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Freakparade Festival am 26. und 27. September 2009 in der Aula der Franz-Oberthür-Berufsschule Würzburg
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Das Wochenende in der Therapiegruppe: infernale Kakophonie, oder: der Hörsinn und der Verlust seiner Unschuld, oder: Wenn sie schon immer wissen wollten, wie viel (a)tonalen Terror Sie im entspannten Sitzen ertragen können:
Dabei fing alles ganz harmlos an. Ich hatte, irgendwann irgendwie irgendwo irgendwelche Musik gehört und fand das aufregend. Thüringer Blasmusik? Franz Schubert? Dixieland Jazz? Das lief im Wohnzimmer meiner Eltern in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern. Peter und der Wolf hat mich begeistert. Der Karneval der Tiere. Antonio Vivaldi fand ich gut.
Und dann kamen da diese Typen, die Praktikanten meines Vaters. Die schliefen in seinem Arbeitszimmer und wir Kinder belauschten sie. Die hatten lange Haare und dicke Vollbärte, hörten ganz andere Musik. Die klang billig aus ihren Kassettenrekordern, aber was war das für ein Zeug!?! So etwas hatte ich nie zuvor gehört. Das dröhnte, kreischte und quietschte. Was war das? Auf die unendlichen Fragen gab es schließlich Antworten: elektrische Gitarren, Schlagzeug, Orgel! Und die Komponisten? Rockbands heißt das! Ja, und die Rockbands? Jimi Hendrix und Led Zeppelin. Der Rest war nicht zu verstehen. Einer hieß Petrus, ein dicker, zugewachsener Kerl. Der schrieb auf: Yes, Genesis, Gentle Giant. Die Letztgenannten gefielen mir am besten. Genesis waren langweilig, die rockten nicht (das kam erst viel später bei mir an). Aber Gentle Giant machten lustige Musik. Da purzelte alles durcheinander...
Und dann das. United Colours of Sodom. Die Hölle auf Erden. Infernalischer Lärm. Brachiales Getöse. Krieg auf Instrumenten. Von entspannten, konzentrierten Musikern, die nur das Beste wollten: gute Musik. Da waren vom Publikum Sensibilität und Toleranz gefragt. Und die Expertenversammlung im Auditorium trennte sich. Die Einen saßen vor der Band und hörten wie betäubt zu, den über 60 Minuten der ersten Komposition, deren Pulskraft weit aufgefächert, in deren Struktur viel zu erleben war, wenn man sich nicht vom erheblichen Dauerdruck erschlagen fühlte, der Lärmkaskade, die das komponierte Thema am Leben erhielt und den Spielball von Instrument zu Instrument reichte, der aufgeputschten Energiekonstante, die Aufmerksamkeit einforderten und, so man sich den Klängen gewillt hingab, mit wohl jenseitiger Harmonie und atonalen Herausforderungsklängen belohnten. Die Anderen saßen in der Sonne und genossen den Tag. Wer bis jetzt geglaubt hatte, Frank Zappa, King Crimson und Magma hätten in den Siebzigen die extremen Spitzen progressiv-avantgardistischer Musikkunst ausgereizt, der fand hier die Bestätigung, dass es extremer, harscher und lärmiger geht, und immer noch Kunst ist. Und selbst wenn diese Band dieses Publikum in Begeisterte, Überforderte und Entsetzte spaltet, wo, wenn nicht hier, sollte ihr Sound auf die Bühne gebracht werden?!? Welches Publikum sonst könnte derlei Musikkunst nur im Ansatz ertragen, nachvollziehen als Freakshow-Gebildete, die solchen Herausforderungen schon etliche Male begegnet sind und immer wieder Prog-Extreme vorgesetzt und etliche Deftigkeiten durchs be/entgeisterte Gehirn gewedelt bekommen haben? United Colours of Sodom gibt es nur wegen dieses Publikums, dieser Therapiegruppe.
Das Festival konnte man als persönlichen Test betrachten/verstehen/nehmen: wie weit bin ich bereit, mitzugehen? Welche Erfahrungen mache ich? Wie verändert sich mein Horizont? Was mag ich danach nicht mehr hören? Bin ich überhaupt noch ein Progressiver (Angst!)? Charlys unterschwelliges Bildungswochenende wird wohl zu dem einen oder anderen Gedanken geführt haben.
