Nichelodeon
"il gioco del silenzio" (CD, VÖ: 15.09.2010)
"Come sta Annie? Twin peaks 20th anniversary show" (DVD, VÖ: 15.09.2010)

Nach "Cinemanemico" (2008) legt die außergewöhnliche Avantgarde-Band Nichelodeon mit "il gioco del silenzio" (Das Spiel der Stille) ihr erstes echtes Studioalbum vor, knapp 79 Minuten lang, 12 Tracks umfassend, darunter "Apnea", eine Komposition, die über die Zeit von 12 Jahren komponiert wurde und vier frühere und acht neue Songs enthält. Die Bandbesetzung hat sich entscheidend verändert, nur Sänger Claudio Milano ist vom Ursprung und der Besetzung der ersten Veröffentlichung verblieben, nach wie vor ist Milano mit seinem besonderen Gesang, seiner außergewöhnlichen Stimm-Performance, den schweren und kaum mit dem ersten Hören nachvollziehbaren Gesangslinien Zentrum der Songs. Die Band um ihn herum, die stilistisch eine große Bandbreite intoniert, ist mit Francesco Chiapperini (as, ss, EWI, cl, fl), Andrea Illuminati (p, mel, Bombarda), Andrea Murada (perc, noise effects, Didjeridoo, rhythmic voc, fl), Max Pierini (electric upright bass, Ocarina), Luca Pissavini (electrified viola, synth, toy instruments, "Matilda" noise machine, field recordings, Duduk, theremin) und Lorenzo Sempio (e-g, bar g, g-synth, effects) instrumental ebenso hervorragend wie ungewöhnlich besetzt, wie es die weiteren Gäste sind, die partiell in einigen Songs zum Einsatz kamen.
Da sind Theatersongs zu hören, Jazz, Avantgarde, Neue Musik, Psychedelic Rock, Harsh Noise, Ambient, Electronics und Field Recordings, kaum scheinen die Songs konsequent so komponiert zu sein, ihre faserige Struktur, die sich immer wieder einmal entwickelnde Lärmorgie, die eigenwillige und äußerst schräge Melodieführung, der atonale Songaufbau, der nach schweren, dröhnenden Partien zu sanfter Lyrik finden kann, alles hat eine Eigenwilligkeit und Komplexität, die kaum ein Komponist so gedacht haben kann. Aber hört euch die CD an und legt danach die DVD ein, ihr werdet feststellen, dass die Band auf der Bühne jeden Ton exakt setzt und stets ganz genau weiß, was wann zu spielen, welche Harmonie, welche Partitur wann wie eingesetzt werden muss. Beeindruckend, das technische Sachgeschick der ganz in schwarz sich auf den Bildern im Booklet präsentierenden Band, die ihre alle Stile übergreifende und Nichts und Niemandem gehorchende Musik selbstbewusst und kunstbesessen offenbart. Die Texte, die in der Expressivität des Gesanges im Mittelpunkt der Songs stehen, in italienischer Sprache gesungen, sind eine Sache für sich, und für Nichtitaliener in englischer Sprache abgedruckt. Die Texte handeln von dem Drang zur Selbstbefreiung, dem Wunsch der Unabhängigkeit, dem Hunger nach Verständnis, Verstandensein und Anerkennung, mal in drastischen, dann in schier lethargischen Worten. Jeder Song hat seine Story, unabhängig von jeder anderen, Konflikte und Kommunikation werden zwischen Flüstern und Schreien erzählt, gesungen, geschrieen, durch Gastsänger unterstützt, wozu eine Opernsängerin gehört.
Instrumental sind die Songs höchst ungewöhnlich. Hin und wieder kommt der große Inspirationsgeber für Claudio Milano mal stärker mal schwächer zu Gehör, in einigen Passagen kopiert Milano sogar typische Merkmale seines Vorbildes: Demetrio Stratos. Dessen Gesangsstärke erreicht Claudio Milano nicht, was er auch nicht will, sondern seinen eigenen Stil zelebriert, aber er lässt den starken Einfluss hören. Die Band hat indes nichts mit Area zu tun, der fein ziselierte Avantrock mit wolkigen Ausbrüchen und explosionsartigen Krachattitüden ist hier wild und brachial, dort sanft und lyrisch, dann wieder streng wie in der Neuen Musik oder improvisativ wie im Psychedelic Rock oder im Modern Jazz, alles mischt sich auf ungewöhnliche und eigenwillige Weise, nichts ist indes Jazzrock wie bei Area. Die Entwicklung der Songs in Erfahrung zu bringen, dürfte sehr interessant sein. Waren die Stücke von vornherein so erdacht oder haben die ihnen zu Grunde liegenden Ideen sich eigendynamisch entwickelt und die ursprüngliche Idee komplett verändert?
Nichelodeon spielen keine leicht zugängliche Musik. Selbst Avantrocker werden ihre Mühe haben, dem bisweilen sehr atonalen Geschehen wohlgesinnt zu folgen. Wer sich die Mühe macht und die CD mehrfach hört und die Songs peu a peu in Erfahrung bringt, sie erlernt, beginnt, die Klänge zu verstehen - und im besten Fall zu mögen, wird erleuchtet. Da die Band sich nicht auf einen Stil oder eine Richtung festlegen lässt und mischt, was so noch nie gemischt worden ist und wohl weder in der Neuen Musik noch im Avant Jazz, weder im Progressive noch Avantgarde Rock ein Heer von süchtigen Nachfolgern finden wird, weil ihre Eigenart einfach zu schwer und sperrig ist, dürfte der Erfolgsrahmen eher klein bleiben. Und doch sei allen an außergewöhnlicher Musik interessierten Süchtigen gerade dieses alle Kanäle sprengende Album ans geneigte Ohr gelegt. In aller düsteren Abgrundtiefe scheint die Band von Humor und seinen abstoßenden Verstecken geradezu besessen zu sein.
Fabelhaftes Werk, das klassisch gebildeten Hörern die dicksten Zehnägel aufrollen wird!

