Marc Wagnon

Zuerst ist er mir auf den heftig schrägen AvantgardeRock-Platten von Dr. Nerve aufgefallen. Sein Ausstieg aus der Band und sein solistischer Start waren um so überraschender, als er bei Dr. Nerve die abstrakten, wilden Parts agogisch betonte und plötzlich mit Tunnels, Shadowlines oder in verschiedenen von ihm geleiteten Projekten im schwer komplizierten, aber weit zivilisierteren Jazz/Rock auftauchte. Seine Gerätschaft sind Marimba, Vibraphon, Xylophon und zunehmend Midi Vibes. In kurzer Zeit hat er auf seinem Label Buckyball Records einige sehr interessante Scheiben veröffentlicht. Die fabelhafte Musik mitten im abstrakten, progressiven Jazzrock besteht aus komplizierten Kompositionen, ausdrucksstarken Improvisationen, hinreißenden, verblüffenden Soli und einer illustren Musikerschar (so unter anderem Brand X - Veteranen).
Neugierig war ich von vornherein und Marc beantwortete meine
Fragen per eMail.

ragazzi: "Deine musikalische Arbeit ist ein wichtiger Teil der Jazzrock-Szene dieser Tage. Aber Jazzrock ist nicht modern, die meisten Medien hassen oder ignorieren es, einige wenige Radiostationen nur spielen die Musik. Ist das ein Problem für euch?"
Marc: "Das ist richtig und es ist ein Problem für uns. Aber es nicht nur ein Problem für Jazzrock. Abenteuerlicher Musik zu lauschen ist nicht gerade populär in diesen Tagen. Aber ich würde gegen die Feststellung protestieren, dass meine Musik nicht modern ist. Ich weiß nicht, wo Du die Linie zwischen modern oder unmodern ziehst. Auf der anderen Seite wird klassische Musik viel im Radio gespielt und sie ist sicher nicht neu oder modern, das ist also kein entscheidender Faktor für Ariplay. Zeitgenössische Klassik ist kaum zu hören. Die entscheidende Linie scheint daran festgemacht werden zu können, und ich spreche nicht nur von Popmusik, welches Budget für die Promotion ausgegeben wird und ob die Musik einfach genug ist, auch im Fahrstuhl gehört werden zu können."
ragazzi: "Bitte sage etwas zu Deinem musikalischen Werdegang. Hast Du Musik studiert? Sind Marimba, Vibraphone, Xylophone und Midi Vibes die "einzigen" Instrumente, die Du spielst?"
Marc: "Mein erstes Instrumente war das Piano, aber ich mochte schon immer das Schlagzeug, und so spielte ich in der Marschkapelle in der Schule, wo ich meine Art, die Sticks zu bedienen, entwickelte. Später ging ich ans Schlagzeug über und spielte in Rockbands. Aber ich wollte mehr über die Familie der Percussions-Instrumente erforschen und so ging ich auf eine Kunsthochschule, wo ich eine Menge über Techniken für Pauken und Schlaginstrumenten lernte. Zur selben Zeit lockten mich ethnische Percussions sehr, afrikanische, lateinamerikanische und asiatische. Ich erforschte die Instrumente dieser Kulturen auf Reisen auf eher autodidaktische Weise. Ich ging nach Indonesien, um die Gamelan zu hören, kaufte ein Paar Congas und lernte, darauf zu spielen. Aber erst als ich in die USA zurückkehrte, begann ich, verschiedene ethnische Percussions zu spielen."
ragazzi: "Wie bist Du mit dem Instrument Marimba in Kontakt gekommen? Was hast Du zuerst darüber gedacht? Und in welchen Bands - neben Dr. Nerve und Tunnels - hast Du bisher gespielt?"
