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Ikarisches Ensemble "Incipit Tragoedia" (Eigenproduktion 2004)
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Fällt mir nicht ganz leicht, hier gleich die richtigen Worte zu finden. Das liegt vielleicht am Kontrast, den Musik und Texte aufbrechen; daran, dass das Trio seine nonchalant-aggressiven, literarisch anspruchsvollen Gedichte nüchtern und kühl singt, während die hoch emotionale, schwer komplexe und beeindruckend vitale Musik von ungezügelter Wildheit ist.
Der Bandname passt zum Programm: ikarisch steht wohl für die literarische Gestalt Ikarus, die mit ihren durch Wachs zusammengehaltenen Flügeln der Sonne zu nahe kam und abstürzte; ikarisches Ensemble: die Band der ultimativen, gefährlichen Herausforderung?
Stefan Berger (b), Martin Tanšek (p, g, voc) und Fabian Hönes (dr) sind erstaunlich jung, Jahrgang 1983 bzw. 1984, und von einer musikalischen Reife, die außerordentlich ist. Zudem nutzt das Trio keinen herkömmlichen Stil als Ausdrucksmittel, sondern kreiert seine eigene, fantastische Mischung.
Tanšek's Klavierspiel ist klassisch ausgebildet und lässt sich von Neuer Musik und Klassik inspirieren. Da hat das Studium bei Younghi Pagh-Paan an der Hochschule für Künste in Bremen einen lehrreichen Schüler gehabt. Stefan Berger hat bereits diverse Kompositionen für kammermusikalische Besetzungen geschrieben, Fabian Hönes nahm erfolgreich am Young Jazz Award teil.
Das ikarische Ensemble schaffte mit den Stücken auf "Incipit Tragoedia" einen vollkommen eigenständigen Stil, der metallisierten Avantgarde Rock, Versatzstücke aus Jazz und Pop sowie klassische Strukturen auf unprätentiöse, vielleicht gar "cool" zu nennende Art vermixt. Das Trio scheint bei jeder Note gefeixt zu haben, Ulk und Klamauk sind nicht direkt auszumachen, sitzen aber häufig zwischen den Noten. Sicher hatte das Trio vor allem nicht wenig Spaß dabei, die bösen Texte in die anspruchsvolle Musik zu streuen.
Vor allem die instrumentalen Arrangements sind von außerordentlichem Interesse, da wird so manche Progressive Rock Band nicht blass, sondern leichenblass.
Den Auftakt macht "Nécrologue à l'innocence". Anmutig und liebreizend beginnt die CD mit einem klaren, lyrisch-forschen Pianomotiv, das schnell in den komplexen und aggressiven Rock führt. Die Band arbeitet äußerst virtuos, schäumt vor Spielfreude über und gestaltet ihre Stücke mit Selbstbewusstsein und Nonchalance. Und wenn Martin Tanšek zu blumig hübschen Gitarrenklängen die harten, teils deftig blasphemischen Texte singt, kann ich über den Mut des Trios nur staunen. Da werden Dinge zusammengeworfen, die nie passen können: faunische Geilheit, Baal, die Gottes Mutter als Hure, Kastrationsphantasien und Opiumträume. Oder passt doch alles? Eine nie gekannte Anmut? Ich kann nur hoffen, dass die Musiker in späteren, kommerzieller orientierten Lebensjahren das Album nicht verleugnen werden!
Das ganze Stück, über 9 Minuten lang, ist von großer Kunstfertigkeit und Ausdruckskraft. In aller Bösartigkeit ungemein faszinierend und verlockend. Im Anschluss daran gibt es die "Ikarische Trilogie". In Part I schreit Tanšek zu poppigen Metal-Gitarren: "Gottes Kot", was zuerst wie "Gott ist tot" klingt. Das mörderisch komplexe Stück mit Sirenen gleichen kreischenden Gitarren entwickelt eine grandiose Spannung, in der vor allem die Gesangsstimme, oder besser das aufgeregte Geschrei Tanšek's, fantastisch stark klingt. Die bedeutungsschwangeren Lyrics kümmern sich nicht um billigen, vordergründigen Sinn, sondern überraschen hier wie auf der ganzen Platte mit selbstbewusst düsteren, sehr bösen, dramatischen Texten.
Part II ist eine lautstarke Ballade, auch hier mit dem Schreigesang, der kraftvoll aufbricht, abschwillt, wieder hochfährt, abstürzt und einen sehr emotionalen Charakter offenbart. Phantastisch, gruselig, genial!
Der dritte Part beginnt leise. Das poppigste Stück der CD erinnert entfernt an neue deutsche Popbands, was vielleicht am deutschsprachigen Gesang, vor allem jedoch an der konventionellen Struktur liegt. Doch trotz seiner eingängigen Natur ist der Song keineswegs belanglos.
"Ewige Wiederkunft", das letzte Stück, beginnt verhalten und lässt viel erwarten. Lässig groovt die Band, von einem lieblich-süßen Jazz-Piano gekitzelt, bis sich nach dem Intro eine schräge, kraftvolle Natur auslässt. Wieder arbeitet das ikarische Ensemble sich gefährlich nah an die Sonne heran, versteckt im Text eine gemeine Note, die ich erst beim dritten Mal höre (ich hatte das Booklet mit den abgedruckten Texten noch nicht gelesen). Systematisch baut sich die Komposition auf, findet Schwung und radikalen Rock, um wieder in sich einzusinken und neu zu starten, versetzt mit rhythmischen Brüchen, die das Stück forcieren, entspannen, wieder forcieren und wieder entspannen. Ein paar Mal geht das so.
Während Bassist und Schlagzeuger technisch einwandfrei schwer komplex arbeiten und eine hinreißend vitale und längst nicht konventionelle Struktur schaffen, beide Instrumente nicht nur als Teppich oder Rhythmusgrundlage verstanden wissend, entwirft Tanšek an Piano oder Gitarre solistische und melodiöse Grandiositäten.
Die ganze Zeit über frage ich mich, wie eine Band so junger Musiker zu einem so starken Auftritt fähig sein kann. Da ist viel mehr als nur gute Ausbildung, da ist Können, die Jungs haben es einfach drauf, eigenwillige, phantastische Musik zu kreieren. Wer sich mit den Texten anfreunden kann, wird viele positive musikalische Überraschungen erleben.
Es gibt viel mehr zu sagen, hier nur eines noch: Mehr davon!
ikarus.de.to
VM
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