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Email - Interview mit Gösta Berlings Saga im Februar 2007
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Das andere Prog-Interview
Email-Interviews sind eine schlechte Alternative. Die Person, die sich die Fragen ausdenkt, und diejenige, die sie beantworten muss, hocken vor ihren Flimmerkästen und tippen Fragen beziehungsweise Antworten ein; es entsteht keine Chemie in der Kommunikation, alles läuft theoretisch, steril und flach ab. Zumeist jedenfalls.
Die Basis von Ragazzi steht im Nordosten Deutschlands, weit weg von Gut und Böse, direkt am Strand, ringsum nur Wiesen und Wälder; flaches Land und Kreidehügel in der näheren und weiteren Umgebung. Jedes Mal das Fahrrad nehmen und zum Bummelzug namens Regionalexpress radeln, um von dort zum Interview fahren, ist zu aufwändig. Und vor allem: wer kümmert sich um die Hühner?
Zudem sind die Interviews des Musikfeindes VM stets nach dem gleichen Muster gestrickt, aber was fällt einem vor dem Uralt-Monitor mit Handkurbel-Internet schon ein, wenn man aus dem mit lauem Strom des selbstgebauten Windrads ohne Speichen gefütterten CD-Abspielgerätes fröhliche Musik hört? Nur, dass der durchgesessene Wohnzimmersessel das perfekte Licht hat und der Schuppen, in dem das gute Fahrrad Baujahr 1934 steht, das den Kontakt zur Außenwelt aufrechterhält, sich erstaunlicherweise langsam nach links lehnt. Ja, was fällt einem da ein?
Verdrehen wir das Ganze mal, dacht' ich mir, versuch' ich mal, aus dem stoisch-vorpommerschen Schädel etwas Humor rauszupressen. Nach ein paar Wochen standen ein paar leidlich originelle Fragen im geliebten Word von 1993 (da hatte ich noch volles Haar…, ist also pure Nostalgie, das Zeugs zu lieben, äh, ja), nach einem tüchtigen Kurbeldurchgang draußen am Windrad war wieder Strom da (musste sowieso raus, Wasser vom Brunnen holen und gucken, was auf der Wiese so los ist) und ab mit den Fragen an Alex, der im richtigen schwedischen Leben Alexander Skepp heißt, Schlagzeug, Perkussion, Mellotron und Solina spielt und mit David Ljungberg (key, mel, synth), Einar Baldursson (g) & Gabriel Hermansson (b) Gösta Berlings Saga's Innenleben am Rotieren erhält.
Alex wollte keine Stand-Up-Comedy und meinte nun wieder, die Chose nach einem Gutdünken noch etwas weiter zu verdrehen, was mir als Idee ausnehmend gut gefiel (was sich jedoch eher als "Zurückdrehen" erwies). Es dauerte eine Weile, immerhin schreibt Alex nicht den ganzen Tag Interview-Antworten in seinen Monitor, sondern konzertiert und lebt sein fröhliches Leben. Macht nix, dachte ich mir und stand im Garten, jätete verfaulendes Unkraut, sägte alte Äste weg, ging mit dem Hund übern Acker, Rebhühner schießen und genoss die ländliche Ruhe, wie immer, mit einer schönen dicken Zigarre hinterm Haus auf der alten Steinbank (die neue Plastikbank von 1996 ist kaputt, das taugt heute doch alles nix mehr), damit mich keiner sieht, wenn schon wieder ein Tourist vorbeikommt (derer einige sich alle paar Jahre mal hierher verirren), was die hier nur suchen? Weit und breit nichts als der alte Hof, gar nicht restauriert und total verludert, damit keiner fragt, ob er hier eine Nacht bleiben kann. Ja, so lässt sich's leben!
Und dann kamen die Antworten. Ein paar Fragen wollte Alex nicht beantworten. Nichts über Ystads Kommissar Wallander, nichts über den bekanntesten schwedischen Komponisten oder welcher Stern der dunkelste, welcher der hellste ist. (Hatte ich doch gedacht, er würde dahinter kommen und antworten, welche seiner Stars die "hellsten" (etwa: Kaipa) und welche die "dunkelsten" sind (etwa: Univers Zero), oder so. Na ja, der vorpommersche Humor hat eben so seine eigene Natur. Wer kann aus dieser tiefen Schwere der Fragen schon Komik erkennen…?
