| ragazzi: |
"Zuerst einmal, wie ist Euer Werdegang als Musiker?" |
| Stefan Berger: |
"Das hat angefangen mit verschiedenen Rockbands und hat sich immer weiter entwickelt Richtung Jazz und klassische Musik und ist mittlerweile bei einem Jazzstudium angelangt." |
| Fabian Hönes: |
"Das verlief bei mir ganz ähnlich. Hab mit Klavier angefangen, dann das Schlagzeug entdeckt, in einigen Rockbands gespielt, irgendwann haben wir gemeinsam Jazz gemacht. Auch ich studiere Jazz." |
| Martin Tanšek: |
"Klavierunterricht in jungen Jahren, den ich viel geschwänzt habe, später habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Ich war in Schülerbands, habe Rockmusik gespielt. Als wir uns kennen gelernt haben, haben wir erst einmal Jazzmusik gespielt. Wir haben uns in einer Jazzband kennen gelernt…" |
| Fabian: |
"…das lief parallel…" |
| Martin: |
"…mit Fabian hatte ich daneben angefangen, Rockmusik zu machen. Das war der Grundstein für das Ikarische Ensemble. Den Stefan haben wir in einer Jazzcombo kennen gelernt und später mit ihm als Jazztrio musiziert. 2004 ist er dann zum Ikarischen Ensemble gestoßen." |
| Fabian: |
"Am Anfang hatten wir noch einen anderen Bassisten." |
| ragazzi: |
"Das hat meine nächste Frage, wie es zum Ikarischen Ensemble gekommen ist, bereits beantwortet. Wie seid ihr auf den Namen Ikarisches Ensemble gekommen?" |
| Martin: |
"Ich glaube, das geht auf meine Kappe. Der Name Ikarisches Ensemble rekurriert natürlich auf dem griechischen Mythos von Ikarus. Es geht um eine ganz bestimmte Form von Grenzerfahrung oder Transzendenz in diesem Bild, die das Scheitern schon mit impliziert, den Absturz. Das lässt sich mit den Texten, mit denen wir musikalisch arbeiten, parallelisieren. Es geht stets um eine Form, eine Sehnsucht nach Transzendenz, eine Form von Über-Sich-Hinaus-Wachsen, was mit dem Scheitern einhergeht. Das ist meist verbunden mit der Erfahrung des irdischen Profanen und Trivialen. Das ist unsere textliche Konstante, Begriffe aus einem liturgischen oder heiligen Erfahrungsbereich mit dem Vulgären zu konfrontieren." |
| ragazzi: |
"Das ist ein guter Link. Ich wollte gerade bei den Texten weiter machen. Die Texte habt ihr nicht selbst geschrieben, sondern übernommen, ist das richtig?" |
| Martin: |
"Nein, das stimmt so nicht. Die Texte sind auch von mir geschrieben. Wir haben aber auch Texte von anderen Autoren bearbeitet. Das sind Stücke, die nicht den Sprung in unser Konzertprogramm geschafft haben. Die nehmen wir zumeist nur für Performances oder Theaterprojekte, also im Rahmen von theatralen Inszenierungen. Das waren Kafka, Arthur Rimbaud, Friederike Roth. Wir arbeiten diesen Sommer gerade wieder an einer Sache, in einer Inszenierung. Ansonsten sind die Texte alle von mir." |
| ragazzi: |
"Eure Texte sind recht angriffslustig, scharf in der Aussage und manche Leute stoßen sie hart vor den Kopf. Ist das gewollt, dass die Texte so hart rüberkommen?" |
| Stefan: |
"Ich will Martin nichts vorwegnehmen, aber es ist keine stumpf provokative Absicht dahinter, das hat schon Gehalt. Das ist ein Gesamtbild, die Musik hat im Grunde zwei Seiten. Das Himmlische und das Irdische, Schmutzige. Und genau das kann man in den Texten auch wieder finden." |
| Fabian: |
"Die Absicht ist, den Zuhörer zu konfrontieren." |
| ragazzi: |
"Das ist ein krasser Gegensatz, das Himmlische, Reine und das Irdische, Grobe, Angriffslustige. Das so auszudrücken, ist Euer Anliegen?" |
