Heart Land
Sunlore
(Cream Of Turner/Tequila Sunrise Records 2011)

Es gibt noch Dinge, die es schon immer noch nie gegeben hat. Das Label Cream of Turner bedient keine gängigen Klischees, weder musikalisch noch in der Präsentation der Musik. Zwei Alben des Labels liegen mir vor. Beide Verpackungen sind handgemacht und damit Unikate. Labelphilosophie ist nicht, hochklassige Industrieprodukte anzubieten, sondern Kunst, die allseitig eigenständige Ausdruckskraft hat und auditiv wie visuell überzeugt. Die Produkte sind nicht erstklassig - fehlerlos designed, die Schnitte mit der Schere am Rand sind ungerade, Klebefalze sind zu sehen, das Material, die Basis, hat Knicke, ist gelocht, stammt aus Uraltbeständen einer längst erloschenen Fabrik - oder ist ganz genau SO gedacht und produziert. Nicht nur die Verpackung, auch die CDs selbst sind ‚bearbeitet' worden. Mit Feuer, Feuerzeugbenzin, Sprühlack und Kratzbürsten (auf der oberen Oberfläche natürlich) bearbeitet, mit Mustern und kunstwirksamer Bildsprache in schwarz-weiß aufgemacht, dass das Ansehen der Alben schon einmal eindrucksvoll ist und bewusst abseits aller Hochglanzprodukte sich präsentiert. Die Basis ist sympathisch. Und wie ist die Musik?
Heart Land haben partielle Parallelen zu Random Touch. Die Band spielt improvisativen Avantrock, der weder besonders rockbetont noch um Abstraktionen bemüht ist, die extravagant klingen sollen. Der Sound ist nicht besonders, gewollt, hat etwas Dumpfes, als sei die aufgezeichnete Musik durch eine lange Röhre gespült worden. Elektronische Sounds, Minimalistisches, kraftvoll-kratzige Gitarrentöne, verzerrte mulmige Geräusche, klangtechnische Experimente - kein Ton ist eingängig oder herkömmlich. So arbeitet Fred Frith in manchen Projekten, weil er keine Lust hat, die immer gleichen Sounds auf die immer gleiche Weise zu spielen. Heart Land haben ihr Cover versiegelt, erst muss das (fest aufgeklebte, nicht ablösbare) Siegel erbrochen werden, um Song- und Musikernamen zu sehen, die dann eher wieder nicht fassbar sind. Auf der CD sind weitaus mehr Stücke, als aufgelistet, die Musikernamen sind so klein und undeutlich mit dickem Stift (hand)geschrieben worden, dass sie nicht zu erkennen sind. Aussage: darauf kommt es nicht an. Lass' das Ganze auf Dich wirken, nimm die Musik als Basis für einen windigen Abend, an dem Du die Hülle gefunden hast und denke Dir den Film des Tages.
Sunlore gehen noch einen Schritt weiter. Zwar sind Bandname, Musikernamen und Titel nachvollziehbar zu lesen, indes sagt auch dieses nichts. Auf der 35 Minuten langen CD sind 19 Tracks enthalten, die freitonale Sounds spielen und mit Rock kaum etwas zu tun haben, mit herkömmlichen Stilen nicht vergleichbar sind und mantrengleiche, psychedelisch wirkende Atonalsounds präsentieren, die mehr Spaß an der Verwirrungsfreude beweisen, als nachvollziehbaren musikalischen Inhalt. Monotones Rasseln, Klimperklavier, Industrial Sounds, Rockinstrumentschnipsel, Electronics, Schiffssirenen, Pseudopopavantgarde und okkulte Töne schweben irritierend durch den Raum, als suche der Kosmos nach seinem ersten Geräusch. Das ist durchaus interessant, wenn man sich unweigerlich schrägstem Sound gern öffnet und neugierig auf immer neue Schräglagen ist. Eine Weile darf dies unterhaltsam genannt werden, doch die - gewollte - Monotonie und großflächige Substanzlosigkeit machen zumindest mir keinen Parallelkosmos auf, der mich neu überrascht und verblüfft. Indes ist das Projekt gewiss nicht blöd, sondern Antimusik für Theoretiker.
Natürlich sind auch die CDs nicht industriell hergestellt, sind die "Songs" auf CD-R enthalten. Schön und besonders ist das Anschreiben des Labels, das ich hier unbedingt wiedergeben möchte (die Emails dazu sind weitaus ausgefallener):
Ich habe 2 CDr Versionen unserer beiden Alben wie unser Label eingeschlossen, Cream of Turner, für die Überprüfung. Das CDR-Verpackung ist wie für unsere handgefertigten Album Verpackung wie möglich zu schließen, mit viel aus den gleichen Materialen und Techniken, die wie bei der Erstellung unserer Aufzeichnungen nutzen. Für Sunlore schließt dies die Verwendung von Feuer, Feuerzeugbenzin und Sprühlack. Dabei bemühen wir uns um das Hörerlebnis wie ähnlich der von unserem Album veröffentlicht zu machen.

creamofturner.com
VM



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