Dann das Übersetzen. Das ist wirklich schwer. Jedes Wort aus dem Wörterbuch pulen, und wenn dann das Kauderwelsch so nebeneinander auf dem Zettel zu lesen ist, muss daraus erst einmal ein Satz werden!!! Aber, wie ihr sehen und lesen könnt, ist die Arbeit getan, ich bin wieder draußen hinterm Haus auf der Steinbank, qualmen, und ihr könnt jetzt erfahren, was das bunte Leben in Gösta Berlings Saga ausmacht. Na dann mal los!
| ragazzi: |
"Zuerst einmal: was bedeutet Gösta Berlings Saga? Wie seid ihr zur Musik gekommen? Und warum in Schweden?" |
| Alex: |
"Gösta Berlings Saga ist eine Novelle der bekannten schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf. Die Story wurde 1924 von Mauritz Stiller verfilmt. Gösta Berling ist der Name der Hauptfigur, ein durchgedrehter Pfarrer, und Saga bedeutet das Gleiche wie im Englischen. Das Buch ist wirklich gut (wenn ich das öffentlich sage, könnte ich einen Konflikt heraufbeschwören, aber das Buch ist ein Klassiker, verehrt von vielen). Wir alle (Alex, David, Einar & Gabriel) haben bereits in zahllosen Bands gespielt, das reicht von Hardcore Punk bis Jazz, und mal abgesehen von Einars umfangreichen Gitarren- und Musikstudien sind wie alle Autodidakten - was seine guten und schlechten Seiten hat. Der Grund, warum wir in Schweden spielen, liegt in unserer tiefen Verehrung des Aesir (der alte schwedische Vielgötter-Naturglaube, d. Red.)." |
| ragazzi: |
"Warum Rock'n'Roll und keine impressionistische Malerei?" |
| Alex: |
"Auch wenn Monets Werke sehr inspirierend sind (vor allem wegen des famosen roten Tones, der Monets grauem Star zu verdanken sind, den er in den frühen 1920ern bekam), finden wir King Crimson's Red-Nuancen weitaus eindrucksvoller." |
| ragazzi: |
"Wie seid ihr auf die vielen musikalischen Ideen des Albums gekommen? Liegt es an der Rock'n'Roll-Luft in eurer Heimatstadt? Wie hat sich die Musik entwickelt, bis sie die Form gefunden hat, die auf der CD zu hören ist?" |
| Alex: |
"Wahr ist, Luft ist wichtig. Doch trotz dieser Zeit der globalen Erwärmung, Musik ist schlicht wichtiger und das ist der Grund, warum wir unser Bestes geben im Felde des Prog. Normalerweise bringt einer von uns eine Melodie oder ein Thema ein und wenn wir alle meinen, dass es ganz gut wäre, jammen wir darüber für eine Weile, bis die Ideen sich herausschälen. Das braucht so ein paar Stunden. Schließlich nehmen wir unsere Proben auf und jeder lauscht ihnen für sich zuhause. Das ist vielleicht der wichtigste Teil der Songwerdung, so tun sich neue und unerwartete Ideen auf, die wir in der nächsten Probe zusammentragen. Bevor wir einen Song aufnehmen, wiederholen wir diese Prozedur, um die weniger guten Teile rauszuschmeißen und die volle Befriedigung zu erhalten. Wenn möglich, versuchen wir uns im frühen Stadium ein inneres Bild von dem Song zu machen, so dass wir alle in Sachen Konzept und Ausdruck in dieselbe Richtung arbeiten. Es ist wichtig für uns, dass alle Mitglieder kreativ hinter den Songs stehen, so dass wir sagen können, dass wir als Kollektiv arbeiten und nicht als Gruppe von Individualisten." |
| ragazzi: |
"Ihr mögt also alle die Musik auf der CD?" |
| Alex: |
"Wir waren völlig aufgeregt, als wir die Tracks für die CD aussuchten und das komplette Konzept aufstellten und wir lieben die Songs mehr oder weniger - alles passt sehr gut zusammen, wenn einige Songs von "Tid är Ljud" auch schon vor mehr als zwei Jahren geschrieben worden sind. Wir haben bereits begonnen, Material für das nächste Album zu schreiben und sind total bedröhnt dabei, weil es so viel besser ist als für das erste." |
| ragazzi: |
