robert m "robert m" (Accretions 2005)

Ein äußerst spannendes Werk legt der in San Diego beheimatete Elektroniker Robert Montoya vor. Die solistisch eingespielten 8 Stücke sind in der überwiegenden Zahl episch angelegt und damit sehr lang, so dass die CD auf eine Spielzeit von über 72 Minuten kommt.
Seine Discographie kann sich sehen lassen, er ist Gründungsmitglied des losen Trummerflora-Collectives, aus dem heraus inspirierte und begabte Musiker immer wieder für Überraschungen sorgen. "robert m" ist sein Solodebüt, das viele spannende Facetten hat. Da sind phonographisch aufgezeichnete Sounds zu hören, Stimmenfetzen, bohrende, fließende Electronics, die fast schon psychedelische Qualitäten haben, wenn sie auf nebulösem, stetem Rhythmus wie der Soundtrack zum Tanzen klingen. Von einer Düsternis und Schwere, dass dieser Sound auch einem Dokumentarfilm über die Schwerindustrie dienen könnte. "Sinestre" mit seinen 10 quälenden Minuten ist so ein Stück, von lähmender Spannung und sich voran wälzender Maschinenschwere, ein Nerven zerfetzender, genialer Mix aus IDM, Dark Ambient und Tribal-Industrial.
"Nebulosa 9" beginnt fast symphonisch. Da sind tonale Fetzen zu hören, die von "Revolution Nr. 9" von den Beatles ("White Album") stammen. Wieder diese dramatische Düsternis und Wucht. Unglaublich, wie diese Stimmungen so überzeugend und hinreißend entworfen worden sind! Wie macht robert m das nur? "Nebulosa 9" ist ein guter Titel für diesen Song, das ummalt dieses ungewisse Moment entsprechend. "Goodbye…" im Anschluss ist ein nervöses Stück, dessen Töne wie unkontrolliert entfliehen, um bald von einem episch-lyrischen Motiv eingefangen und weich ummantelt zu werden. Das fließt in "Tio Mate" ein, einem träumerischen Stück, dessen gesampelte Stimmen über einer im Off verhallt wie von Jimi Hendrix radikal verzerrt gespielten Gitarre klingt. Die Songs sind ungemein facettenreich, wenn auch ihre epische Struktur harmonische, melodische Wechsel nur fließend zulässt.
Der Höhepunkt der CD findet sich im 14-minütigen "…so, you come here often? (1:40 AM)". Wenn sich auch im Laufe der Minuten ein etwas lauter Rhythmus einmischt, macht doch gerade dieses Stück klar, wie vielfältig die Einflüsse von robert m sind. Dazu gehört ganz sicher Rockmusik der 1960/1970er Jahre. Hier zeigen sich auch die abstrakten Vorstellungen von robert m. Spacig verhallte Töne wie Weltraumglitzern, dazu Motorengeblubber, als kochte das Öl in einem riesigen Schiffsmotor, der schwerfällig und seltsam durch die Sternenwelt knattert. Das hat ungemein Lyrik und einen musikalischen Tiefgang, der erfahren werden will. Robert m ist ein ausgezeichneter Komponist und Arrangeur, der die wunderbare Gabe der Phantasie mit Herzenslust ausnutzt, und eine Electro Avantgarde schafft, für die heute viele wohl noch nicht reif sind. Meilenstein, Pflichtprogramm, unbedingte Empfehlung!

accretions.com
VM



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