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King Crimson "Ladies Of The Road" (Discipline Global Mobile 2002)
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King Crimson sind immer wieder einmal in aller Munde. Jeder scheint sie zu kennen. Dabei ist diese Band, oder besser gesagt, dieses stets kreative und doch lose Bündel Musiker um den Kern Robert Fripp, in ihren einzelnen Inkarnationen sehr unterschiedlich aktiv gewesen. Nicht nur die Auswahl der Instrumente wechselte in den frühen Siebzigern Jahr für Jahr mit den Musikern, auch die stilistische Variante bewegte sich weiter und weiter. Wer dachte 1972 noch an Greg Lake und das erste Album - oder anders herum betrachtet, wer konnte sich 1969 vorstellen, dass ein Album wie "Larks´ Tongue in Aspic" möglich war. Für die einen sind sie Progressive Rock, für die anderen Avantgarde. Doch egal, wie man das nun gern sehen möchte, die Studio-Alben sind, das war nie besser als heute zu betrachten, nur Schablonen für die vielen Konzerte und Touren, auf denen stets die Variation vorherrschte. Robert Fripp veröffentlicht heute aus seinem reichen Fundus an Live-Material aller King Crimson - Besetzungen diverse CDs, die teilweise über den offenen Markt, teilweise nur im bandeigenen Club namens Digital Global Mobile Collector´s Club verkauft werden. "Ladies Of The Road" ist ein weiteres Issue der Club Serie, der sich jedoch nicht mit laufender Nummer den bisherigen Veröffentlichungen anschließt und womöglich im freien Handel zu kaufen sein wird. Die 2CD beinhaltet Konzertmitschnitte aus den Jahren 1971-72 in der Besetzung Robert Fripp (g, mel), Mel Collins (saxes, fl, mel), Boz Burrell (b, voc), Ian Wallace (dr) und auf CD1 Peter Sinfield (FOH sound, VCS3). Die neun Stücke der 1. CD sind gut aufgearbeitet, der Sound ist klar und kräftig, leicht dumpf und fett zwar, aber für die Aufnahmesituationen der damaligen Zeit in einem guten Zustand. "Pictures Of A City" ist ein perfekter Opener, die Virtuosität der Band wird sofort offenbar. Gleichzeitig verraten die Musiker ihr Interesse an hartem Rock, freiem Spiel und improvisativem Jazz. Natürlich hat Robert Fripp weiten Raum, solistisch, improvisativ wie im Song-Arrangement. Doch vor allem Mel Collins ist der Star der CDs. Was der Derwisch am Saxophon spielt, ist nicht nur sehr virtuos und spieltechnisch allerfeinstens. Mel Collins improvisiert sehr viel und teilweise ungewöhnlich lange, entwirft Jazzlinien, die eines John Coltrane würdig sind. Denkt man sich die backing band weg, erreicht er in den wildesten Momenten Free Jazz Intensität mit allen Konsequenzen: völliger Verlust der Melodie, kreatives Chaos, atonale und doch tonale Übersteigerung des Spiels in logischer Folge: ein Meister! Die Band bewegt sich natürlich im harten Rock, zieht sich für balladeskes Spiel in "The Letters" zurück, nur um so heftiger erneut auszubrechen. Die lyrische Dimension von "In The Wake Of Poseidon", die weitgehende Jazzorientierung von "Lizard" und das melancholische Format von "Islands" werden voll ausgeschöpft und stark erweitert. Immer wieder verläßt die Band mit ihren Zugpferden Fripp und Collins die Songstrukturen und widmet sich ausgedehnten Improvisationen, in denen Bass und Schlagzeug schwer anspruchsvolle Figuren fahren und kongenial eingesetzt werden. Als könnte es anders nicht sein! "Groon" und "Get Thy Bearings" sind in schönen Fassungen präsent, erstaunlich kurz sind alle Songs dieser CD, kein Song erreicht die 10 Minuten-Grenze, die Übergänge sind entweder übereinander geblendet oder die Songs ineinander verzahnt gespielt, so fallen einige Geschichten weg und die Songs wirken knapper, heftiger und roher. Natürlich darf der Hit "21st Century Schizoid Man" nicht fehlen, der auf der zweiten CD seine tiefe Natur entblößt. Zum guten Schluß spielt die Band einen kurzen Schnipsel "In The Court Of The Crimson King" als Blues, der abrupt abbricht und die CD beendet. Seltsame, aber beeindruckende Idee. CD2 beschäftigt sich mit nur einem Stück. "Schizoid Men", in 11 Teile untergliedert, ist das zusammengeschnittene Konstrukt solistischer Improvisationen. Verschiedene Aufnahmen, im guten oder schlechteren Klang, reihen sich aneinander, wobei Robert Fripp erstaunlich mutig vorgegangen ist. Weder sind die Übergänge perfekt plaziert, noch in irgendeiner Weise angeglichen worden. Da platzen schwer unterschiedliche Momente aufeinander, der Rhythmus bricht urplötzlich und der Ton variiert. Eine ausgezeichnete Idee. Es braucht niemand auf die Idee zu kommen, dass der Meister zu perfekt mit dem alten Material umgeht. So bleibt die höllische Stimmung gut eingefangen. Im 11. Teil hört die Musik einmal komplett auf, die CD läuft weiter und eine Minute später geht es irgendwo anders weiter, letztlich bricht die Musik mitten im Spiel ab und die CD ist am Ende. Der rotzige Charakter der Aufhahmen erhält ein gut gefasstes Bild. Teil 1 der anwählbaren 11 Tracks beginnt als normaler "21st Century Schizoid Man", um gleich in die Vollen zu gehen und ein wahrhaft höllisch-avantgardistisches Gebräu aus Free Jazz und Prog Rock zu offenbaren. Der Sound ist teils ordentlich gewöhnungsbedürftig, perfekte Atmosphäre! Improvisative Soli an Saxophon und Gitarre füllen die 54 Minuten vollständig. Bass und Schlagzeug sind zwar mörderisch aktiv, haben jedoch keinen solistischen Raum. Viele nachgewachsene Bands, die sich in diesem Klima versucht haben, konnten auch mit besserer Technik nicht dergleichen produzieren, nach wie vor sind King Crimson ein markantes Standbein. Wer sich genüsslich zurücklehnt und diesen Musikern lauscht, begreift schnell, warum. Intensiver und wilder, lyrischer und emotionaler kann Musik dieser Art kaum sein.
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