Damit nicht genug, legen Nichelodeon zugleich eine DVD auf, ebenfalls auf dem Lizard Label. Die DVD hat zwei Kapitel: "Il Gioco Del Silenzio" - Nichelodeon im Konzert (ca. 47 Minuten), sowie "Passaggio Nella Loggia Nera" - Twin Peaks live Soundtrack (knapp 36 Minuten).
Der erste Teil "Il Gioco Del Silenzio" , in deren erstaunlich nüchterne Konzertpräsentation der Band diverse abstrakte und wilde Bildermixe gemischt worden sind, zeichnet nach, wie die Band ihre Songs live spielt, quasi studiogleich, gewiss in Sound und dynamischem Bandgeschehen marginal verändert. Da macht sich bewusst, wie stark der Input der einzelnen Musiker ist, wie konzentriert ein jeder Beteiligte arbeitet, wie die Songs sich entwickeln, wie aus Liedhaftigkeit Sturm und Chaos werden kann, woraus nach abstrakter Lyrik fast chanson-artige Harmonie erwächst, bis Gesang und Instrumente wieder dieses faszinierend lebhafte und ungewöhnliche Chaos werden lassen, worin die Melodieführungen neben allen Spuren liegen und Ohren anstrengen.
"Passaggio Nella Loggia Nera" ist noch einen Tick verrückter und abstrakter. Die konzertierende Band teilt sich das Bild mit Ausschnitten aus "Twin Peaks" - dem Film von David Lynch, manchmal geht der Film im Hintergrund weiter, während die Band im Vordergrund musiziert, manchmal ist es genau anders herum, zumeist aber wechseln Film und Konzert sich bildtechnisch ab, zu hören ist indes nur die Band. So schräg und avantgardistisch der Film, so auch die Musik. Die Band agiert weitaus instrumentaler als auf der CD und im anderen DVD-Part, der Sound hat starke psychedelische Momente, die alle anderen hier genannten Stilmomente aufgreifen und in steten Fluss setzen.

Beide Produktionen werden unabhängig voneinander angeboten. Gewiss ist zuerst die CD zu empfehlen, 79 Minuten neue außergewöhnliche Musik im erstklassigen Studiosound sind einfach nicht zu toppen. Doch die DVD bringt den Ansatz der Band näher, vermittelt, wie der Sound entsteht, wie er gemacht wird und dass er trotz aller Extravaganz nichts anderes ist als pure Musik, Leidenschaft, Sound, Energie, Kreativität.
Zwei schwere, großartige Kunstwerke!

myspace.com/nichelodeonband
youtube.com/nichelodeonband
claudiomilano.it
lizardrecords.net63.net
VM



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