|
LAMBCHOP, Live am 19.10.2006 in der Lukaskirche Dresden
|
Mit Basecap, Rucksack und Zahnbürste
Kurz vor dem für 20 Uhr anvisierten Konzertbeginn: Ganz gemächlich schlendert ein Mann an der Bühne vorbei - mit Basecap, großer, markanter Brille, Rucksack und einer Zahnbürste (!) in der Hand. Auch wenn man ihn auf der Straße vielleicht nicht wahrnehmen würde, im Kontext dieses Abends wissen alle Anwesenden: Es ist der Meister. Kurt Wagner ist nach wie vor Lambchop ist nach wie vor Kurt Wagner. Das bleibt auch so, wenn - wie in der Dresdner Lukaskirche - auf der Bühne 11 weitere exzellente Musiker sitzen und stehen. Fast ein kleines Orchester, das da für den meist sanften, manchmal auch knarzigen Sprechgesang Kurt Wagners den musikalischen Teppich ausbreitet.
Lambchop sind auf Tour unter dem Motto "DAMAGED. An evening with Lambchop, The Dafo String Quartet & Hands Off Cuba." Und machen einmal mehr auch an der Elbe Station. Es scheint ihnen hier ausgenommen gut zu gefallen, zumindest wenn man den an diesem Abend mehrfach wiederholten Lobesworten Wagners und des Pianomannes, Tony Crow, Glauben schenken darf ("We really appreciate that you all came to see us").
DER Hingucker des Abends sind fünf unterschiedlich große Riesenballons über den Köpfen der Musiker, die an einen Ausschnitt des Planetensystems erinnern. Sie fungieren als Projektionsfläche für die visuelle Umsetzung der Lambchop-Stücke, so dass der Blick der sitzenden Besucher immer wieder nach oben geht, dahin, wo sich Echt-Filmschnipsel mit abstrakten Elementen abwechseln.
Die Ballons sind eine Bereicherung, keine Frage. Eigentlich geht es aber selbstverständlich um die Musik dieser einmaligen Band. Einmalig ist keineswegs übertrieben, vereint Lambchop doch so unterschiedliche stilistische Facetten wie Soul, Jazz, Country, Pop. Und neuerdings auch Ambient dank der Mitarbeit des Electronic-Duos Ryan Norris und Scott Martin alias Hands Off Cuba. Die beiden eröffnen gemeinsam mit Gitarrist William Tyler den Abend auf ihre ganz eigene spielerisch-experimentelle Art. Das polnische The Dafo String Quartet leitet anschließend mit zeitgenössisch-klassischen Klängen über zu dem, was Lambchop als solches ausmacht: Die zerbrechliche Stimme jenes Mannes, über den immer wieder gern kolportiert wird, er könnte auch aus einem Telefonbuch singen, und es würde Herz zerreißend sein. Das Ganze eingebettet in den stimmigen Sound aus Gitarren, Schlagzeug, Bass, Streichern und elektronischen Elementen. Um den ehemaligen Holz- und Fußboden-Verleger Kurt Wagner wuchs über die Jahre ein Musikerkollektiv, das inzwischen nicht unwesentlich zum Gesamtkunstwerk Lambchop beiträgt.
Nach dem Abend in der Lukaskirche bleibt das gute Gefühl, dass der Zustand des Beschädigt- oder Defektseins ("Damaged") für Kurt Wagner in der Tat der Vergangenheit angehört. So, wie er inmitten seiner Musikerkollegen sitzt und expressiv Lambchop verkörpert, merkt man, dass da jemand verdammt große Lust hat, noch jede Menge neuer Songs zu stricken und live zu spielen.
|
Zurück
|
|