Charly Heidenreich, Deutschlands Prog-Avantgarde Chef und Extremsoundorganisator, Herzschrittmacher der Prog-Szene, Mädchen für Alles, Chaos-Bewältiger, Adrenalin-Junkie, Alles-im-Griff-Haber und An-alles-Denker, Alle-Fragen-Beantworter und selbst kleinste Wünsche noch Nebenbei-Erfüllender, für Jeden ein Wort-Habender und einen Jeden Beachtender, ohne den es in diesem Land keine Freakprog-Szene (nicht Prog-Szene) gäbe, sorgte für die Spitze des Möglichen und stellte den Besuchern eine Herausforderung nach der anderen vor die Nase bzw. Ohren. Hübschen Schönklang gab es nicht, jede Band da vorn auf der Bühne bürdete dem Publikum die Last der Extreme auf, bis auf Gentle Giant, äh, Three Friends vielleicht, die leichter nachzuvollziehen waren und auch nicht ohne sind. Immer wieder noch findet Charly heftigere, düsterere und schrägere Musik von Kapellen, die nur für ihn und uns aus dem Nichts entstehen, Bands, die niemand sonst veranstalten würde. Charly ist kein Masochist, er mag nur keine Kompromisse in der Musik, der musikalischen Qualität. Was geht, muss auf die Bühne, die leichteren Prog-Sachen finden anderswo Veranstalter und Auditorium. Er macht es für sich und uns - als Geschenk. Einfach Ticket kaufen, nach Würzburg reisen, hinsetzen und zuhören. Ganz einfach.
Wo nicht alles hatte das Freakshow Artrock Festival bereits stattgefunden: Immerhin, Café Cairo, AKW, Bockshorn - ich hab die anderen Orte vergessen. Jetzt war die nüchterne, aber große Aula der Franz-Oberthür-Berufsschule dran. Mit neuem Namen: Freakparade Festival (oder ist der Name nicht neu?). Nicht die Festival-Atmosphäre, die auf den verwandten Burg Herzberg und Zappanale zu finden ist, nicht dieses entspannt "peacige" Flair, eher das eines wissenschaftlichen Colloquiums, eines Sekten-Treffens - oder einer wochenendlichen Therapiegruppe. Die Grüppchen trafen sich und ich bin mir nicht sicher, ob die Konzerte oder die Diskussionen und Schnattereien das Wichtigere/Schönere waren. Was für ein Ding: alles verrückte Prog-Freaks auf einem Haufen, nur wegen dieser einen Sache da, wegen der man sich im ICE allein fühlt, oder in seiner Hochschule, in seinem Beruf, seiner Stadt. Hier waren sie, waren wir alle zusammen. War gut!
An der Decke des Raumes liefen hübsche dicke Belüftungsrohre entlang, die Wände formten die Aula zum Rechteck, der Soundmaster war begeistert und hatte zu tun. Der Klang wurde am zweiten Tag besser, bei United Colours of Sodom verließ jede Klangidee den Raum, aber das hatte was mit der verrückten Meute auf der Bühne zu tun...
Natürlich hatte Charly wieder sein CD-Angebot dabei, das die Progrock DT - Leute organisierten, ebenso wie den Bierausschank, den Einlass und das Tanzen, aber auch hier sprang der Chef immer wieder einmal in die Spur, leere Flaschen einsammelnd, Bier verkaufend, erklärend, was diese Band auf dieser CD für Sound treibt. Die Jugend mochte noch hüpfen zu den zünftigen Klängen, die Leute mit mehreren Wintern waren nur ganz Ohr.
Als aperitifes Schmankerl stellte Charly zuerst 3/4 der italienischen Jazzcore-Kapelle Squartet auf die Bühne. Vergnügt zupften sie ihre kurzen Songs mit Karacho derb ins noch frische Auditorium, ihre knochentrockene Rabiatgeschichte klang wie'73er King Crimson auf '09er Avantgarde. Kurzweiliger, guter, mit 45 Minuten auch kurzer Einstieg, der schon einmal die Harmonierichtungen aufmachte, die hier in Folge sprießen sollten.
