Nathan Hubbard "Blind Orchid" (Accretions 2007)

Für das Label Accretions ist der Schlagzeuger Nathan Hubbard eine Ausnahme - seine Werke haben die noch konventionellste Struktur - wenn von "konventionell" auch eher nicht zu sprechen ist. Sicher liegt das am Hauptinstrument des Avantgarde-Spezialisten: seinem Schlagzeugset und dessen natürlichen Klängen, die in dem tonalen Gewitter dieser Klangfülle immer wieder entscheidende Einflüsse haben und die Arrangements beherrschen. Dennoch sind wir hier mitten in der freien Improvisation - auch für Nathan Hubbard, der bereits an deutlich konventionelleren Projekten beteiligt war, man denke etwa nur an Mike Keneally und dessen wahrlich hübsches "Wooden Smoke" - und Hubbard hat Electronics, Tapes und Prozessoren auf seine Weise entdeckt.
"Blind Orchid" klingt dennoch im Vergleich zu Accretions-Labelkollegen leichter nachvollziehbar, weil das Schlagzeug neben Stimmen, Pianoklängen und allerlei weiterer Perkussion gewohnte(re) Strukturen zieht. Hubbard ist ein wahrhaft virtuoser Musiker, der mit ungemein Inspiration so etwas wie "Heavy Metal" der freien Improvisation erschafft. Sein Opener "i/nside ( no exit)" ist die Herausforderung: wild, harsch, hart, schnell, laut - so wie es beginnt, hört es auf. Erst ist man erschlagen, dann vermisst man das Stück. Doch schon sitzen wir mitten im Album, hören röhrende Gitarrensounds, verspielte Jazz-Perkussion, Tapes dröhnen im Off ab, Resonanzen ziehen am Horizont vorbei, das Schlagzeug klingt wie Cello (!) - wie macht der das nur?
Die tonale Achterbahnfahrt auf "Blind Orchid" hat zwar harsche, avantgardistische Struktur, klingt aber - im Gegensatz zu einigen seiner Labelkollegen - einladend und macht neugierig. Was, meint man zu denken, kommt danach. Wie geht es weiter. Und: wie ist der nur darauf gekommen. Bei dem großen Output, den Nathan Hubbard allein in den letzten paar Jahren hatte, darunter Bigband-Produktionen auf voller 2CD, Kollaborationen mit Labelkollegen und Mitgliedern des losen, riesigen (um mal mit Polina Daschkowa [Russlands spannendste Krimiautorin liebt das Wort "riesig"] zu sprechen) Trummerflora Collective, dem weit über 50 Musiker angehören, die in vielen kleinen oder großen Ensembles alle Arten freier Improvisation, freier Klänge entwickeln und gestalten, kommt man unweigerlich zu der Frage, woher die Inspiration für so viele und so unterschiedliche Musik kommen kann.
"Microhole", nur Stimme und Drumset, ist ein Avantgarde-Rap. Hubbard spricht in nüchternem Rap-Stil und lässt sein Schlagzeug dazu abstrakte Jazzklänge entwerfen, ein Doppelsolo, ineinander gemixt. Ob er das auch live hinkriegt?
Die harsche, düstere elektronische Klangsprache der Prozessoren, die gesampelten Sounds, Hubbards Stimme, immer etwas im Off, sein freies Schlagzeugspiel - das sind die Zutaten eines Films, eines tonalen Films, der keine vordergründige Action, keinen harten Sex oder andere billige Elemente kennt, um seine schlechte Story zu verstecken. Diese Story ist so gut wie die Phantasie des Hörers reich.

castorandpolluxmusic.com/nmhubbard
accretions.com
VM



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