Hans Fjellestad/Peter Kowald/Dana Reason/Jason Robinson "Dual Resonance" (Circumvention Music 2003)

Das erste Stück möge nie enden! Was für eine grandiose Wust wilder Dynamik, frecher Lust und aggressiver Intonation!!! Hans Fjellestad (p, synth), Peter Kowald (b), Dana Reason (p) und Jason Robinson (sax, electr.) entwerfen mitten im freien Feld improvisativer Musik, deren Herkunft aus Jazz, Avantgarde, Rock´n´Roll (die Energie) und Electronik zu stammen scheint, eine radikal-lüsterne Instrumentalorgie großen Ausmaßes. "Dual Resonance" hat vor allem zwei Orientierungen: grandios-abstraktes, freies Improvisieren, das irgendwo im Hinterstübchen Free Jazz verinnerlichte, sowie lyrisch-sensible Melodieparallelen - und ich weiß nicht, welche Sorte nun radikaler, erregender ist. Die wilden Stücke, klar, greifen sofort die Sinne und ziehen sie mit extremem Spiel und aggressiver Dynamik in ihren Bann. Die stillen Gegenstücke, die wie gehaucht, gestreichelt klingen, scheinen um so freier und direkter zu sein. Das Quartett hat weltweit mit etlichen und vielen bekannten Musikern zusammengearbeitet. Sie sind Perfektionisten an ihren Instrumenten, die nicht nur klassisches Spiel, sondern vielmehr emotional tiefe Improvisationen erregend lebendig machen. "Dual Resonance" ist ein Glücksfall. Klare Töne werden von gepressten, gequälten überwuchert, Plärren, Knirschen und Quietschen sind bewusster Teil der Stücke. "String Theory" ist so ein Song. Das Saxophon duelliert sich mit dem stänkernden Syntheziser, ein lächerlicher Kampf, der grandios wird, weil das glasklare Piano eine melodische Ebene daruntersetzt, die diese Farce zur klugen Komödie werden läßt. Am radikalsten erscheinen mir die 4 Teile des Titeltracks, die unter die 14 anderen Stücke verstreut sind. Hin und wieder greifen einzelne Instrumente, wie das Saxophon in "Torus Knot" oder die ganze Gruppe wie in "Balanced State" in fast schon konventionelle Avant Jazz Strukturen über, um im Laufe der Komposition sämtliche Konventionen wie im Rausch zu zerschlagen. "Balanced State" ist vielleicht der leichteste Auszug aus "Dual Resonance", die Sanftheit des 9. (von 18) Stückes ist wie eine Rast am Wanderweg, um Kraft für die weitere Wanderung durch die grandiose Natur zu schöpfen. Im zweiten Teil der CD verlieren Virtuosität, Frechheit, Aggressivität sich etwas; leisere, dafür komischere Elemente greifen Raum und die bisher atonal orientierten Wildheiten weichen melodischeren, erwachseneren Motiven. Selbst die Intonation hat sich gewandelt. Die Musiker scheinen ernsthafter, konzentrierter, strenger zu Werke zu gehen. Die vitalen Grandiositäten der ersten, phantastisch freien Stücke finden seltener statt. Und leise, sehr leise geht die CD zu Ende. Wie ein ganzes Leben, die freie Kindheit, wilde Jugend, ernsthaftes Erwachsenendasein bis zum stillen Alter ziehen sich die Songs auf "Dual Resonance" hin. Und als schlussendlich die letzten Töne verklungen sind, bleibe ich staunend, melancholisch und ein wenig traurig zurück. Was muss Musik mehr können?!?

hansfjellestad.com
danareason.com
jasonrobinson.com
circumventionmusic.com
VM



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