Electric Orange "Krautrock From Hell" (Sulatron Records, VÖ: 05.02.2010)

Mit Krautrock ist es wie mit Progressive Rock oder Psychedelic, Metal oder Pop - ein Begriff nicht für die Schublade, sondern für die Haustür. Dahinter stecken tausende Varianten und Details, verschiedene Wege, konträre darunter, gewiss. Electric Orange sind, was Krautrock betrifft, noch immer die Kleinen. Der Nachwuchs. Seit 1992 tummelt sich die Band im Musikgeschehen, gibt CDs als Statements ab. Jetzt mal wieder ein neues Statement. ‚Hell' scheint ein guter Ort zu sein. Viel kommt von dort. Und was Electric Orange von ‚Hell' mitgebracht haben, hat Flair und Charakter. Klingt gut, geht gut rein und runter, macht Laune und ist eingängig und unterhaltsam.
7 Songs sind auf der CD zu hören. Drei kurze Tracks, nicht zu kurze, und 4 lange. Ihre Energie ist auf diese ihre Länge angelegt, was drin war, hat die Band rausgeholt. Die Kompositionen, wenn man so will, sind nicht sonderlich aufwendig oder komplex. Electric Orange sind keine Komplex-Schmiede. Die Band macht emotionale Musik, improvisativ angelegte Musik mit lautmalerischem Gesang im Off, rotierenden Rhythmuskomponenten, die fast minimalistisch in sich mäandern, ihre Schleifen drehen und den großen Groove wagen.
Klangfetzen werden mit dem großen, im Booklet abgedruckten Instrumentarium gespielt, zum allgemeinen Rockinstrumentarium gibt es jede Menge Extras, Congas und Querflöte etwa, Vocoder und Farfisa Orgel, Minimoog und Mellotron, Halbakustikgitarre und Leslie, Hammondorgel und Solina String Ensemble.
Schwere Orgelsounds wälzen sich wummernd und selbstbewusst mit breitem Kreuz aus den Boxen, locker und satt von lockerem Rhythmus unterlegt. Der harte Rock ist nicht besonders hart, hat Schmackes und Radikalität, ohne brutal oder aggressiv zu sein. Die ganze Platte ist eher laid back und die Songs schippern sich gemütlich in die Ohren. Das harmonische Ineinander von Gitarren und Tasteninstrumenten, Stimmen und Flöten und der dick bewegten Unterlegware aus Schlagzeug und Bass geht schnell in die Ohren und macht auf guter Anlage mit dicken Boxen ungemein Laune.
Nicht, dass die ‚Songs' so unbedingt ins Ohr gehen und nicht mehr raus wollen. Die Stücke sind eher eine Idee von Song als wirkliche Stücke. Alles ist episch angelegt und fräst sich genüsslich mit Vitalität ins Unterbewusstsein. Andere Bands hätten daraus knackige 5-Minüter gemacht, für den Geschmack der breiten Masse. Electric Orange lassen die Ideen fließen und die Songs zu viel mehr werden als zu Radiofutter oder Tageshit. Am besten gefällt mir das die CD abschließende "Wurmloch". Wo eben noch 25 Minuten "Neuronomicon" nach folkig hübschem Beginn ihre Röhrenverstärkerbahnen zogen, von esoterischem Mellotron (ich will immer ‚Melltron' schreiben, verflixt!) auf die Umlaufbahn gebracht und stets auf pulsierend hohem Level gehalten, als sei der Song die natürlichste Sache der Erdbeerwelt, da zuckelt plötzlich Unterbewusstseinsgeblubber über weite 15 Minuten und keine Sekunde ist langweilig. Für neugierige Hörer psychedelisch krautiger Spacerock Electronic Sounds. Im Bauch kitzelt es, der lebt also noch. Schön, das zu fühlen. Die Musik muss gut sein.
Der aktuelle Run des Progressive Rock hat die psychedelische Krautband mit Inspiration infiziert, so gibt es atmosphärischen Schönklang im symphonischen Kleid und nix Billiges, wo Rhythmus.
Inspiriertes Werk, schön elegisch und tief grummelnd, lebendig und voll innerer Ruhe. Nachdem die ‚klassische' Krautrock-Szene sich seit langem schon mit partieller Wiederkehr in die Rente verabschiedet hat und die Gene in die nächste Generation (Gene in die Generation) vererbt hat, erweisen sich die in eben diesem Geiste aufgezogenen Kinder viel inspirierter und kreativer als manche ihrer kultig verehrten Väter und Mütter. Gut so!

electric-orange.com
sulatron.com
VM



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