Fairclough & Youell "Momentarily" (Eigenproduktion, VÖ: 26.10.2009)

"Momentarily" ist ein zwischen Jazz, Liedhaftem und Rock tendierendes, exzellentes Werk des Schlagzeugers Peter Fairclough, der mit vielen Größen zusammen gearbeitet hat, etwa mit Keith Tippett, Paul Dunmall, Ute Lemper, David Cross und Mike Westbrook sowie Hayley Youell (voc, key), die mit The British Expeditionary Force, A Certain Kind of Person & Tiny Little Secrets arbeitete. Fred Thelonious Baker (b, g, Phil Miller's In Cahoots, Soft Machine, Harry Beckett, Karen Street) und Dave Bainbridge (key, g, Bouzouki, Iona), dessen Jazztalent bislang augenfällig unterschätzt wurde, ergänzen das Line-Up kongenial.
Zu hören sind 12 Songs, eher entspannte Stücke, partiell poppig und leicht eingängig, mit illustren Gesangspartien ausgestattet, deren Gesangslinien von feinem Jazz durchflossen sind, die aber auch schon mal Hitpotential haben können, wie etwa die Jazz-Pop-Ballade "Overload", deren fast 7 Minuten nicht mehr aus dem Kopf gehen, nachdem sie ein paar Mal ihre Reize ausgebreitet haben. Zuvor gibt es das neunminütige "Quicker Than Sand" als Opener, das auch auf der (unten angegebenen) Myspace-Seite des Duos zu hören ist, und das als langes Vokalstück beginnt, bis es von intensivem, wenn auch leichtem Jazz eingefangen wird. Was da - wie in vielen anderen Songs - an Interplay zwischen Piano, Bass und Schlagzeug passiert, ist überwältigend.
Rockfans werden ihr Tun haben, sich an die liedhaften Songs zu gewöhnen, die leichten, leisen, nachvollziehbaren Ideen zu mögen. Und doch sind die Stücke vor allem aus Rock gemacht, wenn die instrumentalen Improvisationen und solistischen Abgründe zumeist auch tief in Jazz aufgehen. Was Bassist Baker macht, ist grandios. Knackige Funk-Technik in eingängigen Partien, melodische Vielfältigkeit in symphonischen Passagen, in Jazz-Flächen und Rocksoli, da ist viel mehr als versiertes Handwerk. Dave Bainbridge spielt sich, hat es den Anschein, frei. Seine Pianobeiträge wechseln in einer Improvisation, einem Solo beständig zwischen Jazz und Pop, zwischen liedhafter Eingängigkeit und dieser melodischen Extravaganz, die nur im Jazz so vielfältig auffährt.
Einer der schönsten Songs auf "Momentarily" ist "Those Birds". Auf dunkler Keyboardfläche spielt Baker ein schweres, virtuoses Bassmotiv so leichthändig, dass der Hörgenuss überwältigend ist. Piano + Bass + Schlagzeug samt Stimme machen die virtuose Komposition in dieser popfernen Rasanz ungemein intensiv und leidenschaftlich bis zum letzten Ton.
Die zwei letzten Minuten von "Trippin'" spielt Dave Bainbridge eines seiner exzellenten Gitarrensoli, er spielt sich heiß, wird immer schneller und wilder, bis - leider! - der Song plötzlich abgewürgt wird, wohl um dem Ding Gitarrensolo an sich die Wichtigkeit zu nehmen und darauf hinzuweisen, dass es Gedudel sein kann, was es hier nicht ist. Wie dem auch sei, die involvierten Musiker sind alt genug, tausende von Gitarrensoli gehört zu haben und sich auf melancholische Tiefe zu konzentrieren, der Ausfall war geplant, zeigt aber auch, wie anders der Song - und vielleicht die ganze Platte - klingen könnte, wenn die Band mehr Wert auf Rock als auf Jazz gelegt hätte. Und Jazz hat definitiv die Überhand. Ist Basis und Anliegen der CD.
Bis zum letzten Song bleibt das Album stets intensiv, Pianojazz und liedhafte Jazzballaden wechseln sich mit instrumentalen Stücken ab, deren Interplay stets sehr ausgewogen ist. Die Songs sind eingängig und leicht, ohne sich anzubiedern, oder Pop zu sein. Und wenn manche Idee Pop genannt werden kann, dann wegen ihrer Leichtigkeit in der Komposition, und nicht in der komplexen instrumentalen Ausführung.
Hier treffen viele gute Dinge aufeinander. Die handwerklichen Fähigkeiten der Musiker, die intuitiven Feinheiten, das Aufeinanderzugehen der Melodiker, das Interplay, die plötzliche Rasanz einiger Soli (vor allem am Piano, vom Keyboard begleitet), die grandiose Stimme von Hayley Youell und die wunderbaren Gesangslinien.
Das 11-minütige "Little Steps" am Ende der CD ist ein weiterer potentieller Jazzhit. Die letzten Minuten sind rein Cymbals, der Song an sich etwa 7 Minuten lang. Leise, melancholisch, verträumt beginnt die Note, mit hintergründiger, leiser, schwer düsterer Keyboarduntermalung, Fred Thelonious Bakers herausragendem, besonderen Bassspiel, Piano und Stimme. Ganz langsam geht die Band ihr Motiv an und zaubert eine lebhafte Fülle darein, die grandios ist.
"Momentarily" ist ein stilles, feines Meisterwerk an den Grenzpunkten zwischen Jazz und Rock. Ungewöhnlich, intensiv, dabei eingängig und liedhaft, komplex, herausfordernd und doch ohne größeren Sachverstand schlicht genießbar. Klingt wie erwachsen gewordener Canterbury Prog, so, wie Progfans sich erwachsen gewordenen Canterbury Prog wünschen. Und was ist Canterbury Prog?

myspace.com/faircloughyouell
jazzcds.co.uk
VM





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