Boris Savoldelli & Elliott Sharp "protoplasmic" (Moonjune Records, VÖ: 16.06.2009)

Zwei verrückte Wissenschaftler haben die Weltformel gefunden. Sie ist, irgendwie, scheint's, musikalischer Natur. Und wie Wissenschaft nun mal eben ist, sie erklärt sich nicht von selbst, einfach so, ohne Kommata und Semikola. Ich hab's gerade nicht im Kopf, aber irgendwo im deutschen Lande wird just so ein Dings von Energiedingsbums gebaut, so ein riesiges ultrakrummes Teil, das genau so ultrakrumm (und riesig) sein muss, um Energie zu erschaffen - oder ist das der Sonnentest - wie die Gutste funktioniert? Mhm!
So ist das auch mit dieser Platte.
Die beiden verrückten Wissenschaftler haben die Weltformel auf ihre, wissenschaftliche, Weise in Sounds und Klängen ausgedrückt. Zum Vergleich: Soft Machine sind dagegen Popmusik! Die Weltformel ist in 10 erklärende Teile untergliedert, wobei das letzte, zusammenfassend, quasi, das längste ist, da werden alle Fäden wieder aufgenommen und zur letzten Erklärung geführt, dass auch der letzte Mohikaner damit etwas anfangen kann.
Es eröffnet "A-Quantic", der Part ist derart verzwickt, das die beiden genialen Abstraktologen die zweite Erkenntnis schlicht "Noises in my head" genannt haben. Bleibt zu hoffen, dass der wissenschaftliche Anteil nicht auf der Strecke blieb. Aber davon ist nichts zu hören. Weitere Parts haben ebenfalls wissenschaftlich anmutende Titel, oder solche wie "Khaotic Life". Der Fastausklang hat dann "Prelude to Biocosmo Pt. Two" erhalten, was zuletzt zu dem lässigen "Dig It" führt, womit die Ausführung beendet wird.
"protoplasmic" ist die kakophonische Chaos-Symphonie zweier Avantgarde-Musiker, die mit weniger Equipment kaum eingespielt werden kann: Stimme, Gitarre, Saxophon, Electronic. Bisweilen leuchtet melancholisch-stille Atmosphäre durch den grandios erschreckenden Krach, der sich aus divers gefilterten Sounds füttert. Angerissene E-Gitarren-Saiten kratzen unter Stimmensturm, dem sich klagende Gesänge unterheben. Unruhige Motive donnern durch ihre Minuten, irrsinnig schräge und vollkommen atonale, dabei jedoch hübsch anzuhörende Tonfetzen irren durch ihre Komposition, wie zufällig und doch punktgenau.
Einen konkreten Eindruck macht "protoplasmic" doch. Boris Savoldelli ist ein Jünger des viel zu früh dahingeschiedenen Demetrios Stratos. Italiens griechischer Jazzrocksänger in Areas illustrer Riege: welche Stimme, welcher Sound! Nun, mit Area hat "protoplasmic" dann doch wenig bis nichts zu tun, nur partiell begab sich der Italo-Prog-Klassiker ins atonal freie Geschehen. Stratos' Gesang findet hier eine extreme Wiederauferstehung, mit partiell verblüffendem Wiedererkennungswert.
Savoldelli ist ein ideenreiches Stimmwunder mit Sinn für Harmonien, die über jedem Wohlgefallen stehen und dennoch zu beeindrucken vermögen. Mit Elliott Sharp an seiner Seite hat der Sangeskünstler mit dem elektronischen Soundverständnis einen allseits avantgardistischen Kunstkrawaller, der ebensoviel Sinn und Humor in Mainstream-jenseitigen Klängen sieht.
Für Freunde der Weltenformel.

borisinger.eu
elliottsharp.com
moonjune.com
VM



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