Random Touch "The You Tomorrow" (Roadnoise Productions 2004)

Eine erstaunliche Band! Ende 2003 hat das Trio Random Touch "A Parade Of Dusty Hobos" veröffentlicht, kein ¾ Jahr später folgt vom nunmehrigen Duo das Nachfolgealbum "The You Tomorrow". Gitarrist Scott Hamill scheint die Band verlassen zu haben, so dass Schlagzeuger Christopher Brown und Keyboarder James Day allein verblieben sind. "The You Tomorrow" ist ein Ausnahmewerk, der Aufmachung, dem Design, der Musik, den Videos nach. Gleich zwei Scheiben beinhaltet das neue Werk. DVD und CD, sämtlichst mit neuem Material.
Auf der DVD sind weniger Stücke als auf der CD, dafür eines, das wiederum nicht auf der CD auftaucht. Der Jazzrock der ersten CD "Hammering on Moonlight" (2002) hat sich vollständig verflüchtigt. "The You Tomorrow" ist ein reines, sehr harmonisch-melodisches Avantgarde-Werk, wobei sich harmonisch und melodisch auf den Eindruck, den Klang, nicht die praktische Einspielung verstehen.
Die DVD ist äußerst interessant. Da kann man sehen, mit wie wenigen Mitteln dieses begnadete Duo wie viel Musik schafft. Teilweise völlig ohne Instrumente, mit Silberfolie, auf dem Boden liegenden Hölzern, Becken, mit Luftballons oder einfach nur der Stimme. Wenn Christopher Brown und James Day zu ihren Instrumenten greifen, wird das Bild zwar normaler, aber längst nicht die Musik. Auf der DVD sind 9 vom Duo eingespielte Videos, visuell verfremdet, sehr künstlerisch und auch in der Bildsprache avantgardistisch, modern und phantasievoll. Das setzt sich ebenso in den als Performances bezeichneten weiteren 6 DVD-Tracks fort, die 2001 bis 2003 aufgezeichnet wurden, und in deren einem Fall Gitarrist Scott Hamill zu sehen ist. Da heißt ein Stück schon mal: Studio, traditional Instruments, 3-15-03. Was das andeutet, ist klar. Es gibt zwar traditionelle Instrumente, aber keine solche Musik.
Die zweite Scheibe ist eine CD mit brandneuem Material, das akustisch einmal mehr verdeutlicht, wo die Band heute steht und wie ihre Vision von Musik klingt. Sehr geräuschlastig, mit versteckten Harmonien und wundersam spacigen Sounds, alles andere als typisch, sondern völlig strange und avantgardistisch, losgelöst von herkömmlichen Musikvorstellungen und frei von Grenzen. Doch trotz aller Schräge und Gewöhnungsbedürftigkeit des Klangbildes (nicht des Klanges, der ist einwandfrei), hat die Musik eine große Harmonie. Die Fülle rhythmischer und tonaler Eindrücke, verfremdet durch elektronisches Equipment, ist nicht ein Stück anstrengend, nur komisch, anmutig und irgendwie befreiend. Und wenn hier so ein Song, der bereits als Video auf der DVD zu sehen war, von der CD aus den Boxen rauscht, kommen die Bilder wieder hoch: wie das Duo singt, Dinge an der Wand entlang kratzt oder den Klang einer wehenden Fahne, grandios verstärkt, durch den Raum flattern lässt. Die beiden längst nicht mehr ganz jungen Männer sind mit einer unglaublich praktischen Fantasie gesegnet, die sie lässig und mitreißend umzusetzen wissen. Vielleicht hätte heute Frank Zappa so musiziert, auf alle Fälle würde Edgar Varése interessiert zuhören und danach anders arbeiten. Ein berückendes und gleichsam verstörendes Werk, weil seine Ungewöhnlichkeit, fast wie ein Hörspiel, so vertraut und beruhigend wirkt. Eine kleine Voraussetzung muss man mitbringen, um diese Musik ganz erfahren zu können: keine Scheu vor ungewöhnlichen Sounds.

randomtouch.com
VM



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