Kaizers Orchestra, Live am 14.03.2008 im Alten Schlachthof Dresden

Polkarocker als Kraftwerke

Kaizers Orchestra scheinen ein Faible zu haben für Alleinunterhalter. Gestaltete vor Zwei-Jahres-Frist Micke from Sweden das Vorprogramm, so war es dieses Mal Geoff Berner. Und wieder konnte es musikalisch kaum kontrastreicher zugehen: Der jüdische Kanadier bewegt sich im Klezmer-/Singer-/Songwriter-Kontext, spielt Akkordeon und erzählt ziemlich skurrile Geschichten. Das Publikum hatte mehr als ein offenes Ohr für den sympathischen Glatzkopf und ließ sich zu mehr als einem Anstandsapplaus hinreißen.

Kurze Umbaupause und los geht's mit zunächst volkstümlichen Polkaklängen. In diese mischen sich schnell Gitarren, Schlagwerk, Kontrabass und Piano. Kaizers Orchestra spannen nach wie vor einen riesigen musikalischen Bogen, der von Polka über Tango, Ska, Folk und Rock bis - ja - Industrialschnipseln reicht. Sänger Jan Ove ist in seiner Rampensau-Attitüde noch besser geworden als er es ohnehin schon war. Im Nu hat der Sympath säckeweise Steine im Publikumsbrett. Dass er ausschließlich norwegisch singt, stört nicht die Bohne. Es macht große Freude, ihn dabei zu beobachten, wie er seine fünf Bandkollegen dirigiert und immer wieder zu Höchstleistungen anstachelt, etwa wenn die beiden Gitarristen auf Ölfässer klettern sollen. Hier scheinen die Vibes auch außerhalb der in schicken Anthrazit-Anzügen absolvierten Bühnenshow zu stimmen. Apropos Bühnenshow. Die Kaizers haben aufgerüstet: Ihr Name im Bühnenhintergrund zaubert unzählige Lichteffekte hervor; diverse Glühlampen strahlen das Publikum an und machen es zum Teil der Performance; und auch die erwähnten Ölfässer und Autofelgen sind erneut mit von der Partie und setzen bei ihrer Bearbeitung gigantische Energieschwälle frei. Leider werden sie inzwischen etwas weniger traktiert als früher, was möglicherweise an den eingängigeren neuen Stücken liegt. Dennoch - die norwegischen Polkarocker geben Vollgas. Und als am Ende des Zugabenblocks unzählige neue Dellen in den Ölfässern und noch mehr Liter Schweiß geflossen waren, gibt es nur noch zufrieden grinsende Gesichter. Auf und vor der Bühne. Allein die Tatsache, dass nicht einmal 300 Menschen kommen, wenn eine der genialsten Live-Bands überhaupt in der Stadt ist, bleibt ein Rätsel.

kaizers.no

Text: Stefan
Fotos: Cordelia



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