Karcius Interview im Mai 2006

Improvisation ist die Magie des Momentes

Einen Hinweis auf die kanadische Prog-Fusion-Band Karcius fand ich im letzten Jahr auf einer Jazzrock-Webseite. Da stand, dass die Band aus Montreal ihr Debüt selbst produziert hatte und dass die Qualität außergewöhnlich und einzigartig wäre. Neugierig geworden, schrieb ich die Band an und bekam die Antwort, dass es zurzeit sehr gut laufen würde, Unicorn Digital wollten das Debüt remastert veröffentlichen. Dann war eine ganze Weile Funkstille und eines Tages flatterte mir die brandneue Unicorn-Ausgabe von ‚Sphere' ins Haus. Zur gleichen Zeit hatten Karcius das Follow-Up eingespielt und waren dabei, die Aufnahmen zu bearbeiten. Dennoch fand Gittarist Simon L'Espérance Zeit, ein paar Fragen zu beantworten.



ragazzi: "Wann habt ihr die Band gegründet und wie habt ihr zusammen gefunden? Kannst du den Werdegang der Band kurz zusammenfassen?"
Simon: "Karcius wurde 2002 gegründet, als wir auf der Hochschule Musik studierten. Wir kannten uns nicht gut, aber eines Tages staunte Thomas, warum kein Gitarrist Fusion und Progressive Zeug spielen wollte. Ich stand ihm genau gegenüber und so antwortete ich: ‚Warum beklagst du dich, ich kann spielen, lass uns jammen'. Thomas spielte schon mit Mingan zusammen, so sind wir drei zusammengekommen und jammten, heraus kam das Stück '1111' vom Debütalbum. Und weil eine Band ohne Bassist keine Rockband ist, suchten wir nach einem und fanden Dominique nach einer Weile."
ragazzi: "Was sind eure konkreten musikalischen Einflüsse?"
Simon: "Wir haben so viele Einflüsse, dass sie nicht aufzuzählen sind. Wir sind große Musikfans und scharf darauf, neue Sachen zu entdecken. Lass' es mich so sagen, ich kann mir Cello-Suiten anhören und gleich darauf Pantera, ich lege Bebop auf, nachdem ich Popmusik gehört habe. Wirklich schwer zu sagen, aber wenn du darauf bestehst, kann ich dir ein paar Namen nennen. Thomas liebt Led Zeppelin, Sting, Antonio Sanchez (von der Pat Metheny Group) und Tool. Mingan's erste Wahl sind Chick Corea, Beethoven und ein Teil Keith Emerson. Dom würde Les Claypool, Michael Manring, World Beat Music und Mike Patton aufzählen. Ich selbst nenne John McLaughlin, Jimi Hendrix, Steve Vai, John Scofield und Pat Metheny. Wir lieben es, mit Musik zu reisen, wir lieben es, überrascht zu werden und wir lieben Intensität; Karcius ist das Resultat unserer Liebe zur Musik."
ragazzi: "Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?"
Simon: "Karcius ist genau das, was ich gerade gesagt habe. Ich würde Karcius als instrumentales Rockquartett bezeichnen, das die wilden Seiten von Jazz Fusion, Heavy Metal und World Music heftig gewürzt erforscht."
ragazzi: "Wie komponiert ihr? Kannst du etwas über den kreativen Prozess sagen?"
Simon: "Normalerweise komponieren wir in der Band, jammen über Ideen und entwickeln Riffs und Melodien. Hin und wieder kommt einer von uns mit einer Idee oder einem Teil eines Songs und wir arbeiten es gemeinsam aus. Für das zweite Album habe ich einen kompletten Song namens "Tunnel" geschrieben, wir haben es zusammen arrangiert, die Hauptarbeit war Gemeinschaftssache. Wir haben die Art zu komponieren für das zweite Album verändert, die Musik wird mehr melodisch und atmosphärisch sein. ‚Sphere', das erste Album, ist eher ein Puzzle musikalischer Ideen, die zusammengesetzt wurden. Auf dem zweiten Album wollen wir eine größere Einheit und mehr solide musikalische Aussagen treffen. Improvisation ist immer die Hauptidee, aber wir haben uns weiter entwickelt und arbeiten mehr als zuvor konzeptuell."
ragazzi: "Was wollt ihr mit der Musik rüberbringen?"
Simon: "Wir versuchen, unsere Gefühle auszudrücken und unsere Sicht auf die Welt, unser Verständnis dafür und unsere Ansichten. Wir wollen nicht für uns in Anspruch nehmen, sozial engagiert zu sein und wir wollen niemanden, der nur Musik hören will, damit beeindrucken. Ich denke, wir wollen die Leute einfach aus der Routine reißen und ihnen was geben, sie überraschen, ihnen eine Vorstellung zu geben, über die Musik hinaus.
Wir wollen unserer Liebe zur Musik Ausdruck verleihen, unserer Sensibilität und Intensität in der Musik, dazu nehmen wir alles um uns herum zur Inspiration."
ragazzi: "Stilistisch ist eine Menge zu finden auf dem Album. Was war der am schwierigsten zu spielende Part auf der CD? Was mögt ihr am meisten? Seid ihr zufrieden mit dem Resultat?"