| Martin: |
"Ich würde das nicht auf so ein Pumpmännchen bringen wollen. Ich will nicht sagen, dass in den Texten die Welt sich so spiegelt, wie sie ist. Aber in den Texten spiegeln sich meine Reflexionen, meine unterbewussten Denkstrukturen, in denen ich funktioniere. Im Sinne von: da ist das Schmutzige und dort das heilige Mysterium. Teilweise sind die Sachen ernsthaft, teilweise plattitüdenhaft in den Raum gestellt. Das bleiben einfach auch nur Worthülsen. Vielleicht doch noch mal zu der Angriffslust. Es geht bestimmt nicht um vordergründige Effekthascherei, die Texte sind aber doch so formuliert. Sie verletzen auch mich selbst, mich als Autor. Ich suche darin eine Grenzerfahrung oder meine eigene Grenzenfindung." |
| ragazzi: |
"Es ist nicht bloß künstlerisch abstrakter Ausdruck, sondern es geht dir auch selbst nahe, was du schreibst?" |
| Martin: |
"Ja, ich denke, sowohl textlich als auch musikalisch. Es ist unbedingt eine Synthese zwischen rationaler Konstruktion und in erster Linie emotionalem Ausdruck." |
| Fabian: |
"Das ist der Vorgang, der im künstlerischen Ausdruck mündet." |
| Martin: |
"Es ist eine künstlerische Leistung, dass man die Texte auch versteht, es ist eine Empfindung, es bewegt und interessiert mich, auf intellektuellem Niveau zu arbeiten." |
| ragazzi: |
"Eure Musik ist nicht leichtgängig. Das ist nichts, womit in der heutigen Popmusik ein schneller vordergründiger Erfolg gefeiert werden kann. Wie seid ihr drauf gekommen, diese Art Musik zu machen?" |
| Stefan: |
"Bei uns hat sich mit der Zeit eine gewisse Bandbreite entwickelt an Input und an Interesse, etwas rauszugeben. Das hat sich vermengt, und so unterschiedlich wie unsere Hörgewohnheiten sind, so unterschiedlich sind auch die Stücke in sich im Gesamtkontext." |
| ragazzi: |
"Eine Synthese aus Einflüssen, die ihr selber erlebt von außen und eurer eigenen Inspiration, in abstrakten Kompositionen ausgedrückt. Sehe ich das richtig?" |
| Martin: |
"Ich denke, es gibt da diese ganz unmittelbare Schiene, die Stefan geschildert hat. Wir haben sehr differenzierte Hörgewohnheiten, sehr differenzierten Input und das verarbeiten wir auch. Um auf die rationale Verarbeitung dieser Einflüsse zurückzukommen, man kann bei Titeln wie "Nécrologue à l'innocence" einen programmatischen Ansatz vermuten. Da geht es um eine Konfrontation von klassisch-romantischem Repertoire mit Rockmusik. Da wird eigentlich Schindluder getrieben. Chopin dreht sich im Grabe um! Insofern hat das schon so eine Dimension. Da können wir auch wieder auf das Ikarische Ensemble zurückkommen, das ist eine Annäherung einer Sache an die andere, die eigentlich nicht zusammen gehören." |
| ragazzi: |
"Ich habe in der Musik einen gewissen Humor empfunden. Es scheint, dass ihr in den Arrangements unterschwelligen Humor gefördert habt. Die Musik ist angriffslustig, hat aber auch Pepp. Hat das eure Kreativität angetrieben, mehr schräge Musik zu machen?" |
| Martin: |
"Es gibt schon so etwas wie musikalischen Humor, würde ich sagen. Aber das ist nicht der vordergründige schenkelklopfende Humor…" |
| ragazzi: |
"Das meine ich auch nicht, sondern dass ihr euch denkt, die Sachen, die wir hier spielen, die sind so böse, dass ist schon wieder witzig, dass wir das überhaupt so machen. Ist euch das bewusst? Es ist abstrakt und hart, was ihr spielt, ich denke aber nicht, dass es aggressiv wirkt, sondern es hat eine geradezu humoreske Note, eine schwarzhumorige Note, ist euch das bewusst?" |
