Public Eyesore / eh?

JESSE KRAKOW ist als Bassist von PAK und Time Of Orchids kein Niemand. Aber wer hätte geahnt, dass in ihm ein nicht zu bändigender Singer-Songwriter steckt, der die World Without Nachos (eh?33, CD-R) beglückt mit 72 (!) Liedchen, oder wie soll man seinen gecroonten Output sonst nennen?, und dafür nur 37 Minuten braucht. Neben simpler Schrappelgitarrenbegleitung multitrackt er soulige Backgroundchöre, er lässt eine Drummachine klopfen und Synthis schwallen und orgeln, bläst Saxophon und pumpt sich so zu einer mehrzungigen, vielarmigen Clown-Clone-Band auf mit Brian-Wilson'esken Arrangierambitionen, die jedoch gern über ihren Unernst stolpern. Für die ungenierte Lebensnähe von Krakows Humor sprechen Titel wie ‚Hands Full Of Beer', ‚Don't be Like An Asshole' oder ‚Fuck Me On Christmas' Bände, von ‚Cow Goes Moo', ‚I Am Dum' und ‚I Am Very Smart' ganz zu schweigen. Dazu bekrabbelt er manchmal die Gitarre so à la Chadbourne, dass es kaum Zufall sein kann. Dann wieder jubiliert es aus allen Trichtern, dass es eine wahre Freude ist, obwohl der Stil durchwegs undefiniert bleibt, weil Krakow bei seinen Songs in the Key of Z ständig zwischen Rock'n'Roll, Soul, Blues und augenzwinkernd aufgeblusterten Möchtegernschlagern zappt und dabei nicht damit hinterm Berg hält, dass er schwul ist. File under: ‚When The Clown Is Gay'.

Ich kenne Sozialistischen und Magischen Realismus, aber was zum Kuckuck ist Dirty Realism (eh?34, CD-R)? DIAMONDHEAD aus Austin, TX, definieren ihn als Atonal Squalor. Heat and Heaviness. Alpine Guitars. Karaoke Machines. 4-Track hiss. Strat/Tele copies.
Crate/Peavey Amps. Drums. Casio keyboard. So fabrizieren L. Eugene Methe, R.J. Reynolds und Derek Rogers Lo-Fi-Freispiele, die an den Abgründen von Freak Rock und Last-Visible-Dog-Psychedelic entlang balancieren wie ein 4,9-Promille-Radfahrer, der, obwohl er nur in Zeitlupe voran eiert, der Schwerkraft trotzt. Musik, die sich mit ölverschmierte Putzwolle den Schweiß von der Stirn wischt, der Drummer totmüde, die Gitarren verdreht wie das Fahrgestell eines Unfalltotalschadens. Ein Dutzend Fragmente, herausgeschnitten aus Jams in einem Proberaum, dessen Luft man mit dem Schneidbrenner schneiden muss.

Quoth the Raven: brekekekexkoaxkoax. Diesen Krächzer von Namen hat sich Josh Ronsen gewählt. Auf I manage to get out by a secret door (eh?35, CD-R) breitet er ein Spektrum seiner Improvisationsgelüste aus - solo mit nur Electronics oder mit Turntable, Guitar & Electronics. Die E-Gitarre, meist präpariert gespielt, ist sein Hauptwerkzeug, in Duos mit dem Drummer Jason Pierce, zu dritt mit Glen Nuckolls an der akustischen Gitarre und Genevieve Walsh an Drums & Flöte, und schließlich noch zu viert mit zusätzlich Jacob Green an Percussion, Electronics & Oboe. Auf der Agenda stehen Dumitrescueske Drones und Geräuschnuancen, mit viel Fingerspitzengefühl hervor gekitzelt, perkussives Rascheln und Knistern und Klimpern, drahtig gezupftes Saitenspiel, Entstehungsort ist Austin, TX. Ronsen sammelt dort Informationen über John Cage, das Schnurren von Katzen und Songs aus möglichst jedem Land der Welt (Germany - Fehlanzeige) und er schreibt am experimental music + mail art zine Monk Mink Pink Punk (issue 12 - 07/07 enthält z.B. Interviews mit Eric Cordier und Keith Rowe). Bei seiner Improvisiererei habe ich den Eindruck, dass immerhin den dröhnenden Soli und dem Trio, bevor die Drummerin ein Juckreiz befällt, ein ansprechender Flow glückt.

