Pierrejean Gaucher "Melody Makers" (Musiclip, VÖ: 12.11.2009)

Pierrejean Gaucher schloss 1981 sein Musikstudium an der berühmten Berklee School of Music in Boston ab und gründete seine erste Band Abus Dangereux. Jazzrock, Funk, starke Einflüsse von Zappa, die später noch deutlicher in verschiedenen Projekten zutage treten sollten, weniger starke von Magma und der französischen Jazzrock-Szene des vorherigen Jahrzehnts - der Auftakt war stark. Mittlerweile ist Pierrejean Gaucher 30 Jahre als Musiker aktiv, "Melody Makers" ist seine 15. Produktion und sie ist anders als jede zuvor. Gaucher betrieb den stilistischen Wechsel stets forsch, Jazzrock und Electric Jazz bezogen sich auf verschiedene Pole.
Das neue Album ist ein Tribute-Werk an seine ganz persönlichen Vorbilder. Sein neues Powertrio hat er mit zwei handwerklich äußerst geübten und technisch wie emotional versierten Musikern belegt. Clément Petit (ce) und Cédric Affre (dr) sind längst nicht die Hilfsarbeiter an seiner Seite, sondern gleichberechtigte und solistisch wie improvisativ in den Vordergrund tretende Melodiker, die ihren Versionen der Rock- und Popklassiker mit inniger Spiellust und finessenreicher, dynamischer Hingabe Leben einhauchen. Radioheads "Scatterbrain" eröffnet die 10 Songs umfassende, 43 Minuten lange CD. Die Songmotive sind in jedem Fall zu erkennen, aber so umgebaut, dass der harmonisch-dynamische Rahmen ganz andere Facetten aus der Komposition holt. Das Trio spielt Jazz ohne Radikale oder Brachialität, es liebt die sanfte, lyrische Herangehensweise, ohne den Songs Kraft und Lebhaftigkeit zu nehmen, ohne lasche oder kitschige Phrasen daraus zu machen, hier und dort deftig würzige Passagen zuzulassen, aus denen lyrische Solopartien wachsen.
Mit intuitivem Gespür für die vorgegebenen Kompositionen, mit eigener Dekonstruktion und komplettem Neuarrangement und der illustren Klangverbindung von Gitarre und Cello, die beide mal elektrisch, mal akustisch gespielt werden und dem bewegt differenzierten, zurückhaltend knackigen Rhythmusspiel des Schlagzeugs und mit partiellem lautmalerischen Gesang im Off (ohne extra Mikrofon aufgenommen) bekommen die Songs eine Klangsprache, die erhaben und edel wirkt, ohne bieder zu sein. Der Spaß der Truppe ist jederzeit zu spüren, in den vertieft melancholischen Partien, wenn die Band immer leiser wird und die Spannung zu knistern beginnt, oder wenn zarte Soli wie ein Hauch vorüberwehen, dazwischen in jazzgeladenen Bandinterplays und radikalen Brüchen, in denen Lautstärke aufgefahren wird.
"Walking on the Moon" könnte extra für diese Interpretation geschrieben sein, die Popdimension ist weg, der Song zeitlos geworden, in ein edles, sanftes Gewand gepackt, das mit scharfen und rasanten Tönen aufwartet. Pierrejean Gauchers Gitarrensounds sind klar und ausgewogen, würzig und lebhaft, haben eine knochentrockene Seite und eine Prise Blues im Blut.
"Kashmir" ist mein Lieblingsstück von der Platte. Stark verfremdet, wie sollte es anders sein, kommt doch die Energie der Komposition durch. Auch "Dinosaur" von King Crimson ist fabelhaft. Elvis Costellos "Who Do You Think You Are" hat Elegie, "Smoke On The Water" habe ich zuletzt in diversen Jazz-Versionen gehört, unter anderem auch von Christophe Godin (auf der Zappanale), mit dem Gaucher im Duo zusammenarbeitet. Trotzdem als Akustikstück lebhaft und leicht wie Frühstücksjoghurt.
"Knights In Shining Karma" (XTC) ist im Original aus meiner Sicht doof, hier lebt das Stück plötzlich auf, aus Pop wird Jazz mit markanter Note.
Die Instrumentalisierung der Songs, die allesamt Hits waren, nicht nur für Pierrejean Gaucher, auch allgemein und sowieso, das Wegfallen von Gesang und Refrain und die Jazzharmonisierung der Melodielinien belebt die Arrangements, macht die Songs leicht und virtuos und zum angenehmen Vergnügen. Das Trio geht mit dem Programm auf Tournee, und gewiss wird es dabei noch so manches weitere Kabinettstückchen aus der Jazztasche ziehen, das im Leben vordem als Popikone zu Tränen rührte und jetzt richtige Musik ist.

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VM





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