| Martin: |
"Humor meine ich insofern in unserer Musik wieder zu finden, als dass ständig Erwartungshaltungen geschürt werden, musikalische Erwartungshaltungen insbesondere, die wir produzieren. Also im Sinne von, ich mach zweimal einen Vierer und dann kommt der Fünfer, mal auf einen plumpen Nenner gebracht. Das ist der kognitive Effekt: ich lass dich als Hörer ins Leere laufen. Das ist das Hörprinzip von vielen Teilen, die wir machen." |
| Fabian: |
"Ich denke, da kann man auch von einer Pointe sprechen. Ich glaube, wir arbeiten viel mit Pointen, wir arbeiten lang darauf hin und zwischendrin gibt es immer mal wieder einen Haken, einen Richtungswechsel. Die musikalische Pointe ist wichtig." |
| Martin: |
"Wir haben uns neuerdings auf unsere propagandistischen Fahnen geschrieben, mit Flyern mit dem kurzen Motto: ‚Scheiße, Schönheit, Schabernack' um uns zu werben, da steckt das auch schon drin." |
| ragazzi: |
"Ihr habt sicherlich ein größere Programm als das, was ihr auf den beiden CDs realisiert habt. Habt ihr bereits eigenes Material für eine ganze CD?" |
| Stefan: |
"Ja, ich denke schon. Nur, es hat sich bisher noch nicht ergeben, das alles zusammen zu mischen. Gerade diese Theaterprojekte sind in sich stimmige Programme, die man jetzt nicht ohne weiteres mit dem Konzertprogramm mischen könnte. Wir arbeiten gerade wieder an einer CD, das wird bestimmt keine 70 Minuten Platte werden, aber etwas, das für sich steht." |
| ragazzi: |
"Das wird musikalisch auch in der abstrakten Rockform sein wie die bisherigen Sachen?" |
| Stefan: |
"Ja, davon gehe ich aus. Ich weiß nicht, wohin wir uns damit bewegen werden, aber es wird auf jeden Fall Ecken und Kanten haben." |
| Martin: |
"Vielleicht kann ich noch eine Sache dazu sagen. Also ich habe das Empfinden, dass es weniger eklektisch wird. Diese stilistische Melange aus unterschiedlichsten Dingen, die scheinbar nicht zusammen passen und irgendwie doch versucht werden, in ein plausibles Ganzes zu gießen, da geraten wir ein wenig weg von." |
| Fabian: |
"Wir werden ein Teilprogramm der neuen CD morgen hier spielen, vorweggenommen." |
| Martin: |
"Ich glaube, es riecht ein bisschen mehr nach 20. Jahrhundert." |
| ragazzi: |
"Ich spüre eine gewisse Kraft und Energie in euch, einen großen Ausdruckswillen. Ihr habt die Vorstellung, neue Musik zu kreieren, die Grenzen bricht?" |
| Martin: |
"Unbedingt. Man hört auf der "Incipit Tragoedia" (CD der Band, d. Red.), dass wir auf der Suche sind." |
| Stefan: |
"Ja, ich denke, das ist noch ein langer Weg. Da kann noch viel passieren. Wir haben noch nicht alles erschöpft." |
| Fabian: |
"Mit dem "Gnomus" (EP-CD der Band, d. Red.) deutet sich eine neue Arbeitsweise an. Mit der "Incipit Tragoedia" sind wir noch relativ nahe an einer gewissen Songstruktur, die ist jetzt eigentlich im neuen Material schon verlassen." |
| ragazzi: |
"Wie reagiert das Publikum bei Konzerten, ist es irritiert oder begeistert? Wie sind die Reaktionen, was bekommt ihr zurück?" |
| Martin: |
(lacht) "Irritiert und begeistert, im besten Fall." |
| Fabian: |
"Ich glaube, wir spalten." |
| Stefan: |
"Sowohl auf einem Jazzfestival als auch in einer Kulturkneipe oder einem Jugendhaus zeichnete sich ab, dass der Großteil erstmal dableibt, auch bis zum Ende, aber dass immer auch Leute raus gehen, andere sind begeistert und die sehen wir immer wieder." |
