Shizuka "SHO-KA" (Vital Records 2003)

Irgendwo las ich einmal, dass die japanische Szene zwar eigenartige, eindrucksvolle Bands/Alben vorzuweisen hat, die japanischen Bands aber keinen eigenen Input in den Progressive Rock geben würden. Das ist natürlich völliger Blödsinn und nur der Ignoranz dessen gedankt, der diese Äußerung tat. Gerade die Eigenart der japanischen Szene ist ihr Input. Ohne die japanische Szene und ihre wahrhaft vitalen, überbordend radikalen bis wahnsinnigen Songs und Alben wäre Progressive Rock heute fahl und bleich wie die fette Leiche eines verblichenen Achtzigjährigen (ist das ein angemessener Vergleich?) (klingt zu herb, nicht? Egal!). Shizuka markieren Eigenart, wie sie nur aus Japan kommen kann, auf eine Art, wie sie im Progressive Rock bisher wohl nicht vermutet werden konnte. Das Trio taniuchi (voc, b, etc), kasai (g, b, etc) und rumi (voc, key, etc) wartet mit einer Mischung auf, die arg irritiert. Auseinandergenommen sind gewohnte Stimittel mit hier befremdend empfundenen Tönen auszumachen. Symphonik Rock, Jazzrock, heftige Avantgarde - bis hierher ist es typisch japanisch und erfreulich. Doch dann kommen Punk, New Wave, Disco, Techno und Metal dazu. Wie klingt das Resultat? Überaus interessant auf der einen Seite, verwundernd und verblüffend auf der anderen. Jeder der einzelnen Partikel dieser Songs, von einer europäischen oder herkömmlich inspirierten Band gespielt, würde wohl das Interesse der Prog Freaks sofort ausschalten. Doch die Eigenart, die "Strangeness" von Shizuka überzeugt. Die Betonung liegt auf Avantgarde, wenn auch die Stilmittel eher aus den anderen Töpfen kommen. Keine Ahnung, was Shizuka mit "etc" meint, wenn sie auflistet, welche Instrumente ein jeder Musiker spielt. Drummachine gehört dazu, eindeutig, aber sicher auch Saxophon und vor allem jede Menge Samples. Die fangen bei Stimmen an und hören bei 20er-Jahre-Orchesterklängen längst nicht auf. Die Namen der Songs sprechen eine deutliche Sprache, wirkliche Lyrics gibt es selten und so heißen einige Stücke: hi, yume, sou, ai, tori, nan, ami... Die zumeist kurzen Stücke haben eine breite, wenn nicht riesige Palette an Einflüssen, die nicht bei King Crimson beginnt und nicht bei Kraftwerk endet, sondern über die ganze Bandbreite populärer Musik ausholt. Da kann es passieren, dass ein Stück klingt, als seinen Samla Mamas Manna mit Madonna verbandelt oder Genesis aktiv auf den Spuren des Punk Pop unterwegs. Psychedelische Schrägheiten treffen auf Electro Pop. Hardrock wird zu sphärischem Kraftwerk-Sound. Jazz trifft auf Avant Pop. Shizuka haben keine Scheu davor, sämtliche Grenzen populärer Musik zu überschreiten. Stets eigenwillig, ausdrucksstark und unvergleichlich, immer etwas schräg und wild, neben der Spur, irritierend. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen, kein Auge trocken und die Entscheidung fällt leicht. Entweder man kann sich dem Reiz dieser humorvollen und gänzlich verrückten und ausgeflippten Dinger von Songs genüsslich hingeben oder man flieht entsetzt vor dem Krawall, der die inneren Grenzen beunruhigend angreift. Nix wie ran an den Topf!

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VM



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