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KOBAIA IS DE HUNDIN
A Weekend of Some Expected
and Some UNEXPECTed Progressiveness
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FREAKPARADE FESTIVAL 2008
Auf nach ‚Charlytown' hieß es am 1. & 2. Nov. 2008, und viele kamen
nach Würzburg ins Bockshorn, um am, diesmal wieder von Freakshow und
ProgParade gemeinsam getragenen, Parteitag der MAGMA-ianer
teilzunehmen. Aber der Reihe nach.
Den Auftakt machten die von der leichten Muse geküssten ART ZENTRAL,
ein Jazztett mit dem einnehmenden Goldkehlchen Peggy Herzog, die ihren
Jazzgesang an der Musikhochschule Würzburg studiert hat. Die
alkoholfreie Cocktailstunde voller Gitarrenarpeggios und geschmeidiger
Sax- + Flötentönen zog sich, von Peggyfans animiert, gefühlte 2 1/2
Stunden lang dahin. PROG-Faktor Nullkommafünf.
Das änderte sich mit ARANIS aus Belgien, die auch ganz besondere Saiten
aufzogen mit einer Frauenquote von 50% (obwohl ihre Flötistin zuhause
geblieben war). Mit Gitarre, Viola, Geige und dem Kontrabass des
Bandkomponisten Joris Vanvinckenroye zelebrierten vier
Saiteninstrumente Chamber Rock im Stil von Univers Zero, Penguin Cafe
Orchestra, mit Astor Piazzolla-Einschlag. Dafür sorgte die 6 Fuß große
Blondine Marjolein Cools, die mit Kniebundhose und einem Blick wie
Laura Dern Akkordeon spielte (wenn auch keinen Tango), sitzend vor
Axelle Kennes am Grand Piano, die mit ihrem gegitterten Rückendekolleté
nicht nur klanglich Wohlgefallen erregte, das sie mit Ansagen in
charmantem ‚Un-Deutsch' noch steigern konnte. Eine attraktive Lightshow
unterstützte den suggestiven Charakter dieser minimalistisch
gemusterten Musik im belgischen Stil, wie ihn auch ihre Landsleute von
Die Anarchistische Abendunterhaltung pflegen. Ein Perpetuum mobile aus
Repetition und Variation in zahnradpräziser Motorik, gut geölt von den
Streichern und wundersam durchpulst von Akkordeon oder
Kontrabasspizzikati (obwohl der Bass sich oft auch den Streichern
anschließt), setzte sich in immer neuen Patterns in Gang, Muster, die
sich ihrer Abkunft von Glass - der in ‚Looking Glass' sich spiegelte -,
Nyman oder Bryars nicht zu schämen brauchen. Keine Spur von laschem
Kaffeekränzchen, dazu wurde zu energisch in die Tasten gehämmert, zu
furios gegeigt, wenn auch immer wieder gespickt mit Melodienseligkeit
wie beim großartigen ‚Moja' oder wie im Mittelteil des einfalls- und
kontrastreichen ‚Turbulence', wo sie der Motorik Paroli bietet, um sich
letztlich mit ihr zu verbünden. Wenn ich nur an die angeschrägten
Bassfiguren von ‚Troc' denke, könnte ich ins Schwärmen kommen.
Nach diesem Lichtblick mit PORG-Faktor 7 brachte einen die bodenlose
Banalität von THIEVES' KITCHEN unschön in die Realität zurück. Dabei
wirft diese Rumpeltruppe aus Oxford mit Amy Darby, einer üppigen
Rothaarigen in Highheels und mit Gothicflair, ebenfalls eine Sendbotin
des Ewig Weiblichen, das uns hinan zieht, in die Waagschale, die
freilich andererseits unter der Last eines plumpen Bassisten mit
blaulichtverziertem Instrument, einer Karikatur von
Schweinerockgitarrero, eines traditionsverstaubten Orglers und des
Leaders selbst mit seiner überdimensionierten Schießbude ächzt. Wenn
ich lästern wollte, würde ich dem den PROG-Faktor 8 nachsagen. Aber
PROG soll unter uns ein auratisches 4-Letter-Word bleiben, und kein
Synonym für scheuklappige Nostalgie oder dumpfbackige Kopien von
Gemüffel aus genau jenen Jahren, die eigentlich den Muff von 1000
Jahren wegfegen wollten.