"Ihr wisst, dass Schwedens Rockszene boomt? Was haltet ihr davon?" |
| Alex: |
"Wir sind uns dessen tatsächlich bewusst, dass viele schwedische Acts weltweit gut angenommen werden und wir sind sehr froh darüber. Jedoch, nicht viele dieser Bands verbreiten die Legende des Aesir (mit Ausnahme unseres Kumpels Martin "E-Type" Eriksson). Wir tun es. Und darum werden wir siegen." |
| ragazzi: |
"Welchen Namen hat der höchste Berg Schwedens? Hat Schweden ein Space Rock Ministerium?" |
| Alex: |
"Schwedens höchster Berg ist der 2097 Meter hohe Berg Kebnekaise (so hieß auch eine großartige schwedische Band, die nebenbei eine große Inspiration für uns ist). Es wird gesagt, dass 9% der Fläche Schwedens vom Gipfel gesehen werden können, was ungefähr 40.000 km² sind - etwa die Größe der Niederlande. Unser Space Rock Ministerium hat den Namen Øresund Space Collective und die rocken Dir den Arsch weg." |
| ragazzi: |
"Wie alt seid ihr so? Und was macht ihr unabhängig vom Rock'n'Roll? Geht ihr gewöhnlicher Arbeit nach? Und wer von Euch hat die längsten Haare?" |
| Alex: |
"Wir alle sind so um 29 Jahre alt, bis auf Einar, der ist 33 oder so. Vor kurzem hatte er noch die längsten Haare in der Band, aber wir haben entschieden, dass sie ab mussten. Entgegen der Art, wie wir Musik machen, war das keine kollektive Entscheidung. Wir arbeiten in sehr verschiedenen Feldern; lehren, banking (oops), gammeln (ooops) und einer arbeitet als Gitarrenlehrer (wer nur?)." |
| ragazzi: |
"In Uppsala liegt die Geburtsstätte Schwedens. Meinst Du, die Leute leben heute aus diesem Grunde noch dort? Seid ihr die emotionalen Kinder der Samla Mamas Manna? Mögen Eure Mütter den Sound der Gitarre in Eurer Musik? Wie sieht das mit Euren Mädels aus?" |
| Alex: |
"Vor kurzem ist Einar nach Uppsala gezogen, am 1. Februar (2007, d. Red.), vor allem aus dem Grund, den Du genannt hast, seitdem nennen wir uns die Emo-Kinder von Samla. Die meisten Leute aus unseren Familien, unseren Freundeskreisen und unsere Freundinnen meinen, unsere Musik zu mögen, wenn wir sie danach fragen. Die positiven Antworten mögen allerdings auch der Angst vor uns geschuldet sein." |
| ragazzi: |
"Wer von Euch ist der beste Techniker an einem Instrument?" |
| Alex: |
"Wir alle verehren Einars Art, seine Gitarre zu spielen. Aber weil er ein bescheidener Typ ist, wird er Dir sagen, dass er nicht so gut sei, wenn Du ihn selbst fragst." |
| ragazzi: |
"Wenn ihr Konzerte gebt, trinkt ihr vor der Show? Streitet ihr euch über die Songs? Was mögt ihr mehr: Improvisationen, Solieren, ultrakomplex komponierte Passagen oder sanfte Vokallinien? Kämpft ihr den Sound des Schlagzeuges in der Band aus?" |
| Alex: |
"Wir haben uns die strikte Politik zu eigen gemacht, nicht mehr als etwa ein Bier vor der Show zu trinken, es ist entscheidend, dass wir uns aufs Spielen konzentrieren. Auf der anderen Seite, unsere beste Show bisher spielten wir in Göteborg und wir haben vorher echt heftig getrunken, so war das Konzert ein kleines Experiment. Wir ließen alles raus, hatten eine unglaubliche Zeit und das Gefühl, das Publikum damit anzustecken.
Wenn wir auf der Bühne sind, haben wir etwas von Chamäleons; wenn wir merken, dass die Leute bestimmte Songs mögen, setzen wir zu längeren Improvisationen an. Und wenn die Leute gelangweilt sind, kürzen wir die Stücke, oder gar das ganze Set ab. Was wäre das Live spielen, wenn Du das Publikum nicht managen könntest? Glücklicherweise haben wir es noch nicht erlebt, dass Leute aus dem Publikum den Saal verließen und hoffentlich hat das damit zu tun, dass unsere Musik für alle Besucher gut zu akzeptieren ist.