In Toledo, OH, bespielte THE KBD SONIC COOPERATIVE [four plus one] (eh?36, CD-R) mit Free Music. K steht für Michael Kimaid - Drums, Percussion & Signals, B für Gabe Beam - Strings, Horns, Electronics, Objects, und D für Ryan Dohm - Trumpet, Cello, No-Input Mixer, Objects. Die Drei nehmen sich Zeit, lange Geräuschfäden durch Nadelöhre zu fädeln, vor denen so manches Kamel schon den letzten Grashalm abgegrast hat. Es wird fast 80 Min. lang gerappelt und hantiert und mit elektronischen Impulsen der unrhythmischen Sorte operiert. Bei vier Studioimprovisationen plus einer halben Stunde live in Detroit stöbern die Drei ausgiebig und akribisch in den Ritzen und Fugen von Raum- und Zeitlosigkeit. Minutenlanges informelles Kleinkleinkramen wechselt mit minutenlanger tachistischer Krimskramserei, gepollockt wird auch, aber selten. Jede Improvisation ist zwar wieder anders anders und das Horn-Trumpet-Spiel bei ‚Untitled 8' ein willkommenes ‚Hallo Wach?'. Ähnlich wie das Einfache, das schwer zu machen ist, gibt es auch ein Solala, das spannend zu machen ist. Zuhören ist hier etwa so aufregend, wie jemandem beim Krimilesen zuzuschauen.

In der Public-Eyesore-Hauptreihe erschienen, fängt Live at Kanadian (pe #110), 2005 in Osaka, nicht in Kanada, den Zusammenprall von ANLA COURTIS (*1972, Buenos Aires) mit SEIICHI YAMAMOTO & YOSHIMI P-We ein. Jetzt Aha, Reynols meets Boredoms zu denken, hilft nicht wirklich weiter. Man muss sich den Clash von Noise-Improv und Japan-Psychedelic vorstellen. Der 1958 in Amagasaki geborene Yamamoto ist schließlich eine Verkörperung japanischer Umtriebigkeit und Abenteuerlust und spielt neben Boredoms auch in Omoide Hatoba, PARA, Rashinban oder Rovo wie auch mit Chie Mukai und vielen anderen. Sein Gitarrenspiel allein wäre Grund genug, hier immer wieder die Luft anzuhalten und der nächsten unberechenbaren Wendung entgegen zu fiebern. Der Argentinier, der in letzter Zeit zwischen Birchville Cat Motel, Lasse Marhaug und Ralf Wehowsky flipperte, spielt den Joker mit e-guitar, toba violin & tapes. Nur die pe-Website verrät, dass ‚untitled 1' von Courtis + Yamamoto stammt, ‚untitled 2' von Courtis + Yoshimi, ‚untitled 3' von Yamamoto + Yoshimi und erst ‚untitled 4' von allen Dreien. Im Zweifelsfall spielt Yamamoto die psychedelischen Bock- und Warpsprünge, Courtis die Noise-Schraffuren. Gitarrenfreaks bekommen hier allemal ihr geliebtes Ganzkörperprickeln verpasst. Der innerjapanische Dialog ist besonders intensiv, wobei Yoshimi die Gitarrenhöhenflüge zuerst mit einem schimmernden Harmonikaklang untermalt, bevor sie einen zarten Beat klopft und abgedreht kirrt. Im Trio lässt sie ihr OOIOO-Keyboard zweifingersimpel fiepen und singt wie Tenko, während Delays kaskadieren und sich rhythmisch aufschaukeln, leider nicht zum finalen Freakout, weil sie vorher den Faden verlieren.

publiceyesore.com
rbd / bad alchemy



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