|
Nathan Hubbard "(compositions 1998-2005)" (Circumvention Music 2006)
|
Nathan Hubbard stellt seine Kompositionen unter das Motto kreative improvisierte Musik. Wie ist das zu verstehen? Komposition und Improvisation sind doch zwei unterschiedliche Dinge!? Zumal einige der auf den 2 CDs enthaltenen Tracks ohne sein Zutun eingespielt worden sind…
Tatsächlich hat Nathan Hubbard die Grundstruktur der Tracks komponiert, die Samples und Field Recordings gemixt, quasi während der Einspielung spontan komponiert. Aber die Stücke, in denen er nicht beteiligt ist, hat Hubbard komponiert und der Interpretation freie Hand gelassen. So im eröffnenden Stück der ersten CD, "Structure I" von 1999, das Scott Walton auf dem Piano spielt. Eine erstaunlich lebhafte, aufgeregte und abstrakte Komposition. Scott Waltons Spiel ist klassisch geprägt, die Einspielung ist nicht Jazz noch Neue Musik, vielleicht irgendetwas dazwischen. Sehr dynamisch, geradezu schnatterhaft, mit exzellenten Disharmonien und rhythmischen Brüchen.
Kein weiteres Stück auf den CDs ist eine Solopiano-Interpretation. Field Recordings, am Computer von Nathan Hubbard, Jason Robinson und diversen weiteren Musikern gesampelt und gemixt, lakonische Jazzmotive, freie Improvisation zwischen introvertierter Neuer Musik und komponiertem Jazz mit viel Intuition und Gespür für das Temperament des Augenblicks sind die Eckdaten der weiteren Tracks.
"In The Year Of The Lion" ist ungemein in sich versunken, melancholische Musik, deren tiefe und ausgeglichene Stimmung auch in der Erregung des Motivs nicht verloren geht. Die Komposition fängt als Neue Musik an und wird zu schrägem Jazz, ohne den Pulsschlag zu verändern. Perkussionist Nathan Hubbard spielt diverse Instrumente: Piano, Marimba, Vibraphon, Schlagzeug, er hat Field Recordings aufgenommen, Sounds gesampelt oder das Ensemble, das seine Arbeit spielt, dirigiert. Dabei gewinnt kein Stil die Überhand. Das überraschende und raffinierte Zusammenspiel der verschiedenen Musikarten, das frei überlegte Verflechten der Sounds und Harmonien, überhaupt der Grundgedanke der Songs und die Kunst, das so zu erschaffen, sind grandios.
Mal scheint ein elektronischer Ameisenhaufen durcheinander zu wuseln, mal schnattern Saxophone wie ein ganzer Entenhof, abgrundtief düstere Stimmungen schälen sich aus dem Mix der Field Recordings mit Radioklängen, Stimmen, allerhand unbegreiflichen Klängen und vitalem Modern Improvised Jazz. Wie ist Nathan Hubbard auf die Idee gekommen, ein Stück für improvisierendes Trio (ts, ss, acc-b, dr, vib, perc) und Tape zu schreiben? "Structure II" aus dem Jahr 2002 ist gleich eine Komposition für "irgendeine Art von Klang produzierendem Medium". Christopher Harrison hat sich der (geschriebenen?, im Gespräch übermittelten?) Note angenommen und mit Stimme und Computer meditative, harsche Klänge produziert. Eine Melodie an sich gibt es nicht, die Schwelltöne und weiteren Sounds haben keine nachvollziehbare, durchgehende Struktur. Wie also ist die Musikidee von Hubbard zu Harrison gekommen (und was hat sich dabei verändert)?
Kaum zu glauben, das die sanfte Harmonie der schrägen Jazzstille in "Shards Of Memory" von einem Big Band großen Jazzensemble eingespielt wurde. Wie ein Schatten gleicher Rausch ist das Stück, wie geträumt klingt es, komisch, einschläfernd, harmonisierend. Schräge Disharmonien, ganz sanft und lieblich. Kurios!
Das 30-minütige "Painting On Glass" auf CD2 ist wohl der Höhepunkt beider CDs. Zwei Oktette, die Nathan Hubbard parallel dirigierte, einmal ein Jazz spielendes Ensemble und einmal Bläser und Elektronik, Samples, Laptop und CD-Player (!) intonieren das Stück. Und so völlig fern von gut und böse ist das Werk nicht. Die 16 Musiker haben viel intuitives Gespür für den Gemeinklang, geben einzelnen Instrumenten Raum für Soli und nehmen sich nicht zurück, dichte und lautstarke (Jazz-)Struktur zu spielen.
Nicht nur esoterische Kaufläden lassen in der heutigen Zeit weichgespülte Ambientsounds durch ihre Räume spülen, aller Orten ist strunzdoofer Billigsound zu hören. Davon sind Nathan Hubbards Kompositionen Welten entfernt. Und doch haben auch sie diesen beruhigenden, besänftigenden Charakter, gewiss mit einiger Aufregung und Disharmonie in sich, und das ist die große Kunst dabei, die "schrägen" Klänge höreinfach klingen zu lassen. In Kaufläden, die dieses Album spielen würden, bliebe das Volk wohl entrückt und konzentriert in den Ecken stehen, um der Seltsamkeit dieser Klänge zu lauschen.
Meine Empfehlung geht auch an Leute, die Angst vor schrägem Krach und harschen avantgardistischen Klängen haben. Was hier harsch ist, bettet sich hörfreundlich in kunstvoll arrangierte Disharmonien. Unbedingt reinhören!
circumventionmusic.com
VM
Zurück
|
|