Kornstad "Dwell Time" (Jazzland Recordings, VÖ: 19.01.2010)

Håkon Kornstad ist Saxophonist und Elektroniker, Jazzmusiker, jung, 2007 hat er seine erste CD veröffentlicht, "Single Engine". Er arbeitete mit vielen Musikern zusammen, ist auf etlichen Aufnahmen zu hören und legt mit "Dwell Time" nun ein ambientes Jazzwerk vor, das ihn in der Nachfolge von Jan Garbarek zeigt.
Aufgenommen in der Sofienberg Kirche in Oslo, die Akustik des Raumes hatte ihn inspiriert und angeregt, sind die 8 Stücke melancholisch versonnene Kompositionen, improvisativ aufgebaut, melodisch weitflächig und zart, nicht üppig und wenig komplex, elektronisch nachgearbeitet, manches Mal liegen mehrere Saxophonspuren übereinander, etwa in "Oslo", das trotz schönem Klima eine eher schlichte Popnote ist, eingängig, nicht besonders lebhaft und wenig ausdrucksstark, aber in der Jazzintonation funktioniert und als potentieller Song vielleicht gar im ambitionierten Radio laufen kann.
Die anderen Aufnahmen haben tieferen, intensiveren, lyrischeren Charakter, sind verwehte Farben, leicht wie Federn, licht wie graue Herbstsonne, innig und einnehmend, verführend. Jazz ist heute kein Stil mehr, eher ein Sammelbegriff für den Sound, der nicht in Pop, Rock, Metal oder Klassik, in Weltmusik oder Folklore untergebracht werden kann und mit allem verwandt ist. "Dwell Time" ist ambiente Musik, die vorwiegend vom Tenor- und Basssaxophon gespielt, von Flöten, der "Flöthonette" und mit live dazu bearbeiteten Electronics bereichert, verfremdet und illuminiert wurde.
Das ganze Album ist angenehm wie Hautcreme, weich wie Unterwäsche, leicht wie ein erfrischender Wind, aber nicht klebrig, nicht kuschelig klammernd und nicht peitschend. Krasse Partien sind kaum zu hören, die Jazzmelodischen Improvisationen haben manche Dynamik, verlieben sich in längere Partien und schmücken die windig-lichte Basis. Die Soli sind das Besondere, die eingängigen Strukturen der Basis hingegen sind nur Basis, das Zuhause, wo die Soli aufbrechen und wo sie wieder verebben.
Und wie bei Jan Garbarek werden sich die Geister scheiden. Während "Dwell Time" schreit es in mir nach Disharmonien und krass abstrakten Jazzläufe, nach Aufbegehren und Gefühlswut, aber da ist nichts. Die Sofienberg Kirche hat Kornstad besänftigt, nach innen blicken lassen. Und verträumt magische Motive aus ihm streben lassen.
Schönes Album. Aber gleich danach passt Panzerballett sehr gut. Oder Dana Reason. John Coltrane. Viel eher aber die wüste Bluesgospelradikalität Albert Aylers.
Dann ist es wieder gut.

kornstad.com
jazzlandrec.com
VM





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