Various Artists "Músicas Geométricas" (Luna Negra 2003)

"Músicas Geométricas" ist ein ganz besonderer Sampler. 8 verschiedene Komponisten präsentieren weniger auf U- als vielmehr auf E-Musik orientierte Stücke. Dabei kommen so unterschiedliche Stile wie Electro-Avantgarde, Ambient und Klassik zum Zuge, die selten in dieser Form vereint werden. Die Komponisten und Musiker stammen allesamt aus Queretaro in Zentral-Mexiko. Keines der 8 Stücke gleicht dem anderen, hier tut sich eine neue Welt auf, die stets völlig andere Facetten offenbart.
Roy Jaru Rosales Mendoza macht den Anfang. "Wala-Tu" ist eine Perkussions-Bass-Performance, bei der Marimba, Schlagzeug, weitere Perkussions-Instrumente sowie akustischer Bass gespielt werden. Die eigenwillige Komposition ist gewöhnungsbedürftig, doch während die Perkussion lebendige Töne wiedergeben, malt der Bass düstere Striche im Hintergrund, die ein wenig melodische Fülle in das recht trockene Konzept geben. Das folgende "Apeiron" von Guillermo Iván López Domínguez ist ähnlich aufgebaut, das Perkussions-Solo hat jedoch einen anderen Ausdruck, verspielter, malerischer klingt das Stück. Song Nr. 3 "Cuarteto No. 1" ist ein klassisch instrumentiertes Werk von Manuel Arvizu Rico. 2 Violinen, Viola und Cello entwerfen ein leidenschaftliches Motiv, das in aller melodischen Lebendigkeit still und melancholisch klingt. Eine fabelhafte Musik, leider nach knappen 6 Minuten bereits wieder vorbei.
Esteban Marcelo Uribe Hernández im Anschluss präsentiert mit "La Primavera" einen Mix aus Perkussion, Stimmen und elektroakustischen Instrumenten. Die "schräge" Darbietung hat Komik und viel Leidenschaft. Während die Perkussion seltsam leblos vor sich hin agiert, rasseln, schnarren und kratzen die "melodischen" Töne aktiv und selbstverloren dahin. Kuriose Sache, die Eindruck macht. "Isomorfismo" von Edgar Guzmán Arredondo ist ein Klarinetten-Solo ganz im Geiste des Samplers. Die Bass-Klarinette schnarrt wie ein alter Vogel, der dem Wind sein Leid klagt, weil er nicht mehr fliegen kann. Ein melancholisches Stück, das trotz seiner melodischen Dürre mit Free Jazz-ähnlichen Lautmalereien Aufsehen erregt. Auch das folgende "Conseceuencia Bruja" von Abraham Duarte Lomelí, obwohl ganz anderer Struktur, hat diesen melancholischen Ausdruck mit heftigen, lauten Einwürfen. Abraham Duarte bedient den Plattenspieler, das aber längst nicht wie ein DJ, sondern alles, was auf der Platte ist, verzerrend, verzögernd. So fließen leise, aber harsche, eigenwillige Noise-Geräusche aus den Boxen, die elektronisch erscheinen. Ein Hörspiel der Phantasie, dem zu lauschen ein gewöhnungsbedürftiges Abenteuer ist.
Juan José Bárcenas Cardona präsentiert "Abduction", ein mit richtigen Instrumenten eingespieltes Avantgarde-Stück. Alt-Flöte und Cinta experimentieren an Klängen, ohne konkret melodisches Geschehen zu entwerfen. Wie das abschließende "Duo II" von Ignacio Baca Lobera, das Oboe und Perkussion Raum gibt, ist dies ein anstrengendes Experiment, das nicht ansatzweise an Hörgewohnheiten anschließt, sondern freitonale bis atonale melodische Abläufe anbietet, für die man offene Ohren braucht.
Músicas Geométricas ist somit kein leichtes Werk. Teilweise ist das Hören quälend bis unerträglich, nicht weil die Musik so schrecklich, sondern so ungewöhnlich, extravagant ist und nicht laut und voll klingt, sondern fast stets leise, kühl und sehr ernst. Als Veröffentlichung ein Experiment, das schwerlich breite Hörkreise finden wird.

VM



Zurück