Dann waren da die vier lebhaften Musiker des Harmonia Ensembles aus Italien, die Frank Zappa covern, mit Klassik mixen und einige nette Schrägheiten drauf haben. Auf der Zappanale hatte das Ensemble bereits gespielt und mitten im Set - einfach so - also nein - ihre Landsleute Area geehrt, indem sie eine ihrer Kompositionen aufführten, was zu einigen Blitzreaktionen geführt hatte - und das Quartett schließlich auf Charlys Bühne brachte. Elektrisches Piano, Klarinette, Bass und Schlagzeug entfachten diese übermütige Atmosphäre, dass das Publikum ganz hin und weg war. Wenn es auch nicht brutal laut rockte, so war die Komplexität und Innigkeit der Musik doch von ungemeiner Intensität. Die Dame am Piano, sie möge mir meine Unkenntnis ihres Namens verzeihen, zeigte eine Energie und Spielfreude, dass ihre Wirkung wie die ihrer Musik ganz außerordentlich war!
Während das Harmonia Ensemble Klassik, Jazz und Rock verspielt forsch verband und dabei viel Luft und Freiraum zum Ausfühlen ließ, pressten United Colours of Sodom, die ihren Namen nicht trefflicher hätten wählen können, den Raum samt Zuhörern zusammen, schmolzen die Luft der Aula ein und intonierten ein brachiales Set, das aus einem tobenden Erdbeben und einer im Vergleich dazu leicht zugänglichen Zugabe ("Mars") bestand. Der Mann an den zwei Plattenspielern begann die Orgie mit Rausch-, Quietsch- und Kreischtönen, in das die Band nach ausführlicher Zeit einstieg. Einstieg? Wie ein Gewitter hereinbrach. Und dann war nichts mehr wie vorher. Free Jazz und Metal Core gaben sich die Progressive Rock Dröhnung. Ausgiebig growlten zwei Sänger zum kakophonischen Amplitudenoverkill des Extremlautensembles. Ehrlich gesagt habe ich, schön, dass er da war, den Vibraphonisten nur spielen gesehen, das Instrument war nicht - oder kaum nur - zu hören, ebenso wie die Geige. Vielfaches Blechgebläse, Mordsmetalgitarre, zwei Schlagzeuge, die Growl- und schließlich Hardcore-Schreisänger sowie die Schallplatten-Noise-Abteilung machten den Erlebnisklangraum, das Hörgefühl gar und ganz voll - und forderten überdimensionale Leidenschaft und Sensibilität ein, die sie mit Pauken und Trompeten in höchste Pein trieben. War das gut? Ja, verdammt (mit Verlaub!). Schrecklich gut. Entsetzlich gut. Furchtbar gut. Das ist die Band, vor deren Zugabe jedes Publikum Angst hat. Und die es doch gab. Viel milder. Kürzer. Eingängiger. Leiser. Harmonischer. Und immer noch Schmerzen verursachend. Viele im Publikum wären mit viel weniger zufrieden gewesen, aber das wäre keine Herausforderung gewesen. Charly hat mal wieder für das Check-Up der Obergrenze gesorgt. Mehr geht vermutlich schon deswegen beinahe nicht, weil die Band den Tonraum so ausnahmslos ausgefüllt hat, dass mehr nur noch Brei sein kann
- und als entsetzlichen Lärmbrei empfanden schon etliche Festivalbesucher diesen Proghorrortrip. "Die sind doch bekloppt!" hörte ich eine weniger belustigte Dame sagen. Einige Zuschauer jedoch lächelten selig, als sie in die Pause auf den Hof gingen, sich die hellen Sonnenstrahlen um die Nase kitzeln ließen und das eine oder andere Bier in die Blutbahn andykippten.
Das Leben ging weiter und Three Friends betraten nach langer Umbaupause die Bühne. Gentle Giant ist meine Progressive Rock Basis, mein ganz persönliches Fundament. Die Studioalben bis "Interview", zuerst "Octopus" und "In A Glass House" sind meine absoluten Favoriten, was Rockmusik überhaupt betrifft. Three Friends waren da nur eine Coverband. Erst etwas lahm, wurden sie viel besser, spielten sich warm und entwickelten Spielfreude und begeisterten mich zum Schluss, aber Gentle Giant war das nicht. Der Sänger hatte nicht meine Sympathie, der Schlagzeuger (sorry) auch nicht, Kerry Minnear überließ dem zweiten Keyboarder die Vorderhand, zuerst war ich erschreckt über den schweren Anlauf. Dann konnte ich das Set durchaus genießen, ohne weggeblasen zu sein. War gut, aber nichts im Vergleich zum Original, wie sollte das auch gehen. Und natürlich war es trotz allem ein Traum, endlich und doch noch erlöster Wunschtraum, diese Band dieses Set spielen zu sehen und hören. Gentle Giant live auf der Bühne und Jeder, der wollte, konnte dabei sein. Tatsächlich füllte sich der Saal enorm, als die Band auftrat. Und das Publikum war begeistert und hier und da lief gewiss über so manches hammerharte Rockergesicht eine verstohlene Träne, die "das ich das noch erleben durfte" runter schniefte.
