Othin Spake "The Ankh" (Rat Records 2006) "Child of Deception and Skill" (Rat Records 2008)

Im März 2005 lud Schlagzeuger Teun Verbruggen (u.a. Jef Neve Trio, Flat Earth Society, PVTV) den exzentrischen Gitarristen Mauro Pawlowski (dEUS, Somnambula) und Piano-Rhodes Derwisch Jozef Dumoulin (u.a. Määk Spirit, Magic Malik, Octurn) zur gemeinsamen Session ein. Das belgische Trio spielte freie Improvisationen, die herkömmlich nicht zu kategorisieren sind. Geplant war ursprünglich nur eine einzige, schließlich im Brüsseler Archiduc gegebene Session. Das Resultat ließ das Publikum erstaunt, verblüfft und neugierig zurück. Der neuartige Sound sprach sich herum und das Trio wurde zu Konzerten und Festivals eingeladen. Teun Verbruggen, Mauro Pawlowski und Jozef Dumoulin gaben sich den Namen Othin Spake und absolvierten in den Jahren 2005 bis 2007 etliche Konzerte, von denen nicht eines wie das andere ausfiel. 2006 wurden die Aufnahmen des dritten Othin Spake Konzertes mit einem Track der allerersten Session auf CD veröffentlicht.
Auf der Innenseite des festen Papiercovers ist zu lesen: "no harmony, form, melody or structure was set in advance". Nun, zwei Jahre später, veröffentlicht die Band mit "Child of Deception and Skill" eine weitere CD mit freien Improvisationen, die im gleichen Zeitraum aufgezeichnet worden sind, sogar etwas früher, und als Dokument gedacht sind, die Band in ihrer frühen Phase zu präsentieren.
Teun Verbruggen steht für sehr technisches, virtuoses und melodisches Schlagzeugspiel, das in aufgedrehten, heftigen Parts für pausenlose Ekstase steht. Mauro Pawlowski sorgt in ambienten, melancholischen Motiven für kratzige, raumnehmende Atmosphäre. In harten, wilden Passagen spielt er extrem abstrakt und harsch, ohne allerdings seinen Verstärker laut aufzudrehen, er nutzt diverse Klangverzerrer, die den klaren Ton der Gitarre fast in elektronische und partiell extrem in elektronische Soundscapes verwandeln. Jozef Dumoulin baut die melodische Seite der Tracks mit jazztypischen Harmonien und Fusionsounds aus, drückt in den schnellen, lebhaften Momenten auf die Geschwindigkeit, lässt rasant-atonale Disharmonien in den Raum brechen, die er immer wieder mit ambienten Jazzmotiven beruhigt. Die sanften Strukturen baut er jazzmelodisch aus. Während Teun Verbruggen und Mauro Pawlowski avantgardistischen Free Rock zum Explodieren bringen, spielt er die immerwährend gleichen, minimalistischen Motive, bis die hektische Stimmung fast nicht mehr zu ertragen ist. Das Trio suchte damals einen abstrakten Ausdruck, den es in einigen seiner Stücke besser als anderen fand. So ist das sechsminütige "Certified 31 % Evil" für Fans melodischer Musik gewiss Folter, Avant-Fans werden die Brutalität und pausenlose Erregung lieben, die schier unübertreffliche Intensität der Note. "The Poem of Hyndla", wie das vorgenannte Stück auf der CD "The Ankh" enthalten, dürfte das intensivste und beste Stück des Trios überhaupt sein. Die melodische Monotonie und ungemein druckvolle Dynamik dieser aufgewühlten Triospontankomposition hat ungemein Charakter. Solcherlei ist selten selbst in der avantgardistischen Rockmusik. Möglicher Weise wird die Musik des Trios für einen Großteil aufgeschlossener, potentieller Hörer eher im Jazz angesiedelt sein, weil die freie Struktur mit den jazzigen Fender-Piano-Motiven so im Rock herkömmlich nicht zu finden ist.
Die zweite CD, "Child of Deception and Skill", 67 Minuten lang, gibt die Band in einigen Songs weitaus melodischer und strukturierter wieder. So ist der Opener "The Ballad of Vathruthnir" trotz harscher, atonaler Note noch relativ leicht nachzuvollziehen, zumindest im Vergleich zu anderen Tracks. Anschließende Stücke verlassen häufig die noch spürbare harmonische Struktur. Das Trio geht ausschweifenden ambienten Atonalmotiven nach, die immer wieder in laute, harsche und extrem wilde Aufregung geraten und dann lange Zeit nicht zu stoppen sind, bis sie wieder in die dezent leisen Disharmonien zurückfallen, in denen der Schlagzeuger leiser arbeitet, ohne langsamer oder weniger aufgebracht zu spielen und die Gitarre im Off kratzige Sounds zelebriert, die fast als Elektronik durchgehen. Die Jazzharmonien im Keyboardspiel üben sodann einen steten Wechsel aus schnellem, disharmonischem Spiel und ambienten, langsamen, Atem in das Motiv bringenden harmonischen Ideen.
Kaum zu glauben, dass das Trio sich so intensiv verausgabt hat. Woher kommt die Inspiration für diese dramatisch schrägen Ideen? Wie hat sich das Trio aufeinander eingespielt? Waren diese Sessions, die sie live vor Publikum gaben, der Ausbruch aus ihren sonstigen, festgelegten musikalischen Strukturen? Alle drei Musiker sind nicht gerade für ihre Harmonieseligkeit bekannt und arbeiten in Bands und Projekten, die häufig in die Richtung gehen, die sie mit Othin Spake wie mit einem Vorschlaghammer ausarbeiten. Die Fülle populärer Musik, die alle Stile heute bis in die Haarspitzen anfällt, wird das Trio getrieben haben, einen Ausweg zu suchen aus der alltäglichen Tonalität, der tonalen Alltäglichkeit.
Wie dem auch sei. Die technisch-handwerklich exzellenten Musiker haben ein besonderes Gespür für freie Improvisation und das gemeinsame Ausbauen und Weiterführen von Harmonien und musikalischen Energien sowie große Sensibilität im Aufeinandereingehen bewiesen.
"Child of Deception and Skill" veröffentlicht die Band am 15. Mai 2008 als Zeichen der ersten, frühen Trioarbeit. Im Januar 2009 soll eine weitere CD folgen, die mit Gästen anlässlich einiger Jazzfestivals eingespielt wurde. Partiell waren dabei: Trevor Dunn (Mr. Bungle, Fantomäs, John Zorn), Shelley Burgon (Harfe), Fred Vanhove, Andrew d'Angelo.
Höchst empfehlenswert, die wunderbare experimentelle musikalische Arbeit des Trios.

teunverbruggen.com
ratrecords.biz
glasvochtrecords.com
myspace.com/othinspake
VM



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