Discordia "Utopia Perfection" (Eigenproduktion 2007)

Progressive Rock hat viele Gesichter. Discordia geben dem Genre ein selbstbewusstes, schönes, schon von einigen Furchen durchzogenes, straffes, gesundes und fröhliches Gesicht. Scheinbar greifen die üblichen Schubladisierungsversuche hier nicht so recht. Retro ist es nicht, obschon die Band viel inspirative Musikwolllust aus dem guten alten 7. Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts klaubt. Neo trifft es gar nicht. Heavy trifft es etwas, Old School Heavy. Rock ist dabei, Pop ist dabei. Jazz fährt am Horizont vorbei.
Discordia haben ein ganz besonderes Händchen für ausgefuchste, grandiose und zum Heulen schöne und dabei ordentlich schräge, eigenwillige, wunderbar harmonische und exzellent komponierte - jetzt kommt es - Gesangsparts. Und die Stimmen bringen es!!
Ich werde jetzt nicht die Namen der 2 Musikerinnen und 4 Musiker aufführen, sind zu viele ä darin. Sie alle machen ihre Sache sehr gut.
Die Songs haben Drive, rocken fett und frisch, verfangen sich nicht in überaus komplizierten Strukturen, breiten aber dennoch verflixt ausgeklügelte Passagen aus, die sie wie im Sturm nehmen.
Orgel, Gitarre, Bass und Schlagzeug haben das Zeug für die Kneipe in manchem Song, in anderen fahren sie mit den Lieblingsvorstellungen der Prog-Gemeinde spazieren. Dann brechen die Rhythmen und Melodien, die Solo-, Duo- und Chorgesänge nehmen andere Richtungen, Geschwindigkeit nimmt zu, Folk und Jazz klinken sich ein - und am faszinierendsten ist dabei die Energie der Band, ihre Vorliebe, jede Idee ihrer Sentimentalität zu berauben und diese fröhlich zu braten. Es gibt nur energische, flotte Töne zu hören - in aller kleinen und großen Molllastigkeit.
Spätestens beim dritten Hören passiert es, dass einige der Ideen nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich ertappte mich dabei, "Mighty Power Of Metal" am Abendbrottisch zu schmettern, und die 4 Mitesser, äh, meine Familie, meine ich, sieht mich blöd an - und die sind einiges gewohnt!
Die Space-Rock-Refrains (!) in "Speak Directly" sind einfach und schlicht geil, nicht weniger der mittelalterlich inspirierte vielschichtige Chorgesang in "The Group", dessen Melancholie in ein schnelles Heavy-Prog-Schema führt. Alle Achtung, die haben gute, verflixt gute Ideen!
"Slave Planet II" ist das grandioseste Stück der CD. Die 6 Minuten schmelzen in den Ohren (und nicht auf der Zunge) zusammen. Diese Stille! Diese Klarinette! Dieses Vibraphon! Und dann erneut der mittelalterliche Chorgesang!
Ebenso nett ist die witzige Note "Mighty Power Of Metal". In dem Stück geht es nicht um Heavy Metal, sondern um die Schwerter, mit denen im Mittelalter die einen Kämpfer die anderen Kämpfer aufschlitzten. Klingt aber wie Heavy Metal - und hat enorm Witz in seiner flotten Figur.
Danach darf "Giant Dwarf" noch einmal symphonische Stimmung transportieren und, jetzt doch mal ein Name, und mit viel ä, Tero Väänänens Stimme hat sich ihren Reiz bei Kate Bush abgehört. Nach viel zu kurzen 44 Minuten ist die CD schon wieder aus.
Prog-Freaks werden ihr typisches Problem mit der Band haben. Es gibt keinen Longtrack. Gut, "Slave Planet I und II" bringen es zusammen auf 10 Minuten, aber sie stehen extra. Lange Keyboardautobahnen - keine Spur. Ewige Intros und Outros - keine Zeit dafür. Lieber besinnt sich die Band, schraubt ihre Ideen fest zusammen und macht 11 kurze Songs draus. Und ein jeder davon klingt gut. Ganz ohne Abstriche.
Von wegen ganz ohne Abstriche, wie werde ich nur wieder dieses "Mighty Power Of Metal" los???

discordiamusic.com
recordoffice.net
jukeboxshop.net
cdbaby.com/cd/discordia
VM



Zurück