Danach war der erste Festivaltag konzerttechnisch am Ende. Das Publikum zerstreute sich und ein Teil traf sich im Immerhin wieder, die Nacht zum Tag zu machen, Bier und Prog-Konserve zu genießen, zu schwelgen und schwatzen. Charly wo? Als Bierverkäufer am Tresen! Dave Kerman war da, und Gary Green, beide ansprechbar und auskunftsfreudig. Mit weniger Bier und besserem Gedächtnis hätte durchaus ein flottes Interview für die Nachwelt draus werden können, so gut und locker waren beide Musiker drauf. Soviel ist geblieben: Dave Kerman (the p*-Word-Man, "progressiv" zu sagen ist unerwünscht, Flocke) wohnt in Denver, macht ReR USA und spielt nach wie vor in Present, ist in Kontakt zu Ahvak in Israel, die was am Laufen haben, da kommt was (ob mit oder ohne ihn), Thinking Plague stecken (samt ihm) in der Materialeinspielung und deutsches Bier schmeckt gut. Gary Green ist von der Wiederbelebung der Musik Gentle Giants begeistert und von der Qualität der engagierten Musiker, der Band. Die Shulman Brothers wissen von der neuen Band, zeigen aber kein weiteres Interesse, umso mehr Kerry Minnear, der mit Green gar an neuem Material arbeitet, lass' Dich überraschen, meinte Gary. Die Energie ist heute eine andere, wie die Band eine andere ist. Sie haben heute zu tun, sich das komplexe Material wieder aufzutun, die Finger sind nicht mehr so geschmeidig, aber im Laufe der Proben wurde und wird es besser. Die Show heute Abend hatte ihm außerordentlich gefallen und der Zuspruch des enthusiasmierten Publikums hatte ihn aufgedreht, dass jeder folgende Song leichter zu spielen und virtuoser wurde, was Kerry Minnear ebenso empfand. Und sicher, heute ist die Band kein Haufen von Kumpels, die zusammen nach Shows abhängen, sondern die Zusammenarbeit (sehr) erwachsener Männer, die ihre Arbeit vereint. Die Ausgelassenheit und Friedlichkeit der Nacht im Immerhin begeisterte ihn ebenso wie die aufgedrehte, erregte Atmosphäre vor dem Publikum und in der Menge.
Babelfish Hostel am Haugerring, 1 0-Personen-Schlafzimmer. 9 Progheads, eine junge Japanerin, die sich weder von der Schnarchorgie der Gruppe Um-die-40-Jähriger (eher darüber) noch vom dröhnenden Busverkehr vorm Fenster beirren ließ. Dusche, Sonne, Frühstück, flanieren, Eis essen. Geht wieder.
Überhaupt war am letzten Septemberwochenende sommerlich warmes Wetter nach Würzburg gereist, die Straßen waren voll, die Cafes auch und wo was Historisches zu sehen war, stapelten sich Fotografen und andere Rumsteher und Hingucker. Der Wahlsonntag bescherte in der Franz-Oberthür-Berufsschule (die paar Kilometer den Berg hoch gelaufen, inklusive Prog-Schwatzen) dem Wahlvolk die komische Ansammlung von seltsamen Grüppchen, die ihren Parkplatz füllten. Was waren das für Typen!?! Langhaarige, T-Shirts mit komischem Zeug drauf, Bier Trinkende. Satanisten? Rocker? Sektenangehörige?