Marc: "Wie ich bereits erwähnte, spielte ich auf der Kunsthochschule da erste Mal Mallets. Dort gab es alle Instrumente dieser Familie: Vibraphon, Marimba, Xylophone. Sie haben alle ihre Besonderheiten, aber die Spieltechnik ist im Grunde überall die gleiche. Die Midi Vibes kamen viel später. Was mich dazu verleitete, Mallets zu spielen, ist ihre Kombination aus Piano und Schlagzeug, so waren es gleich zwei Instrumente, die ich spielte, das machte Sinn. Ich erinnere mich an ein Gary Burton Konzert, zu dem ich mit meinem Percussions-Lehrer gegangen war, uns beiden hing die Kinnlade herunter, als wir hörten, was er mit den Instrumenten veranstaltete. Das war ein Zeichen für mich. Es machte mir klar, dass ich, um die beste Ausbildung zu erhalten, in die Schweiz gehen musste. Was Bands angeht: ich habe hier und dort in verschiedenen Genres mitgespielt neben festen Bands. Meine ersten richtigen Bands waren mein eigenes Projekt Shadowlines und auch Brand X. Neben diesen beiden spielte ich in einer Samba Band, in einer Rock/Pop Band und verschiedenen Avantgarde Ensembles. Ich habe in frühen Tagen viel in der Knitting Factory mit allen möglichen Leuten gespielt, wie mit Dave Douglas und Mark Feldman, um einige zu nennen."
ragazzi: "Was inspiriert Dich dazu, Musik zu machen? Was denkst Du über Ruth Underwood, Zappa´s Marimbene? Welche anderen Marimba-Spieler haben es Dir angetan?"
Marc: "Sicher, Ruth hatte einen großen Einfluss. Die Gelegenheit zu haben, ein solches Instrument in einer so fantastischen Band zu spielen, war einer meiner Träume. Andere Jazz/Rock Mallet Spieler, die mich beeinflusst haben, sind Mike Manieri und Roy Ayers. Den größten Einfluss allerdings üben Gary Burton und Bobby Hutcherson auf mich aus, die beide mehr aus dem Jazz kommen."
ragazzi: "Auf Deinen letzten Alben hast Du mehr Midi Vibes gespielt. Magst Du den natürlichen Sound der Marimba weniger als die reichhaltigen Möglichkeiten am Midi Vibe?"
Marc: "Ich würde nie das eine gegen das andere setzen. Für mich sind das zwei völlig unterschiedliche Instrumente. Die Vorstellung, dass ein elektronisches Instrument genauso klingen soll wie ein akustisches, ist absurd. Es gibt die natürlichen Unterschiede im Sound, die entweder von einem akustischen Instrument oder einem Lautsprecher produziert werden. Aber wenn du dich vor ein gutes Sound System setzt, wird das belanglos, ein guter Sample wird (fast) genauso gut klingen, wie ein natürlicher Sound. Wenn ich feststelle, dass Jazzrock eher ein elektrischer Musikstil ist, dann macht es Sinn, Samples zu nutzen. Mit einem Knopfdruck kannst Du zwischen Marimba, Vibes, Percussion, Streichern, Sound Effects und so weiter wechseln. Ich bin sehr an verschiedenen Sounds interessiert, aber ich arbeite nicht viel damit, weil es eine Menge Zeit beansprucht."
ragazzi: "Wie ist der Kontakt zu den Brand X Musikern John Goodsall und Percy Jones zustande gekomen? Was denken die beiden über ihre Jazzrock-Vergangenheit heute? Was denkst Du über ihre Musik?"
Marc: "Interessanterweise wusste ich nichts über Brand X, als ich anfing, mit Percy Jones zu arbeiten. Percy hat einen sehr eigenen musikalischen Charakter, der Fretless Bass ist sein Hauptinstrument, aber er probiert auch viel am Syntheziser aus. Ich traf John erst später anlässlich einer Brand X Reunion Anfang der Neunziger und natürlich bei den Aufnahmen zu "Manifest Destiny" und in anderen Projekten. Beide sind sehr talentierte Musiker, aber sie haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Percy ist eher introvertiert und schlau, John ist extrovertiert und auffällig. Das ist möglicherweise ein Grund für ihre erfolgreiche musikalische Zusammenarbeit. Ihre Beziehung zu ihrer eigenen Jazzrock - Geschichte hat zwei Seiten. Um einen sind sie diejenigen, die den Stil in den Siebzigern aufgebaut haben und wie alle von uns waren sie traurig darüber, dass es in den Achtzigern damit so bergab ging. Doch zum anderen, und vor allem Percy, wollen sie es verändern und obwohl sie immer mit dem Stil in Verbindung gebracht werden, wollen sie so frei sein, auch außerhalb dieser Box kreativ sein zu können."
