The Rare Bird Rumba Ranch "Bull Feathers" "Pornos For Peace Keepers" (Barbés Records 2004)

Wow! Was für schräges Zeug! Dieses Quartett mischt Kabarett, Jazz, Folk, Latin und (pseudo) Yiddish Music in eigenwilliger Kreation. Erst einmal, die Songs sind ungemein bewegt und vital. Da brechen falsche Noten aus, jubeln zwei weibliche Stimmen, dass ich nicht weiß, ob ich entzückt oder entsetzt sein soll. Ein Akkordeon malt melancholisch-freche Töne, das Saxophon holt zu einigem Humor aus, der Bassmann bringt zwar keinen Rock, aber Roll ein und der Leadsänger haut auf seinen Congas in recht ungewöhnlicher Weise einen Latinrhythmus, der diese krumme Tour musikantischen Zirkus' clownesk und rührig klingen lässt.
Mit dem ersten Ton ist das mitreißend, wenn auch nur ein "richtiger" Anwärter zum Hit dabei ist. "Pop was born in Texas" ist ein bitterböser, schwarzhumoriger Track, der sämtliche Schmalzlocken der Popmusik durch den Kakao zieht.
Musik zum Wohlfühlen, aber nicht Entspannen. Die Band sieht auf den ersten Blick noch ganz normal aus, auf den zweiten aber ist der Schalk in den Augen zu erkennen. Michaël Attias aka Chico Malo (sax, rec, voc, Renku, Anthony Coleman), Komponist und Chef Greg Stare aka Chico Loco (congas, lead-voc), Joshua Camp aka Chico Long and Pompous (acc, voc, One Ring Zero) und Taylor Bergren-Chrisman aka Chico Bueno (b, voc, Golem, The blue Vipers) haben mit Emily Hurst und Allyssa Lamb (Las Rubias Del Norte) zwei geistig verwandte Schwestern gefunden, die mit abgedrehtem Gesangsstil dieser Betörung die Dornenkrone aufsetzen.
Für Überraschungen wird immerwährend gesorgt, und was hinter dem nächsten Break steckt, weiß man nie! Eines ist es immer, skurril und schrill und ganz und gar abgefahren. Gleich 2 CDs bringt die Band in diesem Jahr auf den Markt. Das zu Beginn des Jahres veröffentlichte Debüt mit dem bösen Namen "Bull Feathers" (Januar 2004) ist knapp 40 Minuten lang, die 6 Songs haben noch nicht die abgründige Tiefe des Humors, den das kurz darauf, just soeben erschienene "Pornos For Peace Keepers" (Oktober 2004) giftig zu versprühen weiß. Auf "Pornos For Peace Keepers" gibt es einen Track, der wohl in den seltsamen USA funktionieren mag, aber europäischen und vor allem deutschen Musikfans die Hutschnur hochgehen lässt. "Goodbye Mi Amor" ist bayrische Folklore übelster Schlagermachart gepaart mit anarchistischem Witz, in dem es zum Glück vor falschen und schrägen Noten nur so wimmelt. Da frage ich mich doch glatt, ob die Menschheit als der Schöpfung Krönung taugt…
Gerade in diesem Song sind Emily und Allyssa schrecklich Nerven zerfetzend bayrisch drauf. Die Band darf sich über diese böse Schandtat freuen, ich indes brauche dringend Abwechslung. Die folgt mit dem 52-minütigen 10-Tracker "Bull Feathers" auf dem Fuße. Die Songs sind rotziger, haben immer eine etwas punkige Attitüde, ebenso den anarchischen Witz ausgeflippter Avantgarde, als würde ein schräges Latin-Ensemble Sun Ra covern, oder so. Die Maiden jubeln wie von einem anderen Stern, wo gibt es auch bayrischen Gesang in Mexikos Jazzbars?!
The Rare Bird Rumba Ranch - das sagt sich nicht nur richtig schön, das ist musikalisch ebenso. Zivilisationspossen mit Intelligenz.

rbrr.com
VM



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