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Charles & Morgan "Homework" (1974, Eigenproduktion)
Dieter Kaspari "De Pau erav" (2008, Luxaries Records)
Blu'heat "Oecher Blues Bülle" (2007, Luxaries Records)
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Mitte der 1980er Jahre tauchte sie urplötzlich auf. Keiner kann sich mehr erinnern, woher sie kam, wer sie mitgebracht - und vergessen - hatte. Sie war einfach da. Ohne Cover, nur die Platte in der Innenhülle. Charles & Morgan - "Homework". Sie lief ständig auf allen Wochenendparties, den schlimmsten Plattenspielern und überlebte in der Hülle eines Rolling Stones Best Of Doppelalbums als dritte Platte. Ich hatte sie auf Kassette gezogen, das Ding im Auto wieder und wieder abgespielt, bis die Kinder (die damals noch ganz klein im Kindersitz eingesperrt waren) fast alles mitsingen konnten. Dann kam das erste CD-Auto, die Kassette, die längst ausgeleiert war und in ihrem Leiern einen einmalig schrecklichen Schrägklang bekommen hatte, flog in den Müll. Die LP gehörte schließlich meinem älteren Bruder und dessen Platten stehen in seinem Arbeitszimmer hinter Glas. Ich vergaß die Platte. Er ebenso. Die Kinder fragten nicht, wurden ständig mit Musik bombardiert und wunderten sich, warum die anderen Kinder in den Schulklassen, die sie schließlich besuchten, nichts von all dieser Musik wussten.
Jetzt sind Ise, Willi und Franz nicht mehr in der Schule, mein Bruder hat keine Haare mehr (nur so ganz kurze weiße Borsten) und auch auf meinem Kopf wächst der Parkplatz. Als ich mich entschied, Ragazzi ausklingen zu lassen - keine Sorge, es geht noch ein wenig weiter, ein wenig - seit zwei Jahren bin ich damit völlig überfordert und funktioniere nur noch, da kam mir wieder ein Haufen altes Zeug in den Sinn. LPs und CDs, die ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Die legte ich auf, zunehmend begeistert, dabei fielen mir auch etliche Raritäten in die Hände, wie etwa "Kombination" vom Günther Fischer-Quintett, dem einzigen abgefahrenen Jazzrock-Werk des unentwegten Jazz- und Pop-Komponisten und Saxophonisten Günter Fischer. Profanes und Elegantes, Kunst und Kommerz, Klassik und Jazz, Uraltes und nichts Neues - kaum Rock dudelte durch mein Zimmer. Und nach und nach fielen mir Sachen wieder ein, auf die ich wieder Bock hatte. Ich wusste längst nicht mehr, wie die Typen hießen, wie der Name ihres Albums war, ich erinnerte mich nur daran, dass auf der ersten LP-Seite viele kurze Songs waren, auf der zweiten ein paar kurze und ein langes Teil. "Dat Lewe macht doch kengen Spaß, wenn de op de Kopp ke' Hoore hass'" - daran erinnerte ich mich, und an die Kinderstimme: "… ein Fisch…". Die ersten beiden Emails an meinen Bruder brachten keine Erkenntnis, doch dann wühlte er sich durch den Plattenberg - und fand sie. Damit hatte ich den Namen der "Band" und der Platte. Unter rateyourmusic fand ich die Platte innerhalb der Aachen-Connection, so wusste ich, das Charles Charly Büchel heißt und Morgan Dieter Kaspari. Beide sind nach wie vor musikalisch aktiv und auf Myspace zu finden. Dieter Kaspari hat zudem eine eigene Webseite, auf der ein kurzer Abriss seines Musikerdaseins zu finden ist:
"Jahrgang 1947, geboren in Aachen und der Stadt seitdem treu geblieben - wenn man von den zahlreichen Tourneen absieht. Seit 1965 Musiker, davon 12 Jahre als Profi in verschiedenen Bands, darunter Cave Dwellers oder Credo. In Aachen genießt besonders Truss immer noch einen legendären Ruf. Wichtiger sind für Kaspari aber die zweieinhalb Jahre on the road mit Champion Jack Dupree und vielen anderen amerikanischen Blueslegenden. Große Tourneen auch mit Charles & Morgan, als Vorprogramm von Golden Earring und Greenslade. Seit 1978 als Werbefotograf tätig, dazu zahlreiche Fotobände und Ausstellungen. Mischt derzeit die Stadt auf mit Original Öcher Blues, als Sänger, Gitarrist und Mundharmonikaspieler bei den Bluesbüllen, früher auch bekannt als "blu' heat'. Zuletzt und frisch aus der Presse seine brandaktuelle Solo-CD "De Pau erav" - waschechter Blues in einem Öcher Platt, wie man es nur auf den Straßen seiner Stadt lernen kann. Und das, wovon er singt, kann man nur im wirklichen Leben lernen, in Aachen oder anderswo."
Charly Büchel nennt sich heute Charly McLion und macht elektronische Musik, ‚Lounge', zwischen Enigma, Enya und Pat Metheny. Dieter Kaspari macht Blues, Öcher Blues. Ich hatte Glück, er antwortete auf meine Email.
"Homework" gibt es nicht auf CD. Aber er hatte die Platte (mit allem Knistern) digital zur Verfügung und machte mir eine Kopie, seine beiden neuesten Werke legte Morgan, Pardon, Dieter Kaspari, bei.
