|
Camel
"Breathless" (Decca 1978)
"The Single Factor" (Decca 1982)
"Stationary Traveller" (Decca 1984)
(Esoteric Recordings, VÖ: 29.09.2009)
|
Mit den Backkatalogen mancher Bands ist das so eine Sache. Reissue-Labels können darüber graue Haare bekommen, oder vielmehr deren Betreiber. Camel ist so ein Fall. Esoteric Recordings hat bereits "I Can See Your House From Here", "Nude" und "Pressure Points" wieder aufgelegt, teilweise mit Bonustracks, mit dicken Booklets inklusive Bandstory usw. Jetzt sind die Alben dran, die mit Progressive Rock kaum etwas gemein haben.
"Breathless" könnte da noch einige Partikel aufweisen. Der überwiegend leichtgewichtige Popsound bekommt durch Richard Sinclair (b, voc) ein gewisses Canterbury-Flair, das sich jedoch weitgehend nicht durchsetzen kann, Mel Collins (fl, sax) weiß kaum Jazz oder Prog einzubringen, Andy Latimer (g, Computer, voc), Andy Ward (dr, perc) und Peter Bardens (key) schwelgen in Popmanie. Vielleicht ist zuletzt Peter Bardens noch als Keyboarder interessiert, symphonische Klänge einzubringen und hin und wieder gelingt das auch, wenn das Gros der Songs jedoch nur für Popradiostationen gedacht war und Musiksüchtige der Band aus dem zweiten Glied längst die kalte Schulter zeigten. Das 7-minütige "Echoes" rutscht mal symphonisch aus, fängt sich aber wieder und dann ist diese Chose auch fast abgefahren. Die verträumte Ballade "Starlight Ride", "Summer Lightning" und "The Sleeper" können noch mal allerletzte Canterbury- und Prog-Elemente auffahren, längst nicht das, was sie sein könnten und vordem gewesen waren. Die Band war schon auf einem anderen Dampfer unterwegs, winkte verschreckt nur noch einmal zurück. Nach "Rainbow's End", das die LP abschließt, gibt es den Song gleich noch einmal in der Singleversion, die genauso, ähm, süß ist.
Wenn die treuesten Camel-Fans, von der Band eigentlich längst schon verraten, sich das Album noch mit bitterer Miene ins Sammlerregal stellten (die beiden Nachfolgealben "I Can See…" und "Nude", vor allem das Letztgenannte, sind vielleicht gar besser als der atemlose Vorgänger), waren die vielleicht noch Melodic Rock Alben "The Single Factor" von 1982 und "Stationary Traveller" von 1984 aus Rocksicht der totale Schrott. Die Achtziger hatten voll zugeschlagen, der Schlagzeugsound, die Arrangements, die Kompositionen, der Gesang, die dürre instrumentale Ausarbeitung der sinnlosen Schlager, das kindische Getrommel, fast nichts erinnert hier an die Ästhetik der alten Band.
"The Single Factor" hat nach den 11 schwülstigen Schlagern und Tanzpopsongs "You Are The One" vom Album als gekürzte Promo-Version drauf. Nach zweiundvierzigeinhalb langen Minuten ist der arge Spuk vorbei, und doch war das Album noch um Längen besser als das, was mit "Stationary Traveller" im Anschluss zwei Jahre später kommen sollte.
Camel kratzten am niedrigsten Level, die elektronischen Achtziger hatten jedes progressive Moment komplett platt gemacht, und was "progressiv" klingen soll, ist nichts als ekliger Keyboard-Ausschuss, der heute schrecklich dated klingt. Wieder einmal gibt es Teeniepop, Tanzware und schwülstige Elektronik zu hören. Insgeheim mag die Band damals die 80er wie ihr Publikum verflucht haben. Heute wird sie es gewiss mit offenen Augen (und Ohren) tun. Hier war der Bodensatz erreicht. Das werden Elektropopper gewiss ganz anders sehen, die das Album ob ihrer Neuartigkeit lieben. Nichts erinnert daran, dass Camel einst das gewesen waren, was sie mit ihren großen Alben bewiesen hatten. Hier waren sie nichts mehr. Mit zwei Bonustracks kommt das Album auf 50 Minuten.
Die Alben sind für historische Sammler überaus interessant, kann anhand der CDs samt ihrer jeweiligen Story im Booklet doch sehr gut nachvollzogen werden, warum nicht nur Camel, sondern die ganze progressive Rockmusik aus ihrer einstigen grandiosen Qualität so tief abstürzen konnte.
Die Alben sind unter unten angegebener Adresse auch als digitaler Download erhältlich.
camelproductions.com
esotericrecordings.com
losttunes.com
VM
Zurück
|
|