Jeff Libersher (g, b, tr, voc) und Thymme Jones (dr, keys, tr, voc), damals noch mit Chris Block, längst mit Alex Perkolup (b, g), haben ihre Karriere Revue passieren lassen und sich angesehen, was sie mit ihren diversen Alben geschaffen haben: die ganze Popmusik abgegrast, jeden schrägen Winkel ausgekostet, Leidenschaft mit Leichtigkeit gepaart, Kitsch und Kunst gespielt, abwechselnd Moden und Zeitgeist bedient. Sie sind in den Jahren, mit den Alben weit abgekommen von dort, wo sie starteten.
Doch jetzt, 20 Jahre nach ihrem fulminanten Start "Sever Roots Tree Dies" (2007er Reissue auf Freakshow Records) spielen sie wiederum 9 Songs ein, die dem Debüt kein besseres Erbe sein könnten. Vielleicht inspiriert durch "neue" Bands wie Thinking Plague und 5uu's, "alte" ausgekramte, wie etwa Henry Cow oder Frank Zappa, möglicherweise gar den grandiosen Klassiker Yes, einem Strudelmix dieser Bands. Ausdruck von Krise?
Nirgendwo. Nicht einmal das Debüt war so abstrakt und avantgardistisch wie "Fear Draws Misfortune". Kein Wunder, dass Cuneiform auf die Band aufmerksam wurde, auf ihre umwerfend und verrückt guten Alben der letzten Jahre nach den poppigen aus den 1990ern, auf ihre neuen Aufnahmen. Elektro-Avantgarde wie Faust, jäh ausbrechende Aggressionsradikale wie Sleepytime Gorilla Museum, extreme Komplexe wie 5uu's, schöngeistig Anspruchsvolles wie Yes, jazzig gegen Strich und Takt ausbrechende Atonal-Erregungen - Avant Prog (oder Art-Rock, wenn man so will), hat zuletzt selten so vital gerockt, dazu melodische und harmonische Extravaganz aus dem Avant Jazz zugelassen, Druck und Dynamik leidenschaftlich geprägt, so entschieden gegen jede Eingängigkeit, jede Leichtigkeit radikalisiert.
Unter Mithilfe einer Fülle Gastmusiker, zu denen auch Carla Kihlstedt (vi, voc, Sleepytime Gorilla Museum) zählt, fahren die 9 Kompositionen unnachgiebig schräges Liedgut auf, das ungemein Erfüllung ist.
Wie ist es dazu gekommen, dass das radikalerneuerte Trio den Weg zu abstrakter progressiver Musik zurückgefunden hat? Die allgemeine Lust des Publikums besonderer Klänge, zu denen sie auch selbst gehören, wieder mehr komplexes, schräges Material zuzulassen, als späte Frucht früher progressiver Rockmusik? Wie dem auch sei, jeder Song ist eine Überraschung, klingt lebendig und inspiriert, scheut keine Disharmonien und Rhythmusbrüche, hat Kraft und Energie, Klang und Lust, laszive Empathie und wilden, zügellosen Humor.
Keine hehre, hochmütige Kunst, keine Arroganz, dieses "Fear Draws Misfortune", sondern verrücktes Musikkabarett mit Lust auf Schräglage und Rock'n'Roll.
Für die besten Sammlungen.
cheer-accident.com
cuneiformrecords.com
VM
Zurück
|