Die Resonanz "Edelbrand" (No Man's Land Records 2008)

Ich könnte es mir leicht machen und sagen, das sei schräges Zeug aus dem Folklorebereich, ich würde es Avantgarde-Folk nennen, und fertig ist der Lack. Aber 'Avantgarde' - und das will ich jetzt hier einfach mal nur mit schrill, schräg und abgefahren bezeichnen und nicht weiter auf den fremdbenutzten Begriff eingehen (der Mantei schon wieder!) - findet hier nicht statt. Gar nicht.
Das Volksmusikantentrio mit dem Rock'n'Roll-Tick, als da sind Johannes Steiner an der diatonischen Harmonika (sowie voice), Robert Kainar (dr, perc, tr, voice) und Norbert Asen (cl, sax, Challumeau, voice), mitsamt Gastbläserin Ami Denio (sax, cl, acc, voice), spielt recht harmonische Songs, die vor allem stets und immer Folklore sind. Sicher hat das hier und dort schon mal etwas deftig witzige, ordentlich edelgebrannte Schräglage. Aber wenn Robert Kainar nicht eigentlich ein virtuoser Rock-Schlagzeuger wäre, könnte man schon mal das Dirndl (etc.) hinter der nächsten Ecke vermuten. Eine übermütig besoffene Jungvolk-Dorfkapelle dürfte sich in Wienerischen Breiten ebenso zu solch schwelgerisch dampfenden Tiraden hinreißen lassen.
Aber sicher ist Die Resonanz viel mehr. Zum einen keine Dorfkapelle, sondern ein grandios komponierendes, ausgefallene Arrangements liebendes Volksmusikensemble. Zum anderen bürsten sich - neben dem trommelnden Rock'n'Roll-Anteil auch nett pointierte Jazzhäppchen aus den Blasinstrumenten. Nicht ganz wenig jüdisches Folkloreflair sitzt im Nacken der Musiker, der dabei nicht weiß, ob er melancholisch in die Ferne denken oder beschwipst über die Tische tanzen soll. Ein bisschen Übermut steckt in den Songs, viel Wehmut, tüchtige Volksmusikverliebtheit, wie sie nur aus Wien kommen kann (denkt der norddeutsche Boddengewässerrandbewohner), eine Menge forsche Frechheit und verschmitztes Basspumpen, trockene Weltsicht und saubere Studioatmosphäre (und nicht keimfreie!) - die dem Klang der CD die kraftvolle Basis gibt und dem klaren Ton der Instrumente Schmackes und Pfeffer.
Die lautmalerisch sangeswütige Gastchanteuse Denio hat das historisch gewachsene, volksmusikantische Harmoniegefüge nicht so ganz weg und jubelt trunken über dem gefassten Ensemble, so das purer Überschwang aufkommt, sich in die hübsche Hauptstädterbergwelt dieser gebirgigen Songlandschaften mit amerikanischer Touristin zu stürzen, der prächtigen Feier beizuwohnen, und noch viel mehr als nur dies.
Also (würde Dieter van Gelder sagen), haben wir es hier mit einer CD zu tun, die Musik enthält. Musik, die man sich gut anhören kann, ohne sich vor den Freunden verstecken zu müssen. Gewiss hat diese fortschrittliche Folklore-Variante einige ernsthaft-konservative Brocken im Ansatz. Sie kommen halt nicht von Mond oder Mars, sondern vom Blauen Planeten, der sie in Wien ans Tageslicht spuckte, wo äußerstes Fröhlichsein gleich neben Friedhofstrauer sitzt und in jeder 11 Liter enthaltenden Schnapsflasche 100% Alkohol Stecken. Edelbrand.

dieresonanz.at
nomansland-records.de
VM



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