ragazzi: "Frank Katz ist ein perfekter Musiker, wie sieht sein musikalischer Background aus? Hat er schon in anderen Bands gespielt? Mark Feldman ist ein außergewöhnlicher Violinist, ein wichtiger Teil Deines letzten Albums "Progressivity". Wie sieht sein musikalischer Background aus? Wie bist Du mit beiden zusammengekommen?"
Marc: "Ich kenne Mark seit Mitte der Achtziger aus den frühen Tagen der New York Downtown Szene und ich war schon immer daran interessiert, mit ihm zusammen ein Album einzuspielen. Er ist ein phänomenaler Spieler und hat eine Menge zu "Progressivity" eingebracht. Mark hat einen sehr breiten musikalischen Hintergrund, er hat mit The Flock in der Post-Jerry Goodman-Phase aufgenommen und er hatte schon eine sehr erfolgreiche Karriere in Nashville, bevor er Mitte der Achtziger nach New York ging. Er hat bereits etliche Alben eingespielt, von Klezmer bis zeitgenössische Klassik. Frank traf ich, als ich mit Percy die ersten Tunnels Sessions spielte. Zuerst hörte ich von ihm, als ich am "Drummers Collective" studierte. Er war dort einer der jüngsten Schlagzeug - Wunderkinder. Heute ist er dort Lehrer. Frank ist ein sehr eigenwilliger Schlagzeuger, er kann rocken und er kann Jazz spielen, was ideal für Tunnels ist, weil die Musik genau zwischen diesen beiden Stilen tangiert. Er sucht sich ganz genau aus, mit wem er spielt, aber neben Tunnels, natürlich Brand X und einigen kleineren Sachen macht er nicht viel."
ragazzi: "Gibt es eine Szene hinter Tunnels? Einen aktiven Jazzrock-Fankreis?"
Marc: "Nun, ich denke, es gibt einen aktiven und wachsenden Progressive Rock Fankreis und sicher auch die Jazz Freaks. Tunnels bewegt sich zwischen diesen beiden Stilen, wie keine andere Band, die ich kenne. Das zeigt sich vor allem, wenn wir live spielen. Der Druck und die Energie der Rockmusik als ein Kontrapunkt zur Improvisation und zum solistischen Wechselspiel des Jazz. Das ist eine Schlacht, in der wir langsam die Oberhand gewinnen. Es überzeugt Promoter und zeigt, dass wir für Konzerte in Frage kommen. Das Publikum wird zufrieden gestellt und will am Ende der Show nicht sein Geld zurück haben. Der Versuch, eine Jazz/Rock Fanbase aufzubauen, ist der falsche Weg. Wir machen virtuose und innovative zeitgenössische Musik und es gibt die Leute, die das mögen. Der Rest sind nur Worte."
ragazzi: "Komponierst Du jede Note in den Songs? Auch das Violinen-Solo in "Frank´s Beard", eines der schönsten Violinensoli, die ich je gehört habe?"
Marc: ""Frank´s Beard" ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was ich mit Tunnels und den beiden Stilen gemeint habe. Es hat Elemente beider Stile und eine reiche rhythmische Struktur, die in diesem Fall von Frank geschaffen wurde. Es startet auf einem 12/8 Rhythmus und wechselt in einen 19/16 und hat eine Koda, die polyrhythmisch 5 gegen 4 Takte stellt. Ich brachte die harmonische Struktur ein und schrieb die Melodie. Der Rest ist Improvisation, vor allem das Violinen-Solo. Das ganze Stück wurde als Improvisation entwickelt und wurde ein fertiger Song. Das ist eine unserer bevorzugten Arten, Musik zu machen. Vor allem in unseren Live-Auftritten beziehen wir viele Improvisationen ein."
ragazzi: "Du bist ein sehr technischer Musiker. Und sicher magst Du eher komplexe als leichte und oberflächliche Musik. Nicht die leichte Art. Was hat sich zwischen Deinem Beginn als Musiker und heute verändert? In Deiner Musik und in Dir?"