Wir haben einen guten Umgang untereinander, persönlich und auch in musikalischer Hinsicht, so gab es bisher keine Faustkämpfe, worüber ich sehr froh bin, denn David ist wirklich kräftig, fast wie Thor. Ich persönlich fühle mich eher wie Sæhrímnir (auch Sährimnir, nordisch "rußiges Seetier" oder "Kochgrube", ein Eber der Edda-Saga, der jede Nacht den Asen und den Einherjern sowie Odins Wölfen Geri und Freki als Mahl vorgesetzt wird, d. Red.)." |
| ragazzi: |
"Habt ihr Kinder? Spielen sie Instrumente? Haben sie lange Haare? Mögen sie klassische amerikanische Autos? Mögt ihr klassische amerikanische Schlitten? (die russischen tun's nicht, denke ich, oder?)" |
| Alex: |
"Ich bin der Einzige mit Kindern und mein vierjähriger Sohn, der nebenbei bemerkt schön lange Haare hat, ist echt ein große Magma-Fan, zumindest einiger ihrer Songs und speziell der Mythologie von Kobaïa, die er fehlerlos auswenig kennt. Aber er hat es bisher noch nicht an ein Instrument geschafft, obwohl er bereits sagte, anfangen zu wollen, Violine zu spielen. Der zukünftige Didier Lockwood? Bezüglich der amerikanischen Autos, ich habe keine Ahnung, warum die Hersteller noch nicht auf die Idee gekommen sind, ein neues und umweltfreundliches, leises Auto mit alten, klassischen Chassis zu bauen - jedermann würde diese Monster kaufen, wenn es sie nur geben würde." |
| ragazzi: |
"Gibt es die Chance, euch mal in Norddeutschland live auf der Bühne zu sehen - vielleicht in meiner Heimatstadt Stralsund? (Wenn nicht, warum nicht?) Spielt ihr lange Gitarrensoli auf der Bühne? Und ganz nebenbei, gibt es Politiker in Schweden, die eine Rock'n'Roll - Vergangenheit haben?" |
| Alex: |
"Kontaktiere unser Management und wir werden uns freuen, zu jeder Zeit überall spielen zu können, wenn es die Möglichkeit gibt, zu schlafen und etwas zu essen zu bekommen (und zudem 'n bisschen Kleingeld). Kürzlich hatten wir diskutiert, eine Klausel in unseren Vertrag aufzunehmen, der aussagt, dass die Konzertorganisatoren Kohlendioxid-Emissionen kaufen sollten, um die Abgase unsere Anreise auszugleichen. Wir werden extrem lange Gitarrensoli spielen, ganz ohne weitere Bezahlung (ausgenommen extra CO2, logisch). Bezüglich der Frage nach Politikern, unser neuer Premierminister Fredrik Reinfeldt nennt sich Galder, wenn er mit seiner Klassikrock Coverband auftritt. Schaut es Euch an unter: gostaberlingssaga.se/galder.jpg." |
| ragazzi: |
"Was mögt ihr so allgemein? Und was ganz speziell?" |
| Alex: |
"Wir haben alle gemein unsere Passion für leckere Musik, Aesir als gutes Futter und Trappist Bier. Das ist der Grund, warum wir von einer Tour durch Belgien träumen." |
| ragazzi: |
"Zu guter Letzt: was haltet ihr von ragazzi-music.de, nur raus mit Euren Beschimpfungen!" |
| Alex: |
"Obwohl keiner von der deutschen Sprache wirklich mächtig ist, scheint es, als machtet Du einen wunderbaren und passionierten Job, die Welt der progressiven Musik zu beschreiben! Und danke für Dein großartiges Review von "Tid är ljud", wir haben einige Besuche von Ragazzi-Lesern auf unserer Website gehabt. Danke hoch zwei, Volkmar!" |
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(Verdammt, ich werde rot! Und nicht nur, weil die alte Hütte gar nicht am Strand steht, wie ich gelogen habe, da muss ich noch etwa 20 Minuten übern Acker laufen, sondern weil die Bengels zum Schluss noch so'n verquastes Zeug sagen müssen, also wirklich!)
VM
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