Simon: "Wir sind sehr zufrieden mit ‚Sphere', es ist ein erster Erfolg junger Musiker. Es wurde in großer Eile aufgenommen, mit wenig Zeit für Aufnahme und Mix auf Grund der großen Kosten. Aber wir sind sehr stolz darauf. Das Album gab uns die Gelegenheit, uns kennen zu lernen und ich denke, eine Menge Leute mögen die Musik. Die Songs sind energisch, spontan und frei jeglicher musikalischer Zurückhaltung. Das ist die Hauptsache in Karcius. Es gibt keine Parts oder Riffs, die zu komplex für uns sind. Wir haben uns entschieden, Musik auf einem hohen Level zu spielen, der unsere musikalische Kompetenz herausfordert und anspornt. Aber jetzt können wir diese Songs sehr flüssig spielen. Mittlerweile haben wir viel Spaß daran, die Arrangements zu verändern und die Songs mit mehr Gefühl und Dynamik zu spielen."
ragazzi: "Welche Wichtigkeit hat Improvisation für euch?"
Simon: "Improvisation ist die Magie des Momentes, die Kommunikation zwischen Musikern, sie ist wirklich wichtig für uns, weil wir so unsere Gefühle und spontanen kreativen Ideen ausdrücken können, was auf andere Weise nicht geht. Auf der anderen Seite ist komponierte, geschriebene Musik eine mehr intellektuelle Sache und die Arbeit daran ist viel schwieriger. Dies beides zu kombinieren ist eine gute Sache, Freiheit, Spontaneität und Logik auf musikalische Weise auszudrücken.
Wenn wir Aufnahmen machen, improvisieren wir normalerweise alle unsere Soli, das gibt sofort neuen Raum für unmittelbare Kreativität. Wir stehen voll auf die Energie, die beim live spielen entsteht. Darum versuchen wir stets, diese Situationen mit Improvisation wieder zu finden."
ragazzi: "Wie war die Eigenproduktion der ersten Disk? Wie ist der Kontakt zu Digital Unicorn zustande gekommen?"
Simon: "Wir haben die CD 2003 selbst aufgenommen und produziert. Die beiden letzten Jahre waren sehr gut für uns, wir konnten auf vielen Events spielen und gewannen Publikum. Im letzten Herbst sind wir von Unicorn angesprochen worden, ‚Sphere' zu überarbeiten, das Album zu mastern und es auf dem Label neu rauszubringen. Das ist großartig für uns, wir hatten uns seit langem schon nach einem Deal umgesehen. Unicorn gibt uns die nötige Unterstützung und ein größeres Publikum, es ist ein gutes Geschäft für uns."
ragazzi: "Euer zweites Album kommt demnächst heraus. Habt ihr begonnen, daran zu arbeiten? Wird es wie das erste Album klingen? Was werden die Hauptunterschiede sein? Hattet ihr genügend Zeit für das Studio, um alle Parts genau spielen zu können?"
Simon: "Das nächste Album heißt ‚Kaleidoscope'. Ich habe es selbst aufgenommen und gemixt. Es war viel Arbeit, wir nahmen zwischen Dezember 2005 und März 2006 zu sehr guten Konditionen auf. Wir waren in der Lage, uns alle Zeit zu nehmen, die wir brauchten und erforschten viele Klänge, Instrumente und Effekte. Ich habe das Album in anderthalb Monaten gemixt und bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Wir haben analoge Tapes und viele Spezialeffekte genutzt. Das Album ist erheblich atmosphärischer als ‚Sphere' und hat mehr Kontraste. Es hat mehr Jazz, mehr Psychedelic, ist konkreter, melodischer und hat mehr Heavyness. Der Klang von ‚Kaleidoscope' ist viel besser als der von ‚Sphere', wir hatten einfach mehr Zeit, den Sound zu finden, den wir wollten. Es ist ein großer Schritt für uns und wir sind sehr zufrieden mit dem Resultat. Es wird am 23. Mai veröffentlicht. Du kannst deine Ohren schon mal präparieren…"
ragazzi: "Wie sieht es mit der progressiven Szene in Montreal aus?"
Simon: "Die progressive Szene in Montreal wird besser und besser. Es gibt ein paar sehr gute Bands in diesem Gebiet und ich denke, die Szene wächst noch weiter. Zudem haben wir jetzt auch ein Prog Festival hier, es entwickelt sich also sehr gut. Ein Problem mit progressiver Musik ist, dass sie keine großen Möglichkeiten in den Medien hat und das Hauptproblem ist das Image von Prog. Es gibt zu viele Bands, die wie Genesis und Pink Floyd klingen wollen, doch Musik hat sich seit damals viel weiter entwickelt, auch wenn die Bands gute Musik gemacht haben. Wir sollten uns das Erbe der Bands zu eigen machen und in der Lage sein, nach vorn zu blicken und Musik zu kreieren, die ihre Wurzeln in unserer Zeit hat."
ragazzi: "Vielen Dank, Simon. Möchtest du noch was loswerden?"
Simon: "Vielen Dank an dich. Haltet die Augen offen nach ‚Kaleidoscope'. Es wird euch das Hirn wegblasen!"

VM




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