Marc: "Eine gute, aber schwere Frage. Ich versuch´s mal. Es ist wahr, ich mag komplizierte Melodien und Harmonien, es ist Teil dessen, was in meinem Kopf herumgeht, wenn ich komponiere. Aber ich verstehe und bewundere Einfachheit und das ist eine Herausforderung! Ich habe einige Stücke geschrieben, die in ihrem Konzept eher einfach sind. Ich denke da an "Quai des Brumes", "Something must last" oder "Prisoner of the Knitting Factory Hallways" als Beispiele. Ich denke, die Art, wie ich komponiere, ist meine Art zu zeigen, wie ich meine Gefühle gegenüber der Welt um mich herum ausdrücke. Ich bin überzeugt, dass Musik eine Sprache ist, die ihre eigenen Beschreibungen hat. Ich bin kein großer Fan von Worten, sie sind bedeutungsschwanger und können falsch interpretiert werden. Wir hören die Musik, die wir persönlich gern mögen, weil sie uns gefällt. Aber Du kannst ihr gegenüber keine ambivalenten Gefühle hegen, wenn doch, dann bist du dir selbst gegenüber nicht ehrlich oder die Musik taugt nichts. Ich sage dies, weil ich versuche, den Sinn meiner kreativen Arbeit herauszukristallisieren, der mich über die Jahre bringt. Ich habe ständig ideale Musik in meinem Kopf, manchmal komme ich ihr näher, manchmal auch nicht, aber das heißt nicht, dass einige meiner Songs besser sind als andere. Man muss den Punkt finden, an dem man sich vergewissern kann, dass man sich nicht verzettelt, dass man überblickt, was man schreibt und warum."
ragazzi: "Ende der Siebziger wurde aus Jazzrock Disko und FunkPop. Heute gibt es wieder einige gute Jazzrock-Produktionen. Weißt Du, woher diese Rückbesinnung kommt? Besteht die Gefahr, dass es wieder so kommt, wie Ende der Siebzige Jahre (HipHop, Funk, Psychedelic Dancefloor)?"
Marc: "Ich denke, dass Musik ihre Zeit reflektiert - es ist eine Art Übersetzung. Ein anderer Level der Realität. Und es zeigt die Realität aus einem anderen Blickwinkel. Wenn Du die "verlorenen" achtziger Jahre erwähnst, mußt Du bedenken, was das Statement der Zeit war: "Gier ist gut!". Nichts ist seichter, denke ich. Fakt ist, dass die Welt immer komplizierter wird, und weil das so ist, verliert die große Kraft, die Künstler macht oder bricht, einiges ihrer Kraft. Das wiederum gibt kreativer und inspirierter Musik Spielraum."
ragazzi: "Für mich ist Deine Musik ein wichtiger Teil des Progressive Rock. Was denkst Du darüber?"
Marc: "Ja, aber es ist auch Progressive Jazz. Ich denke, meine Musik fällt genau in die Mitte, ein Albtraum von einem Markenzeichen!"
ragazzi: "Stehst Du noch in Kontakt zu Nick Didkowsky? Kannst Du Dir vorstellen, wieder mit ihm zu spielen?"
Marc: "Sag niemals nie, aber es zeichnet sich nichts ab."
ragazzi: "Wie sehen Deine Zukunfspläne aus? Gibt es eine Chance, Euch in Europa, vielleicht Deutschland, live zu sehen?"
Marc: "Wir wollen unbedingt in Europa spielen. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht danach gefragt werde. Aber leider haben wir keine guten Verbindungen nach Europa."

VM




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