Auch wenn's schwer fällt, wähle Panzerballett. Sie eröffneten vor einem erst noch wie betäubt müden Publikum, selbst erst etwas ungelenk, aber schnell gut und sehr gut werdend. Jan Zehrfeld hatte weniger Sprüche drauf, schade eigentlich, aber gute Musik mitgebracht. Klar doch. Rockte und rollte saftig und heftig von der Bühne, dass die Sinne erwachten. Panzerballett spielten auch Songs vom neuen Album, nur Conny Kreitmeier fehlte, ihre Stimme ist der Bringer! Doch wer war der Mann an der Gitarre, der Jan Zehrfeld in der Zugabe ablöste? Der Mann mit den Plastiklanghaaren verschwand und ein junger Bengel stand an der Gitarre, den ich nie zuvor gesehen hatte! So heftig und abgefahren der himmlisch vertrackte Sound der Münchner Jazzmetal-Kapelle auch ist, nach United Colours of Sodom am Vortag und der Erwartung der zwei weiteren Extrembands im Anschluss konnte der Konzerteindruck keinen Freak platt machen - das Publikum erfreute sich der metallischen Jazzeskapaden und dachte dankbar daran zurück, dass die böse Franzosenmeute schon gestern dran gewesen war. Der Opener hat es immer etwas schwer, schon die fette Applausdimension einzufahren, wenn neugierig Erwartetes folgt. Dennoch jubelte die Menge schon hier tüchtig, mich selbst holte die letzte Nacht gerade ein, ich kämpfte gegen den Schlafgott, der mich tief runter zog.
Charly in Action. Die Japaner Koenjihyakkei, die im Anschluss spielen sollten, hatten ihren Zug kaputt gemacht, mussten aus Mannheim abgeholt werden. Also spielten zuerst Present, die nachher dran sein sollten. Umbaupause. Roger Trigaux wirkt zerbrechlich wie chinesisches Porzellan, doch wenn er in der Mitte der Bühne sitzt und den Dirigenten gibt, sitzt jede Armbewegung wie perfekt handgefertigte, gut eingelaufene italienische Lederschuhe. Der Mann hat seine Musik und seine Band im Griff und kennt jede Note seiner dramatischen Epen. 5 Songs (oder 6?), 90 Minuten (oder mehr?) - zum Schluss steigerte sich das ungestüme, schwer düstere Gebräu zur zweiten infernalen Kakophonie des Festivals. Es schien, als bebe der Raum, als gäbe es nichts weiter als nur diesen ihren Sound und die mit ihren Instrumenten verwachsenen Musiker, die, hingegossene Gefangene ihrer eigenen Musik, zuletzt verkrümmt starr im verklingenden Raum standen. Dave Kerman zeigt seine Hingabe am offensichtlichsten, wenn er mit den Becken vom Schlagzeug wegrennt und wie ein Irrer darauf rum schlägt, aber alle, alle zeigten sich eins mit und in ihrem Spiel. Muss aufregend sein, diese irren Songs drauf zu haben und in der Band so ungemein intensiv gemeinsam zu intonieren. Charly meinte zwar später, Koenjihyakkei seien überirdisch, als sie ihre lautmalerischen Gesangsorgien mit welchem Ordnungssystem auch immer von der Bühne schmetterten. Ganz persönlich für mich jedoch waren Present - wieder einmal - die nicht zu überbietende Krönung.
Ja, aber das war's noch nicht. Die überirdischen Japaner, klein und zart, schließlich angekommen, liefen schon während Present hinter Charly her und dann waren sie selbst auf der großen Bühne, die übrigens, noch gar nicht erwähnt, stets hinreißend ausgeleuchtet war und, je später der Abend und je weniger das einfallende Tageslicht, die Bands sehr ansprechend einrahmte.
Yoshida Tatsuya spielte erst, schien's, etwas zurückgenommen, bis die Bretterei nicht mehr zu halten war. Nach welchem Schema zählen sie die Takte, die lautmalerischen Gesänge, woher weiß das zarte Mädchen mit der enormen Stimme da vom, wann die Aah's und wann die Iih's kommen? Keine Ahnung, sitzt alles auf dem Punkt. Doch welche Songs sie da spielten, von welchem Album, wie viele? Die drei Fragezeichen! Nach irgendwie 60 Minuten war es dann vorbei. Der Applaus verklang nach dem gefühlten: 'was, jetzt schon vorbei?' schließlich, das Licht ging an. Die Horden umringten noch einmal den CD-Stand, es gab 7, in Worten "sieben", Tonträger von Koenjihyakkei, aber nur kurz. Umarmungen, Verabschiedungen, Abfahrt.
