormen Druck machen und Swing vital und drahtig preschen. In den CD-Sammlungen der Musiker wird gewiss auch die eine oder andere Rock- oder gar Metal-Scheibe stehen, zumindest lässt dies die druckvolle und heftige Spielweise ahnen. Am stärksten indes ist die Band, wenn sie in die Stille der Melancholie unterwegs ist und diese mit wilden Sprüngen greifbar macht.

simontoldam.com
andersfilipsen.com
mikkoinnanen.com
pasborg.dk
ilkmusic.com
VM





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