Das Freak-typische Laissez-faire hatte inzwischen den Uhrzeiger auf
jenseits 22 Uhr vorrücken lassen. Man hatte sich die Beine in den Bauch
gestanden oder den Arsch platt gesessen, das Bier war schon das dritte
Mal ausgegangen, als endlich der imaginäre Vorhang aufging für den
Grund, aus dem die meisten sich hier versammelt hatten - MAGMA. Die
Kultformation aus Paris präsentierte sich im 39. Lebensjahr mit Bruno
Ruder als neuem Keyboarder, Benoit Alziary an Vibraphon plus Keyboards
und mit Hervé Aknin & Isabelle Feullebois als neuen Stimmen neben der
ewig jungen Stella Vander. Dahinter drohnte, flankiert von James Mac
Gaw an der Gitarre und Philippe Bussonnet am Zeuhl-Bass und
luftgekühlt von einem großen Ventilator, an der Batterie ein pelziger
Golem - Christian Vander, Kopf, Herz und Motor des Ganzen. Mit einem
Schrei des befrackten Sängers stürzte sich MAGMA in ‚Köhntarkösz', ein
poetisches Kernstück des Kobaia-Mythos von 1974. In den Gesangsteilen
anfangs noch nicht zwingend, aber bei der ersten Instrumantalpassage
dann schon mit Warpantrieb, mit einem Dauerbombardement des Basses und
einem vor Dynamik fast aus den Nähten platzenden Vander. Der
konzentriert seine ganze Energie in die Spitzen seiner Schlagstöcke,
die als Blitze und Peitschenhiebe in die vier frontalen und zwei
seitlichen Cymbals einschlagen, in einem verblüffenden Wechsel von
kraftvoll und zart. Diese geballte und gebändigte Energie des
60-Jährigen ist mehr denn je ein Stupor Mundi. Wie er die Musik
vorantreibt und damit auch die wogende Masse von MAGMA-Kultlern, viele
durch die MAGMA-Kralle als Jünger & Adepten ausgewiesen, das mag in der
kollektiven Euphorie einer Mischung aus Shaker-Gottesdienst und
Himmelreichsparteitag ähneln, nur völlig gewendet ins Irdische und
Unschuldige. Die ‚Höhere Macht' über oder hinter dieser
Levitationsmusik ist dabei die, der schon John Coltrane als Prophet
diente, der Strawinski opferte und für die Orff seine Carmina
anstimmte. Nach 35 Min. endet der erste Rausch, dem nun mit
‚Emehnteht-Re' eine ausgedehnte Suite folgt, die sich zusammensetzt aus
‚Rind-e' und weiteren Fragmenten aus Attahk (1977). Einer der
Höhepunkte ist hier ‚Hhaï', gesungen von Vander selbst, der dabei an
den Drums steht und seinen deklamatorischen Vortrag mit perkussiven
Schlägen unterstreicht (Mika Rättö von Circle müsste allein deswegen
schon ‚Papa' zu Vander sagen). Die Gesänge an sich, abwechselnd
solistisch und dreistimmig und mit Tambourin oder Gongs akzentuiert,
sind nun meist lyrisch, statt stakkatohaft-agitatorisch, und ähneln an
einer besonders schönen Stelle der schwebenden Vokalisation von
Debussys Sirenen. Ein Neuankömmling mag manches an dieser Theatralik
verwechseln mit einem in jeder Hinsicht pathetischen Beitrag, etwa von
Malta, für den European Song Contest, auch würde Aknin stellenweise
keine schlechte Figur in Sanremo machen. Aber das Unvergleichliche von
MAGMA, die Manier, wie Vander im Verbund mit der monströs starken
Basslinie, dem Feuer der Gitarre und dem Gehämmer der Keyboards ständig
den Groove schürt und dämpft, seine Tour de forme mit einer Technik und
Hingabe, die er mit keinem anderen Schlagzeuger teilt, das kann einen
unversehens auf die Seite der Infizierten reißen. Das Vibraphon ist in
diesem Kontext - vom miesen Sound, der durchwegs den Hörgenuss
erschwerte, mal abgesehen - keine Absurdität, vielmehr ein Indiz dafür,
dass Vanders Klangvision nicht auf Bombast abzielt, sondern auf einen
molekularen, federnden, brodelnden Zauber, auf ein Sursum Corda ins
Sublime. Das deutsche ‚erhaben' hört sich dafür fast schon zu plump an.
Als Zugaben singt er, nach der Strapaze dieser Klangorgie auf wackligen
Beinen und anders als bei früheren A-capella-Versionen von der ganzen
Band begleitet, sein typisches ‚Jiddisch Liedele' und noch ein zweites
dazu. Beschwörend knetet er die Luft, selbst seine Quasimodo-Mimik wird
lautmalerisch. Wer hier nicht gerührt ist, dem fehlt eine wertvolle
Gemütsfaser. Aufgeklärte Zyniker und Euphoriescheue mögen sich mit
Grausen wenden. Aber Hunderte Augenpaare leuchteten so, dass man weit
nach Mitternacht bei Stromausfall hätte lesen können, was die Stunde
geschlagen hat - magische M-A-G-M-A-Zeit. PROG-Faktor? Unermesslich,
denn MAGMA sind der Maßstab.