Einige blieben, den Saal wieder herzurichten. Stühle raus, Tische rein, alles abbauen, ordnen, sortieren, stapeln und verschließen. Der Rausch blieb noch eine Weile, ganz besonders bei Charly, der noch für Stunden auf Adrenalin war und alles managte, als sei er, das Stehaufmännchen, eine geübte Großfabrikbelegschaft. Im 10-Personen-Schlafzimmer zwei Mädchen aus Nordkalifornien, die nur wegen Zappanale, Rio-Festival in Südfrankreich und Freakparade ins alte Europa gereist waren, eine davon hatte schon kein Geld mehr gehabt und der Freakparade fern bleiben müssen, die zweite zeigte sich dem wildesten Sound herzlich geneigt, j e schlimmer und brachialer, desto besser, so meinte sie, die wahrscheinliche Erfinderin der Idee des United Colours of Sodom. Ein paar Japaner, ein Norweger, Jan ("Yankee") aus Holland und zwei verbliebene Nordgermanen, Schnarchen, dröhnende Montagmorgenbusladungen, 780 Kilometer Heimfahrt, Akku wieder voll.
War gut. Komm wieder.
RATTIMS FRIEZZ RATTIMS FRIEZZ
Fillidan Pamuccallom Fillidan Pamuccallom / Zigizzi Zyagiga Zyagiga Zigizzi Zyagiga Zyagiga Zigizzi / Zyagiga Zyagiga Zyah! Wie hätte man am Sonntag, den 27. September 2009, Angie & Guido, die auf allen Kanälen feixten, schöner übertönen können als mit KOENJIHYAKKEIs Walkürenritt ins Freakparadies? Selbst die reifsten Paradieswärts-Wallfahrer hatten sowas noch selten erlebt. Aber der Reihe nach.
Auch schon am Samstag hatten Freakburgomeister Charly Heidenreich und die wackeren Mannen von Progrock-Dt geladen zum FREAKPARADE FESTIVAL 2009, diesmal, notgedrungen, in die Franz-Oberthür-Schule im Würzburger Frauenland. Und wieder hatten sich Freak-, Art- und Avantrock-Anhänger selbst aus Moskau, Tschechien oder Stralsund für dieses Wochenende nichts anderes vorgenommen, als unter Freud- und Leidensgenossen ihrem Laster zu frönen. Sogar eine Reihe derer, die nur eine Woche zuvor zum RIO Festival nach Le Garric (Carmaux) gepilgert waren, wollten sich hier einen Nachschlag holen.
Das italienische Trio SQUARTET macht den Auftakt mit Jazzcore der unverbissenen Sorte. Der genial-schlampige Gitarrist Manlio Maresca, Bassmann Fabiano Marcucci und Teufelsdrummer Marco di Gasparro geben eine Kostprobe ihrer spritzigen Spielweise, die leider nicht so direkt wirkt wie gewohnt. In intimerem Rahmen genügt es, sie mit „Ratzinger!“-Rufen zu reizen, schon springen sie einem mit dem Arsch ins Gesicht. Manches Stück, obwohl alle schnell und hell, einschließlich einer Hochgeschwindigkeitsversion von ‚Night in Tunesia’, endet verblüffend abrupt mit einem „Thank You“ des Sitzgitarristen, der bei seinen vertrackten Skalensprüngen die Augen beängstigend verdreht, offenbar um die Noten von der Schädeldecke abzulesen. Zweierlei wurde da schon deutlich, das sich dann als roter Faden durchzog diese Freakparade würde es einem wieder mal nicht bequem machen. Und der Sound in der Aula stellte die Soundmacher vor Schwierigkeiten, für die sie nicht immer Lösungen fanden.
Auch der zweite Act kam aus Italien. Das HARMONIA ENSEMBLE, seit 1991 aktiv mit einem Repertoire aus Minimalismus und Klassik=Pop, aus Nino Rota, Morricone, Gavin Bryars und Busoni etc., deckte mit seinem Chamber Rock ungefähr das Spektrum ab, mit dem bei der Freak Parade 2008 Aranis zum Schwanzwedeln eingeladen hatte. Allessandra Garosi an Keyboards, Damiano Puliti am Cello, Paolo Corsi an den Drums und der künstlerbemähnte Orio Odori an der Klarinette spielen hier jedoch überwiegend Frank Zappa ‚Hungry Freaks Daddy’, ‚Peaches en Regalia’, ‚Son of Mr. Green Genes’, King Kong’, ‚Lumpy Gravy’ - , dazu eine vom Apostel der Über-Franken inspirierte Eigenkomposition, Strawinskis ‚Pulcinella’, das mir pastorale Bilder aus Disneys Fantasia vorgaukelte, und ein Potpourri von Area. Nichts davon als verkniffene Kopie, sondern umarrangiert zu Kammermusik, die einem kess zublinzelt: Ach, was sind wir doch verrockt. Bis hin zu einem furiosen Drumsolofeuerwerk. Garosi glänzte mit Hindemithscher Seehundtechnik und drohte mit dem Temperament eines Clowns auf der Kinderkrebsstation aus ihrem kurzen Kleid zu fahren. Der entsprechend animierte Beifall führte zu einer Zugabenorgie, collagiert aus Radetzkymarsch, Walzer und allerhand Erkennen-Sie die-Melodie-Ohrenzupfern. Putzig.