Jemand meint auf rateyourmusic, die Band, die "Homework" eingespielt habe, müsste aus Ohio oder Michigan stammen, und wundert sich, dass die ‚Acid-Folk Tour-de-Force' aus Deutschland stammt.
"Homework" ist ein ziemlich lässiges Unternehmen. Die neun Songs (ca. 41 Minuten) sind ungemein verspielt, lebensfroh und bluesverliebt, voll schräger und witziger psychedelischer Momente und Stimmungswechsel, Überdrehtheit und Melancholie in allen Facetten, stürmischer Drang und lässiges Abhängen stecken in der Musik - und so lässt sich der Sound auch am besten genießen. Tanzen, abhängen, Auto fahren, dem Regen beim regnen zusehen, Augen zu und Socken auf den Tisch.
"Sesamstress" ist instrumental, eine perfekte Einführung. Sodann stampft "Super Ugly" überwiegend elektrisch durch seine Kurzweil. "Hey Man" hat nachdenkliche Epik, der Acid-Folk ist zeitlos und frisch und locker, schließlich schwimmt der Fisch im Wasser, von Kinderstimme angestimmt, die Band nimmt sich das kinderliedartige "Five Little Fishes" sanft und zart vor, die Perkussion kennt nur einen Begriff: fetzig!
"Getaway" tendiert zum Rock, der halbakustische Blues lebt von akustischen Gitarren und Morgans starker Stimme, das Schlagzeug rockt locker und verspielt und die Zeit verliert sich nicht erst im erlesenen Gitarrensolo. Der "Thieke Blues" beendet die erste Plattenseite. Und das ist das Teil mit "Dat Lewe macht doch kengen Spaß, wenn de op de Kopp ke' Hoore hass'". Lustiger - und schöner - Weise ist genau dieser Song in neuen Versionen auf beiden neuen Alben Dieter Kasparis enthalten, der seiner Restkopfhautbedeckung eine schwarze Kappe aufgesetzt hat. Anders als Charly McLion, der mit Löwenmähne ins Bett geht und mit derselben daraus wieder aufsteht, wenn es soweit ist, hat Morgan nicht mehr viel davon, so wie mein Bruder, aber: "…du bist so alt, wie du dich fühst…".
Eine Besonderheit des Duos ist die Verwendung der Sprache. Sie singen im ‚Öcher' Platt, dem Plattdeutsch, das in Aachen gesprochen wird. Das kommt nicht komisch rüber, sondern ist urig, hinreißend und cool.
"Let the Good Times Roll" eröffnet den Reigen auf Seite zwei. Psychedelic Acid Blues mit grandioser elektrischer und lässiger akustischer Gitarre lässt den Kopf wippen und wie den Tag so die Nacht genießen. Die "Rhapsody" darauf macht ihrem Namen alle Ehre und gibt sich ausgedehnte 12 Minuten. Davon wird nix verraten, das müsst ihr hören! Die dreiteilige "Train Session" (mit den Untertiteln a. Arrival b. Desert Station c. Full Steam) beendet ein ausgezeichnetes, eigenwilliges Kleinod extravaganter, lebenslustiger und herzhafter Musik. Keine Lust mehr, weiter darüber zu schreiben. Wie gesagt, hört es euch an. Ist besonders und wunderbar.
"De Pau erav" aus 2008 hat 10 Songs drauf, plus "Thieke Blues 3". Eingespielt von Charly Büchel, Dieter Kaspari, Franz Brandt (seine Tränen sind Gold wert!), Semmel Sembritzki und einem unbenannt gebliebenen Schlagzeuger, ist den Songs eine Ahnung von Charles & Morgan anzuhören. Der Blues hat Deutschrock-Format, ist einfacher und mainstreamiger als das uralte Album und hat doch nicht wenig Herz und Sinn. Lässiger Blues perlt entspannt, lebhaft instrumentiert und locker und leicht eingehend. Nachdenkliche Songs folgen, flotte, knackige Rocker, kaum Pop, viel satter, grooviger Sound. Und der "Thieke Blues" überrascht als harter, schneller Rocker.
"Oecher Blues Bülle" von Dieter Kaspari, Günter Krause und Franz Brandt als blu'heat eingespielt, 32 Minuten lang, ist Folk-Blues, der einfach und längst doch nicht simpel ist. Nicht nur ein Hauch Nostalgie schwebt mit den Songs aus den beschwingt arbeitenden Boxen, Jazz-Prisen sitzen im Bluesblut und nichts, nicht mal der "Thieke Blues" hat die Magie wie die Liebeserklärung an ihre Heimatstadt. "Oche" - auf Myspace in anderer Version zu hören - ist satt und besoffen, vollmundig und ausgeliefert an ihre Hingabe an die Haustür und ihre Nachbarn. Der Ort "Pimmelakei" vor den Toren der Geliebten bekommt sein verschmitztes Fett weg (wie sind die bloß darauf gekommen, den Namen so zu nennen, und wo ist das fehlende zweite ‚l'?), und bevor "Wonderbar" die kurzweilige Platte schon zu Ende bringt, rollt sich das Trio durch die Haare des "Thieke Blues (Numero Zwo)" - und einer der Drei, vorn glatt polierter Schädel, hat hinten einen grauen, frischen, lebendigen Zopf dran, dat Lewe macht doch mere Spaß, wenn de op de Kopp long Hoore hass'.
dieter-kaspari.de
rateyourmusic.com/release/album/charles_and_morgan/homework
rateyourmusic.com/list/monoblue/the_aachen_connection
VM
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