Graham Collier "Darius/Midnight Blue/New Conditions" (Graham Collier 1974/75/76, BGO 2009)

Graham Collier war der erste britische Student, der einen Abschluss auf dem renommierten Berklee College of Music machte. Der Jazzkomponist und Kontrabassist nennt seine Einflüsse mit Duke Ellington, Charles Mingus und Gil Evans. 1967 veröffentlichte er sein erstes Werk, jüngst 2009 nun ist seine neuste Komposition, "directing 14 Jackson Pollocks" auf 2CD erschienen. Collier arbeitet seit vielen Jahren, Jahrzehnten mittlerweile mit einem festen Musikerstamm zusammen, der hier und dort variiert. Alle seine Alben, die seit 1967 auf LP veröffentlicht worden waren, sind mittlerweile auf CD verfügbar. Nicht in jedem Fall digital remastert, in manchem Fall von LP gezogen, aber im besten Fall in Mono- sowie Stereo-Mix erhältlich.
Beat Goes On Records legt bereits die dritte Graham Collier Box auf, die erste mit den Alben "Down Another Road/Songs for my Father/Mosaics" wurde 2007 aufgelegt, "Deep Dark Blue Centre/Portraits/The Alternate Mosaics" folgte im Januar 2009, "The Alternate Mosaics" wurde dabei zum allerersten Mal überhaupt veröffentlicht, "Deep Dark Blue Centre" digital remastert, das erste Mal im Stereo-Mix.
"Darius" (1974), "Midnight Blue" (1975) und "New Conditions" (1976) sind in dieser Reihenfolge erschienen, weitere Alben zwischendurch gab es nicht. BGO, hat es den Anschein, will Graham Colliers Erbe lückenlos der Reihenfolge nach auf CD auflegen, was unbedingt zu wünschen ist.
Kaum ein anderer Jazz-Komponist hat so komplex und virtuos komponiert wie Collier. Seine Ensembles, auf "Darius" und "Midnight Blue" im Sextett, keine großen Besetzungen, machen wahrhaft große Musik. Aus den komponierten Teilen, die lebhaft und doch streng gezeichnet sind, lösen sich Ensemblemitglieder zur Improvisation, die jeweils zwei Bläser in beiden Werken, "Harry Beckett (tr, fl) und Derek Wadsworth (pos), agieren ungemein virtuos und phantasievoll, geraten in Blues-Gefilde, Jazzrock, in Free Jazz und abstrakte Avantgarde, lassen die Zügel locker und die Energie wild sprießen, arbeiten solistisch und zusammen, fahren energische Unisonoläufe oder umspielen sich in emotionalen Skalenfahrten, gleichfalls solieren Gitarrist Ed Speight und Schlagzeuger John Webb sowie die einzige Umbesetzung des Ensembles zwischen den beiden Werken, die Keyboarder Geoff Castle, der energische Fusionrasanz auffährt wie er ebenso bluesige Linien oder freejazzige Radikalitäten intoniert, sowie Roger Dean auf "Midnight Blue", der virtuoser arbeitet, jazzintensiver und radikaler, aber nicht in so ausdauernden Improvisationen.
Nach den intensiven Soloparts fährt die Band wieder gemeinsam auf, konzentriert sich auf das komponierte Motiv, holt zu Gruppenimprovisationen aus, die enorme Virtuosität und Kraft inszenieren, bis sich ein neuer Solopart aus dem Ensemblespiel löst.
Beide Werke sind ähnlich angelegt, der Komponist ist als derselbe zu erkennen. Graham Collier hat seine Handschrift, die Jazz-Fusion und Avantgarde Jazz modern und zeitlos verknüpft, was bereits die Livealben "Workpoints" und "Hoarded Dreams" auf Cuneiform Records verrieten, die niemals auf LP verfügbar waren, ebenso wie die originalen LPs.
"New Conditions" ist für größeres Ensemble geschrieben, die Band zeigt sich deutlich vergrößert, Derek Wadsworth ist nicht mehr dabei, dafür Malcolm Griffith (pos), Alan Wakeman (ss), Henry Lowther (tr) und Pete Duncan (tr). Partiell gerät das große Ensemble mit den 5 Bläsern fast in Big Band Dichte, so voluminös fährt die Band in emotional hochgefahrenen, dramatischen Zentren auf. Mehr jedoch als die lauten Partien, die bisweilen in hektische Free Jazz Attacken ausarten können, zumeist aber im harmonischen, abstrakten Modern Jazz bleiben und avantgardistische Tiefe intonieren, sind die intensiven Soli und verinnerlichten Bandarrangements, in denen Lyrik und Harmonik als oberstes Prinzip stehen und die Band eine komplexe Intensität und melodische Weite erreicht, die einfach nur hinreißend ist.
Graham Collier war 1983 zum Bracknell Jazz Festival eingeladen worden, die Organisatoren gaben ihm "carte blanche", längst war Graham Collier, waren seine Ensembles als eines der ambitioniertesten Jazzprojekte erkannt, das nach Noten spielt. Die Genialität Colliers ist auf den drei Mittsiebziger Werken ebenfalls von enormer, zeitloser Qualität, instrumentale Ästhetik, melodische Abstraktion und harmonische Komplexität sind außerordentlich, das Ensemblespiel von einer Lebhaftigkeit und Spielfreude, wie sie nur bei ausgebildeten Musikern, die von genialer Hand geleitet und mit komplexer Musik geführt werden, entwickelt werden kann.
Nicht nur personell gibt es Überschneidungen mit der Canterbury-Szene, wie meinte ein Kritiker 1988: "Collier klingt, als würde eine Horde Prog Rocker Jazz spielen".

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VM





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