Masaoka/Jeanrenaud "For Birds, Planes & Cello" (Solitary B 2005)

Ich glaube nicht, dass sich heute noch die Frage stellt, was Musik ist und was nicht. Das letzte Jahrhundert hat gezeigt, dass quasi alles, von der vollkommenen Stille bis zum stehenden Lärm Musik sein kann, ganz natürlich aus sich heraus, als Industriegeräusch, bewusst oder unbewusst gemacht oder auch als "Unfall" irgendwo dazwischen entstanden. Ebenso kann jeder kleinste Ton und jede Kakophonie einer Komposition oder eines natürlichen Geräusches völlig unmusikalisch sein, wenn das Umfeld, der Umstand, die Interpretation oder die Erklärung dazu falsch sind. Der Auslegungen sind gewiss unendliche.
Was Musik ist oder nicht, liegt im Empfinden des Einzelnen. Grunz Metal und Techno sind für mich keine Musik, 98% aller Popmusik und allen Dancefloors, der 4/4 im Speziellen, gewiss etliche Folklorearten, die ich nicht ertragen kann, asiatische vor allem; dafür ist der Windhauch der abendlichen Ostsee, das, was Klassiker wie Lutoslawski, Ligeti, Schnittke oder Messiaen komponieren, eigenwilliger Progressive Rock, Jazzrock, Jazz und Avantgarde Rock von der leisesten bis zur kreischendsten Variante vollkommene Musik für mich. Ein Jeder hat seine eigene Variation dazu. Es stellt sich nicht die Frage, ob etwas Musik ist, sondern ob man es für sich als solches empfindet und akzeptiert. Oder?!?
Das denkt sicher auch Miya Masaoka, die Komponistin, oder sollte ich besser sagen, Arrangeurin, dieses ungewöhnlichen Werkes.
"For Birds, Planes & Cello" hat zwei Hauptkomponenten. Der illustre Phonograph Marcos Fernandes, einer der Musiker heutiger Zeit, der Musik riecht und sieht, wo andere nichts ahnen, inspirierte die japanische Komponistin Miya Masaoka zu diesem Werk. Er schleppte sie eines Morgens zu einem Canyon in der Nähe von San Diego. Von 5.30 Uhr an kann man dort, mit dem Sonnenaufgang, 150 verschiedene Arten Vögel erwachen und ihre Laute singen hören. Das hat eine enorme Qualität, allein, was Vielfalt und Lautstärke betrifft und erlebt im Laufe der folgenden Stunde eine erhebliche Dynamisierung. Da die verschiedenen Vogelarten nacheinander erwachen und den Tag begrüßen, findet das Vogelsingen über eine Stunde verschiedene Aspekte und nie einen Moment Ruhe. Das ist aber nur der eine Part. Zudem liegt dieser Canyon im Einflugsgebiet zu einem Flughafen von San Diego mit erheblichem Flugverkehr. So sind im Off anschwellend und abschwellend stets, und ebenso unterschiedlich wie das Singen der Vögel, die Motoren und Luftgeräusche diverser abfliegender und landender Flugzeuge zu hören.
Die CD ist 54 Minuten lang. Ab halb 6 Uhr morgens aufgenommen, ist der CD zu entnehmen, dass das Vogelsingen im Laufe dieser knappen Stunde abnimmt und sich in die Geräusche des Tages mischt. Zudem nimmt der Lärm, die Schwellwand der Flugzeuge, stets zu, wird lauter und kräftiger.
Das ist die eine Komponente der CD "For Birds, Planes & Cello". Die andere ist der Klang des Cellos. Joan Jeanrenaud, studierte Cellistin, die mit etlichen Ensembles im klassischen, modernen und popmusikalischen Bereich gearbeitet hat, zum Beispiel im Kronos Quartet; Musik von John Cage, John Zorn, Astor Piazzolla oder Witold Lutoslawski und etlichen anderen Komponisten gespielt hat und die Herausforderung in der Schwierigkeit der Musik sucht, bringt das mal zarte, leise, dann bedrohlich laute und intensive Cellospiel ein. Jeanrenaud versteht alle Facetten ihres Instrumentes und kann den kleinsten Klang, zu dem das Instrument fähig ist, bewusst spielen. Und so baut sie um die natürlichen und Flugzeuggeräusche ein harmonisierendes, unterschwellig grollendes, bisweilen düsteres und abgründiges Cellospiel. Das nicht allein, hier und dort flicht sie helle Töne ein, metallene Seufzer, heisere, lang gezogene Klagelaute oder einzelne Kratzer, die selbst mal Flugzeug, mal Vogel sein können.
Hört nur 6 Minuten vor Schluss die Hunde. Sind das Hunde? Und das Anschwellen und Aufbegehren der Klänge, der Anstieg der Lautstärke gegen 48 Minuten hin, sind das Flugzeuge?
"For Birds, Planes & Cello" fällt wohl in die Ambient Kategorie. Phonographer Fans sollten die Ohren offen halten, aber auch allgemein an extrem ausgefallenem Klang Interessierte. Cello, Canyon und der ferne Flugplatz treiben ein irres und irritierendes, oftmals die Ohren und Sinne täuschendes Spiel mit dem Zuhörer. Das ist längst nicht langatmig. Es sei denn, man empfindet es nicht als Musik.
solitaryb.com
miyamasaoka.com

VM



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