Degree Absolute "Degree Absolute" (Sensory Records, VÖ: 06.03.2006)

Starker Auftakt! Der Plan der Band ist aufgegangen. Multiinstrumentalist Aaron Bell, Kopf und Komponist der Truppe Degree Absolute, hat in etlichen Bands gespielt, ist seit 20 Jahren aktiv in der Metalszene, war aber zunehmend unzufrieden, weil er in den diversen Bands nicht kompromisslos das spielen konnte, was ihm vorschwebte. Kurzer Hand gründete er mit Dave Lindemann (b) und Doug Barey (dr) sein eigenes Unternehmen. Seine Kompromisslosigkeit drückt sich darin aus, dass er zwischen allen Stühlen sitzt. Progmetal ist die Devise, aber Jazz, Ambient, Thrash, Doom und Power Metal sind ebenso in den 9 Songs plus Hidden Track massiv vorhanden.
Das exquisite Spiel ist technisch und komplex orientiert. Brutalharte Knüppelsongs werden extravagant und differenziert auseinander genommen. Das Schlagzeugspiel ist neben allen Doublebass-Attacken schön versiert und betont die diversen Themenwechsel kraftvoll und dominant. Der Bass hält die Band am Boden und schafft die dichte und fette Basis, auf der die Gitarre, wenn sie keine melodiebetonten Riffs spielt, solistisch und harmonisch die Vielzahl motivischer Wechseln intoniert. Das geht extrem gut ab und hat als Vergleich höchstens Watchtower oder Fates Warning. Bombastisches gibt es eher wenig, mal eine kleine Reminiszenz an King Crimson im Solo am Ende des zweiten Tracks "Laughing Alone" oder ein hymnisch flitzendes Instrumentalstück.
Der Gesang hat Power Metal Qualität, Gesangslinie und Intonation sind eher einfacher Art, die instrumentalen Exkursionen dagegen flippen regelmäßig aus und absolvieren fette Lawinen rasend schneller und deftig harter Passagen.
Bemerkenswert ist in aller deftigen Härte die sensible Melodieführung, in aller technischen Einspielung die emotionale Komponente der Songs. So sind einige der Tracks durchaus eingängig, was an den schweren, tiefen Riffs liegt und der dazu passenden kraftvollen Rhythmusarbeit.
Und plötzlich bricht die Lautstärke der bisher drei Songs ein, wenn die dunkle Ballade "Confession" ihren schweren, atmosphärischen Keyboardteppich ausbreitet, auf dem die nüchterne Band exzellent knackige Arbeit leistet. Das setzt sich im folgenden "Distance" fort, das mit einem Basssolo beginnt, von Percussions und zarter Gitarre begleitet, schließlich setzt das Schlagzeug ein und das Stück baut eine melancholische Tiefe aus, die von diversen Einbrüchen in zartes, intimes Spiel gespeist wird. "HalfManHalfBiscuit" wird noch leiser, zeigt sich verspielt, sphärisch, verträumt, selbst die schweren Gitarrenakkorde brechen die Düsternis nicht auf, sondern untermalen sie faszinierend.
Nach der stillen, dunklen Songtrilogie folgt mit "Pi" wieder ein heftiges Stück, das ungemein verzückende jazztrunkene Extreme in sich trägt. Fabelhafte Idee, deren drei Minuten derart knackig sind, dass der Track mehrfach die Repeat-Taste einfordert. "Ask Nothing Of Me" treibt harten Metal voran, wieder von vital-komplexer Natur und technischer Finesse, ideenreich und von der Gitarre exzellent solistisch gekrönt.
Ja, und dann kommt der Meilenstein der CD. "Ergo Sum", 11 Minuten lang, malt erst düstere Unruhe, das könnte von einem Elektroniker kommen. Doch dann ebben die Keyboards leise ab und die Gitarre setzt melodisch ein. Akustische und elektrische Gitarrensoli wechseln sich ab, harter und lauter Metal wechselt sich mit Einbrüchen in die Stille der Elektronik und der zarten Gitarrenakkorde ab, der Song peitscht wiederholt auf und wird zum Bombastmonster. Die letzte Minute ist Stille. Dann folgt der Hidden Track, wieder auf ganz zarten Pfoten, die schließlich zum maschinellen Stampfen werden, aber stets verhalten bleiben, ohne brutal auszubrechen. Leise und zart klingt das Album aus, mit ambienten Elektroniksounds, die partiell von der schweren, verhalten gespielten, aber hart und böse klingenden Gitarre untermalt werden. Das ist als perfekter Kanalwechsel stereo sehr gut gemacht. Ein kleines Meisterstück, das sich als Hidden Track längst nicht verstecken muss.
Degree Absolute haben kein herkömmliches Progmetal-Album eingespielt, ihre Ideenvielfalt bezieht sich aus vielen Stilen und ist ungemein eindrücklich und von großer Ausdruckskraft.
Ein Meilenstein mit Charakter (für die Anspruchsvollen Prog-Freaks mit kleinen Macken wie der Rifflastigkeit in den Gesangspassagen sowie dem "normalen" Powermetal-Gesang ausgestattet). Plan gelungen, die "Kompromisslosigkeit" von Aaron Bell ist voll überzeugend. Tipp!

degreeabsolute.com

VM




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