Sonntag. Zum Auftakt ONE SHOT, Magma-Ableger in Gestalt des Bassisten
Bussonnet und des Gitarristen Mac Gaw, dazu der frühere
Magma-Keyboarder Emmanuel Borghi und am Schlagzeug Daniel Jeand'heu,
dem ich einen Vergleich mit Vander nicht zumuten will. Das Quartett
spielte schon zum zweiten Mal in Würzburg seinen dynamischen Rockjazz,
natürlich mit Zeuhlbassturbo und dominanter, mir zu dominanter
Keyboardhyperaktivität. Mac Gaw war kaum zu hören und selbst bei den
Soli relativ zu leise abgemischt. Dennoch bot das Quartett tadellosen
Headbangerstoff zum Abrocken (wie die Fachleute das wohl nennen). Gar
nicht Magma'esk, eher angelehnt an fetzigen Stoff von Mahavishnu oder
King Crimson, ohne deren spezifisches Surplus. Technisch versiert, im
engagierten Vortrag von Borghi und im unterkühlten von Mac Gaw ohne
kultige Ambitionen, ergab sich der PROG-Faktor 6, wegen Verstoß gegen
die Frauenquote letztlich nur 5.
Danach, ebenfalls als Wiederholungstäter, SEBKHA-CHOTT. Ultralautes und
gewohnt penetrantes Musiktheater Klamauk von kleinen Franzosen, die
sich als Pirat oder Offizier verkleidet haben, wobei eine mit Penissen
gehörnte ‚Schlagzeuger-in' den Vogel abschießt. Das ist offenbar etwas
für Zappa'esk gestählte Männer, die keinen Sch(m)erz kennen. Ich
meinesteils liebe die Französchen, wie Küchenschaben den Kammerjäger
lieben. PROG-Faktor: Unter jeder Sau.
Zum Ausklang dann die Deutschlandpremiere von UNEXPECT aus Montreal. Im
Kontrast zum Pathos ihres Konzeptalbums In a Flesh Aquarium entpuppt
sich das bis in die letzte Haarspitze auf Metal gestylte Septett als
virtuose und äußerst launige Adams Family. Die Sängerin Leïlindel
geriert sich als Fee Morgana, als zuckende Verführerin zu einem
Hexensabbat, der Speed Metal mit rasendem Doublebassdrum-Geboller und
wild geschüttelten Mähnen diabolisch durchkreuzt mit einem Anything
Goes, das neben ständigen Rhythmus- und Tempowechseln ungeniert auch
Zeug einstreut, das so gar nicht in die Metal-Welt gehört,
Balkan-Beats, Irish Jig, Marsch- und Jazzfetzen. Das Chaos dieser
Schwarzen Metal-Schafe wird organisiert vom Langhaargitarristen Syriak,
dem Kurzhaargitarristen Artagoth und ChaotH an einem abartigen 9-String
Bass. Dazu kommen die Keyboardeinwürfe von ExoD und teuflisches
Gefiedel von Borboën. Das, im Verbund mit Leïlindel, könnte
Sleepytime-Assoziationen wecken, ist aber dann doch ganz anders. Vielen
waren das zu abartig viele Haare in der PROG-Suppe, für andere einfach
zu viel des Guten. Mit gefiel der schrille und sarkastische
Bühnenzauber nicht nur, weil ich Headbangen zu krummen Takten für
therapeutisch notwenig halte, sondern auch, weil UNEXPECT die einzig
wirklich progressive Band dieser Freakparade war. WAS?!? Doch! Sie
waren die Einzigen, die ihren Rahmen nicht ausfüllen, sondern sprengen
wollten. Sie peitschten Metal weit über seine selbstgesteckten Grenzen
hinaus. Und das mit einem Witz, der einem nicht mit dem Arsch voran ins
Gesicht springt, wie Sebkha-Chot (mit denen sie trotzdem gemeinsam
touren). Dass manche das überhaupt nicht lustig finden konnten, liegt
definitiv nicht an der Humorlosigkeit der Kanadier. PROG-Faktor daher
8, plus Leïlindel-Bonus macht 8 1/2.
So oder so. Viele gingen auch diesmal wieder als Pink Panther: Wir
komm'n wieder, keine Frage. Und überhaupt, es muss einmal gesagt
werden, die FREAKs & PROGies sind eine grundsympathische Untermenge,
sehen besser aus als Spötter behaupten, und wo gibt es das sonst, dass
Akademiker angeregt mit Proleten fachsimpeln?
It ain't necessarily so!
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