| ragazzi: |
"Eure Zukunftspläne als Band. Ihr erwähntet schon eine CD, ist das euer nächstes Projekt?" |
| Fabian: |
"Das unmittelbare nächste Projekt wird eine Theaterarbeit sein…" |
| ragazzi: |
"…das bedeutet, ihr spielt zu einem Theaterstück?" |
| Martin: |
"Ja, kann man so sagen. Also es ist kein traditionelles Theaterstück in dem Sinne, dass es ein festes Script gibt von einem Autor, der vor 50 Jahren gestorben ist. Es ist eine Textcollage, hat eher Performancecharakter. Abstraktes Regietheater, würde ich sagen, als dass man jetzt versucht, einen Text auf der Bühne einfach nur zu realisieren, darauf läuft es hinaus." |
| Fabian: |
"Da geht es ganz fragmentarisch zu. Da kann es Passagen geben, die ganz kurz ausfallen, das ist nicht festgelegt." |
| Martin: |
"Und das öffnet den Raum für die Musik, weil es nicht in dem Sinne um Sprechtheater geht. Wir wollen nicht den Text zu Gehör bringen, sondern es geht um performative Elemente, um musikalische Elemente." |
| ragazzi: |
"Bedeutet das, Euer Part ist nicht festgeschrieben, sondern dynamisch in der Reaktion auf die Performance?" |
| Stefan: |
"Ja, ganz konkret Improvisation…" |
| Fabian: |
"…das ist der Bestandteil, auf den wir Wert legen. Wir möchten uns nicht von der Improvisation verabschieden. Wir lassen uns den Freiraum." |
| ragazzi: |
"Eine letzte Frage auf der Zappanale hier: wie seht ihr den Link des Ikarischen Ensembles zur Musik von Frank Zappa? Gibt es da eine Verwandtschaft?" |
| Martin: |
"Ich muss sagen, Frank Zappa hat mich nicht so lange begleitet, wie andere…" |
| Fabian: |
"…ich glaube, keinen von uns." |
| Martin: |
"Ich kann schon sagen, dass ich einen Aha-Effekt hatte, als ich das erste Mal Zappa gehört hatte. Ich merkte, so was geht auch mit dem Instrumentarium in diesem Rockmusikkontext. Aber Zappa hatte stilistische Scheuklappen." |
| Fabian: |
"Der Berechenbarkeitsfaktor lag nicht sonderlich hoch bei Zappa." |
| Stefan: |
"Der Link: die stilistische Varianz und der Facettenreichtum." |
| ragazzi: |
"Als Teil B der letzten Frage: was sind denn eure Einflüsse, gibt es etwas, was euch wirklich vom Hocker reißt und was ihr denkt, auch in eure Musik einfließen zu lassen?" |
| Martin: |
"Ich mach da einfach mal den Anfang. Also ein Komponist, der mich in den letzten zwei Jahren unheimlich beeindruckt hat, ist György Ligeti, der dieses Jahr gestorben ist. Ich habe letztens einen Song mit dem Titel geschrieben: ‚What would György do?'. Das ist meine kleine Hommage an den großen Eindruck, den er auf mich macht." |
| Stefan: |
"Ich denke nicht, dass einer von uns kommt und meint, hör dir das mal an, dass das dann sofort auf Ablehnung stößt, aber man entwickelt sich schon in seine eigene Richtung. Was auffällig ist, wir entwickeln uns mit den Jahren vom zeitgenössischen Rockpop weg." |
| Fabian: |
"Definitiv. Das hören wir einfach nicht mehr." |
| Martin: |
"Was irgendwie noch in dieses Rockmetier gehört, sind die Fantomas-Platten, ich hör die alle furchtbar gern. Da bin ich begeistert." |
| Fabian: |
"Es gibt Ausnahmen. Wir sind nicht auf dem Kriegsfuß, haben keine Scheuklappen, dass wir uns sagen, da ist ne Rockgitarre drin, das höre ich nicht mehr. Aber wir haben die Tendenz, dass wir mehr neue klassische Musik oder Jazz hören."
VM |