Nach solch süßen Pfirsichen folgt mit krassem Szenewechsel Saures aus der Ile-de-France. UNITED COLORS OF SODOM, ein trefflich getaufter Polyzephalus mit drei Mann von Kolkhöze Printanium, ist bestückt mit Feuerio-Gebläse, zwei Trommlern, Gitarre, Bass, aber auch so Feinem wie Geige, Vibes und Akkordeon. Nach der Maxime Total! Maximal! Brutal! intonieren sie lange Suiten aus Metal und Freejazz, Turntablenoise und Hardcorevocals, Headbangerriffs und Horrorfilmstimmung. Ich kann mir nicht helfen, ich mag Krach und Kakophonie, ich mag Musik, die selbstgefälligen Prog-Muff mit Stalinorgeln austreibt. Der Sound war zwar von Humpf & Dumpf, einer der synchronen Drummer überflüssig, das DJ-Intro zu lang, die Metalschläge so halbstark wie die Teufelszeichen des finster blickenden Gitarristen. Speziell der Grunzgesang von DJ Sebastien Lemonon und die Vocals des Hornisten Médéric Collignon, angelehnt an Mike Patton oder Jens Kidman von Meshuggah, klingen in Progland barbarisch. Man muss sich wohl die Fantomas-Melvins Bigband oder auch Kevin Martins GOD als Anreger der verbotenen Sodomiten vorstellen. Als der Komponist & Arrangeur von E- zu Kontrabass wechselt, lichtet sich die Finsternis, wenn auch nur zwielichtig. Die Zugabe, obwohl erhabene ‚Mars‘-Martialik nach Gustav Holst, ist fast schon wieder nachkriegsgeordnet. Die Sodoms hämmern und schweißen jedenfalls an den richtigen Nähten, noch unvollkommen, aber vielversprechend.
Danach strapazieren THREE FRIENDS (play Gentle Giant) die Geduld mit stundenlangem Soundcheck. Alle werden vor die Tür komplimentiert, um dann damit belohnt zu werden, wie Kerry Minnear, Gary Green und Malcolm Mortimore, Keyboarder, Gitarrist und Drummer der originalen Sanften Riesen, als neues Retro-Septett alte Giant-Songs als Wucht aus der Dose auftischen. Ich, Giant-unbeleckt, konnte mir nur verwundert Augen und Ohren reiben. So ein Aufstand wegen so relativ banalem adult oriented Rock? Nur eine kleine Minderheit entblödete sich nicht, den harmlosen Schmarrn mit Standing Ovations zu rechtfertigen. Nichts gegen Nostalgie, aber wer alles beklatscht, macht Beifall beliebig. Seltene Lichtblicke waren ein elegischer Song, den Minnear sang, und ein virtuos vertrillertes Keyboard-Gitarren-Intro.
Beim Après-Rock im IMMERHIN, der intimen Kultstätte Würzburger Freakerei, wird nachgekartet: Freak? Oder ‚Freund’? Von Magma und Area beschallt, fließen Gerstensaft und White Russian in Strömen. Dave Kerman fand Three Friends Klasse. Aber Neogrindcore sei noch toller. Na ja, lange Haare, kurze Hose.
Der Sonntag beginnt frühzeitig mit PANZERBALLETT. Von manchen immer wieder gern gehört, für mich Gelegenheit, mir während die Münchner Zappa kafferten oder zum ‚Abkrassen’ aufriefen - am Plattenstand erklären zu lassen, dass es von Gentle Giant wirklich gute Sachen gibt ‚Design’ auf Interview, oder die Octopus für die einsame Insel.
