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Eldbjørg Raknes "Sense" (MYrecordings 2010)
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"Sense" geht ganz nah. Ganz tief. Sofort. Eldbjørg Raknes' Stimme scheint direkt unter der Membran der Boxen zu sitzen. Ihr Gesang geht durch die Poren unter die Haut, überfällt den Kopf wie den Körper und vermittelt nicht nur, Musik zu sein, sondern gleichviel mehr. Eldbjørg Raknes scheint ihre Zuhörer zu rufen, mit mystischem Gesang zu locken und zugleich zu umgarnen, ihre Unmittelbarkeit, die Nacktheit ihrer Stimme und die Sanftheit und Zerbrechlichkeit der Intonation der Töne und Worte wirkt hypnotisch wie ein gewittriger Sonntagsdämmer. Im ersten Song gibt es nur einen Rhythmuston neben ihrer Stimme, im zweiten ihre gesampelte Stimme mehrfach übereinander, nebeneinander, verschleppt wie ein Kanon, den sie mit sich selbst singt, immer in dem dezenten, tief melancholischen Ton, rein wie eine eisigkalte Quelle, stark wie ein uralter Fels und das Moos auf seiner brüchigen Oberfläche.
Da summt ihre Stimme nur, mit offenem Mund. Es könnte die Stimme einer uralten Frau sein, einer jungen zugleich. Zeitlos ist, was Eldbjørg Raknes komponiert und spielt. Da kommen Songs mit erschreckend starkem (Anti-)Rhythmus, nach den sieben Minuten des verhangenen Nebels des dritten Stückes [1 bis 5 heißen "Close To", 6 bis 10 "Far From", 11 = "All Right, Alive"], dessen düstere Stille und windstille Verlorenheit wundersamste Melancholie erschafft, und in dem sich ihre gesampelten Stimmen zum fragmentarischen Chor sammeln, bis eine davon heiser und hoch singt, kratzige Töne gebiert und einzigartige Tonlandschaft aufmacht - und trotz aller Ansammlung der Töne und Stimmen keine Lautstärke aufkommt, wenn der Song seine Emotion auch laufen lässt und Wellen sich überschlagen, folgt urplötzlich ein lauter, unrhythmischer Maschinengewehrrhythmus, der an Jagdschüsse erinnert, die in der Ferne über Land zu hören sind, aufgenommen, vervielfacht und stur aneinandergesetzt, kein Rhythmus, kein Leben, nur Ausdruck und Experiment. Dazu ihre Stimme. Mit lebhafter Melodie und herzhaftem Gesang. Fast Pop. Was sie singt, ist ein Rätsel. Mal englische Worte, dann hört es sich an, als sänge sie eine skandinavische Sprache rückwärts. Die Folge der Vokale und Nichtvokale können so keine Sprache sein, nicht nach meinem schlichten Verständnis.
"Sense" ist nicht greif- oder fassbar. Keine Musik, die konkret auf Vorbilder baut. Eldbjørg Raknes singt Avantgarde, deren strukturelles Prinzip in der Tiefe der Folklore liegt, mystische Gestalt hat, aber auch Wissen um Free Jazz, moderne Avantgarde und Metal offenbart, so sperrig tut die melodische Sprache sich auf.
Bleibt nur eines zu sagen: Neugierige sollten ihre Ohren öffnen und den wohligen Schauer genießen. Diese Inspiration scheint direkt aus dem Bauch zu kommen und wird für die Sängerin wie für die Zuhörer wie Befreiung wirken. Trotz aller Befremdlichkeit.
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