Pikapika Teart "Moonberry" (AltrOck 2011)

Progressive Rock hat seine Tendenzen mittlerweile so weit gestreut, dass Bands verschiedener Ansatzpunkte, die sich beide als "Progressive Rock" verstehen, etwa Magic Pie aus Norwegen und Pikapika Teart aus dem russischen Sibirien, die noch nicht einmal so unsagbar weit auseinander liegen, im kreativen Ansatz grundsätzlich nicht verstehen dürften, musikalisch wohlgemerkt. Die Norweger würden etwa King Crimson als allgemeines und cooles Altvorbild nennen (und von Univers Zero eher nur wissen, dass es die Band überhaupt gibt), wohingegen die Sibirier da die konkrete Differenzierung diskutieren (und von Univers Zero geradezu besessen sind). Von diesem Startpunkt brechen Pikapika Teart in düstere Gefilde auf, die skandinavische Dunkelheit (wofür genannte Norweger nicht stehen) gedanklich und konkret streift (was sie im Booklet zeigen) und sogleich in die belgische Avantgarde preschen. Der folkige New Chamber Rock der Sibirier ist von russischen Komponisten inspiriert, von Igor Stravinskij und Dmitri Shostakovich, ebenso von King Crimson und Henry Cow, von Anekdoten und den Labelmates Rational Diet, zeigt starke Einflüsse russischer Folklore und dezente jüdischer Instrumentalliedkultur.
Die 13 kurzen Stücke sind streng komponiert, virtuos und lebhaft eingespielt, wenig eingängig und von tief gehender Emotionalität, die auf den ersten Eindruck eher kühl und abweisend wirkt, mit jedem Hören immer wärmer und lebendiger wird, bis die komplexe und radikale Melodiesprache aufgeht und sich im Kopf festsetzt.
Klarinette, Piano, Viola und Violine sind die vorherrschenden akustischen Melodieinstrumente, das ‚normale' Rockinstrumentarium ist überwiegend für den Ausbau der Grundstruktur der Songs verantwortlich, selbst die beiden Gitarristen der Band kommen solistisch wenig zum Vorschein, wie überhaupt die Band eher gemeinsam die instrumentale Magie der Songs ausbaut. Normales Rockpublikum, das mit Chamber Rock nicht vertraut ist, würde wohl denken, dass klassische Musiker sich an Rockinstrumenten probieren - oder den seltsam strengen Sound irgendwie als Jazz verstehen und die formale Strenge kaum nachvollziehen können oder wollen, der geneigte AvantProg Süchtige hingegen wird der fast schon sanften und lichten Spielart der Band verfallen.
Neben den instrumentalen Stücken sind drei weniger als eine Minute lange Vokalstücke zu hören, die ganz ohne instrumentale Begleitung auskommen und typisch russische Ländler-Art präsentieren, gewiss keine originalen Folklore-Songs, doch in dem Arrangement, das die russische Chorkultur so ganz typisch und eigen entwickelt hat.
"Moonberry" ist ein grandioses, komplexes, immer wieder überraschendes, virtuoses und in aller abgründigen Düsternis bisweilen gar überaus komisches Avantrock-Album, das nur unbedingt zu empfehlen ist!

altrock.it
VM



Zurück