Doch dann weil Koenjihyakkei den Zug verpassten PRESENT. Die Belgier mit Übertrommler Dave Kerman sind Garanten für Rites de passage ins Erhabene. Ich versuche ja immer, meine Erwartungen zu dämpfen, um nicht enttäuscht zu sein, wenn es dann ‚nur gut’ wird. Wie hätte ich denn ahnen sollen, dass Roger & Réginald Trigaux an Keyboard & Gitarren, Kerman, Pierre Desassis am Saxophon, Pierre Chevalier an den Keyboards, Keith Macksoud am Bass und Matthieu Safatly am Cello mit ihrer finsteren, aber glorreichen Marsch-, Trauer- und Festmusik für hinkende, zuckende, gepeinigte Antihelden einen derart in die Auferstehung jagen würden? Trigaux sen., zerbrechlich wie Ramses nach der Auferstehung, gibt mit dunkler Stimme den Anstoß zum dystopischen ‚Delusion’. Nach dem mörderischen ‚Jack the Ripper’ verkörpert er im wörtlichen Sinn ‚Vertige’. Auf einem Stuhl mitten in der Band dirigiert er wie ein ausgemergelter Prophet den Widerhall seiner Visionen. Auf ‚Dr. Petiot’ folgt schließlich Presents Meisterstück, die ‚Promenade au fond d’un Canal’, die nach Mordor führt, mitten ins Herz der Finsternis, um dort zuletzt sich selbst zu verbrennen wie Ellen Ripley. Das Finale ist ein Ragnarök aus Feedbacknoise! Der Cellobogen fräst fast ohne Haare, Kerman geiselt seine Cymbals mit ‘ner Kette, Gitarre und Bass schrillen infernalisch. Man möchte sich die Ohren zuhalten und braucht doch beide Hände für die Zustimmung zu diesem Fegefeuer. Die Goldenen Kälber eingeschmolzen. Offener Horizont. Ohne Mumpitz, Wenn und Aber. Das Weltgericht argumentiert nicht.
Draußen strahlen die Sonne, die Wahlsieger und wir. Doch nur wir haben auch guten Grund. Aber was kann jetzt noch kommen? 5 Japaner. Und KOENJIHYAKKEI braucht tatsächlich nur einen Song, um uns gleichzeitig zu plätten und aus den Sitzen zu reißen!!! Trommler Tatsuya Yoshida, trotz all seiner Referenzen mit Acid Mothers Gong, Daimonjii, dem Satoko Fujii Quartet, Korekyojinn, Painkiller, Ruins und Zubi Zuva, agiert ebenerdig als Primus inter pares. Links der junge Klimperdämon Yabuki Takashi, rechts der rundliche Zeuhlbassblubberer Sakamoto Kengo, dazwischen die proppere Sopranosaxophonistin Komori Keiko als Windsbraut im Sommerkleid, und am Mikrophon ja wer, ja was? Ah, ein Strandfeger mit roten Haaren in Bluejeansshorts, eine Sopranistin, die die Parole gleich auch vormacht: KICK OUT THE JAMS!!! Keine CD, kein Video bereitet auf das Temperament vor, mit der dieses Quintett Magma mit den Swingle Singers aufmischt. Ah kräht und gospelt überkandidelte Orff-Carmina, immer wieder auch unisono mit Yoshida. Woher nimmt diese Kröte ihre gewaltige Stimme? Zum Juhu-Schreien euphorisierend und bizarr ist das, und doch kein Klamauk. Yoshida trommelt, scheinbar völlig mühelos, halsbrecherisch treppauf-treppab rasende Rhythmen. Geste und Ton sind eins. Ah jubiliert dazu, von Komori angestachelt, kobaianisch-dadaistische Kapriolen. All das so spielerisch, als ob die Musik einfach im Cyberspace gedankenschnell manifest würde. All das so poppig, so begeisternd, dass schon nach 3 Songs der halbe Saal Kopf steht und der Bassist uns bremsen muss We have more songs. Tatsächlich gibt es in den wie von Escher für Tom und Jerry entworfenen Treppenfluchten auch lyrische Momente wie bei ‚Angherr Shisspa’ oder große Oper wie ‚Wammilicia Iffirom’ und neben Bekanntem auch den ‚New Song # 1’ & ‚# 2’. Besonders schön ist ‚Fettim Paillu’, das als Kunstlied nur mit getragenen Keyboards beginnt, die Yabuki ansonsten aber wie manisch traktiert. Die ausnahmslos wie vom Affengott gebissenen Songs peitschen einen, bis man glückselig levitiert.
KOENJIHYAKKEI, ein Himmelsgeschenk! Ich verneige mich, staunend, glühend. Daneben, Angie & Guido, seid ihr ein Fliegendreck.
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