Jasun Martz "The Pillory/The Battle" (Under The Asphalt 2005)

Bei Jasun Martz geht es stets gewaltig zu. Das war schon bei seinem 1978er Werk "The Pillory" so, das er mit dem so genannten The Neoteric Orchestra eingespielt hatte und ist dem neuen, wieder "The Pillory" getauften Album ebenso. 115 Musiker waren an der Einspielung der 7 Songs auf 2 CDs involviert. The Intercontinental Philharmonic Orchestra und The Royal Intercontinental Choir sind aufgeführt, allein zwei ganze Seiten des Digipacks braucht es, alle Musiker aufzuführen. Beide CDs sind jeweils 74 Minuten lang und das Motto lautete: 200 Millionen Jahre in die Zukunft. Wenn da nichts Großes bei herauskommt!
Das 1978er Album war "nur" 44 Minuten lang, die Plattenfirma bewarb die Produktion damals mit "Dear Ears", das war damals schon nötig. Heute müsste die Aufforderung an Ohren, Nerven und Durchhaltevermögen gehen, 148 Minuten Musik sind kein Pappenstiel.
Stilistisch hat sich seit 1978 einiges getan. Konnte man das dröhnende, hektische Werk noch als Avantgarde Rock anbieten, sind die Formen auf dem neuen Werk eklektisch.
Zur Erleichterung hat Jasun Martz jedem Stück gleich die stilistische Ausrichtung mitgegeben, die hier kurz aufgeführt seien: 1. Soundscapes/Choir/Mellotron. 2. Contemporary Classical/Orchestral. 3. Tribal/Progressive. 4. Anarchy/Freeform/Percussion. 5. Mellotron/Celestial Pipe Organ und 6. Ambient. Auf CD 2 gibt es nur einen (!) Track, der sich genüsslich über 74 Minuten ausbreitet: Industrial/Noise/Ambient.
Es gibt auch ein Thema hinter der Musik, das im beiliegenden Presseblatt ausführlich erwähnt wird. Über Jasun Martz steht geschrieben, er habe mit Frank Zappa, The Far East Family Band, Starship (wo er an den Arrangements des Verbrechens "We Built This City On Rock 'n' Roll" beteiligt war) und Michael Jackson gearbeitet. Gewidmet ist "The Pillory/The Battle" drei Personen: Charles Darwin, Allan Kurtzman und Frank Zappa.
Den dritten Teil der "The Pillory" Trilogie will er im gleichen Abstand wie zwischen Teil 1 und 2 realisieren: in 25 Jahren.
Zudem ist Jasun Martz studierter Maler, der weltweit Ausstellungen hat und auch in diesem Metier für Avantgarde mit Bildern und Skulpturen steht.
Jasun Martz hat nicht nur allein die gigantische Arbeit des Komponierens und wohl bis auf die Knochen strapazierenden Schreibens der endlosen Partituren getan, er steht auch für erheblich viele Instrumente, deren einige hier aufgelistet seien: Keyboards, Electronics, Synthesizers, Noise Generators, Percussion, Sheet Metal, Drums, Electric Guitars, Bass, Woodwinds, Horns und Vocals sowie komplett alles allein im 3. Part, der mit Tribal/Prog Rock bezeichnet ist.
Im Prinzip sind die stilistischen Titel, die Jasun Martz getroffen hat, auch aussagekräftig. Der erste Track beginnt leise und braucht eine Weile, sein harmonisch ausgefallenes Motiv zu entfalten. Das ist jedoch sehr eindrücklich gelungen und wird vor allem die Musikinteressierten begeistern, die klassische Musik, zeitgenössische ernste Musik mögen. Die 22 Minuten sind ein brodelnder Kessel, der mit dem Ausdruck des Mellotrons in die symphonische Progrichtung kippt, melodisch und harmonisch aber auch hier in der zeitgenössischen Musik verbleibt.
Die knapp 20 Minuten des 2. Parts sind aufgeregter als Part 1. Das Orchester entwirft ein leises Motiv, das emotional tief aufbricht und sich stark erregt, abebbt und sich wieder aufwirft. Mal ist das große Orchester dabei, die Partituren zu spielen, dann Jasun Martz mit Keyboards und Percussion. Der 11-minütige 3. Part macht seinem Namen alle Ehre. Tribal/Prog Rock finden hier in sehr avantgardistischer Spielweise, mit heftigem Schlagzeugspiel und ausgeflippter Melodiesprache zu kerniger Ausdruckskraft. Starkes Stück, das nach im Off beginnenden Start plötzlich und mit virtuosem Rhythmus nach vorn prescht und dauerhaft wie ein nicht enden wollendes Erdbeben arbeitet und in gewaltigem Krach aufgeht.
Eben dieser Krach wird im folgenden, 6-minütigen "Anarchy/Freeform/Percussion" fortgeführt und dort avantgardistisch auf die phänomenale Spitze getrieben. Die Minuten braucht das Stück auch, um die Free Form wieder abzubauen und erneute Harmonie zu schaffen, die in den beiden ambienten folgenden Stücken lyrisch ausgebaut wird, nachdem Part 5 erst ein klanglich beeindruckendes Orgelsolo bietet. CD1 ist grandios. Manches Mal bleibt die Frage, wozu die vielen Musiker notwendig waren, wenn das elektrische und elektronische Equipment viele Facetten des bisherigen Werkes auch allein vermocht hätte auszudrücken. Aber der klare Klang der vielen involvierten klassischen Instrumente ist nicht mit Synthesizern und Mellotron zu finden, und sicher ist der Anspruch Jasun Martz', die Klangfülle so erheblich zu machen, nicht anders zu erfüllen.
Das eine Stück auf CD2 unterscheidet sich erheblich von den ersten 6 Battle-Parts. Industrial/Noise/Ambient entwickelt sich unterschwellig, brodelt im Untergrund, gefährlich wie ein Boden, von dem man nicht weiß, ob er das eigene Gewicht hält. Doch Ausdruck und Klang des Werkes finden meines Erachtens längst nicht die Qualität der ersten CD. Plötzlich sind unangenehme Sounds zu hören. Es quietscht und kreischt, als träfen große sich reibende Flächen aufeinander, die hässliche und unangenehme Geräusche verursachen.
So interessant und spannend CD1 sich entwickelte, so wenig kann ich das von CD2 behaupten. Mit einer Ausnahme, 6 Minuten vor dem Ende des nicht nur zeitlich gewaltigen Werkes bricht die latente Gewalt der Komposition auf und entwickelt sich in melodischer, avantgardistischer Musiksprache frei und vital, um zum Ende zurück in die verwirrte und verwirrende Abwesenheit zu fallen, die in den vorherigen Minuten so bedrückend herrschte.
Das Werk von 1978, damals mit bekannten Musikern der Rockszene wie Ruth Underwood, Eddie Jobson und Paul Whitehead im Zeitalter der Rockmusik eingespielt, konnte die Rockgemeinde interessieren. Das 2005er Werk kann das mit Abstrichen auf CD1 auch, leidenschaftlich und ausdrucksstark. Insgesamt aber wird die Produktion wohl eher an neuer Avantgarde Interessierte ansprechen und die neugierigen Musikfreaks dieses Planeten, die auf der steten Suche nach ungewöhnlichen Klängen sind.

JasunMartz.com
UnderTheAsphalt.com

VM



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